Kinderkrippen: Platz ja, Panik nein

Von Joachim Lienert ‒ 22. August 2025

Der Schulbeginn ist ein Einschnitt im Leben eines Kindes. Doch auch Kinderkrippen stellt er vor Herausforderungen, treten doch viele Kinder beim Übertritt in den Kinder­garten aus. Wie beurteilen die Krippen die aktuelle Situation? Unsere Recherche zeigt: auf sehr unterschiedliche Art.

Das Chinderhuus Zumikon ist bei Kindern und Eltern beliebt. Das heutige Hauptgebäude wurde 1984 unter der Ägide der damaligen Gemeindepräsidentin Elisabeth Kopp erstellt. (Bild: jli)
Das Chinderhuus Zumikon ist bei Kindern und Eltern beliebt. Das heutige Hauptgebäude wurde 1984 unter der Ägide der damaligen Gemeindepräsidentin Elisabeth Kopp erstellt. (Bild: jli)

Die ­Informationen über den aktuellen Zustand von Kinderkrippen sind widersprüchlich. Viele Medien, ­darunter die NZZ und der Tages-Anzeiger, berichteten in jüngerer Zeit von einem Überangebot an Kinderkrippenplätzen, insbesondere in Städten. Waren früher Betreuungsplätze Mangelware, herrscht mancherorts ein Überangebot, sodass einige Krippen sogar schliessen mussten. Wie sieht es in unseren Gemeinden aus?

Werfen wir einen Blick auf die nackten Zahlen: Geboren wird noch immer. Alina Bolz, stellvertretende Leiterin Marketing und Kommunikation des Spitals Zollikerberg, teilt mit: «Entgegen dem rückläufigen Trend im Kanton Zürich verzeichnet das Spital Zollikerberg seit Jahren konstante oder steigende Geburtenzahlen.» 2024 kamen rund 2200 Neugeborene zur Welt – dies bedeutete das neunte Jahr in Folge über 2000 Kinder. Noch 2002 wurden dort nur 904 Kinder geboren. Im Kanton dagegen sind die Zahlen rückläufig: 2024 kamen gemäss Bundesamt für Statistik 14 949 Kinder zur Welt, 2023 waren es noch 15 273, im Coronajahr 2021 gar 17 342.

Kinder sind weniger Tage pro Woche in der Kinderkrippe

Wie sich die Zahlen auf ihre Auslastung auswirken, beurteilen die Kinderkrippen unterschiedlich. Die Kimi Krippen AG betreibt eine Kinderkrippe im Zollikerberg. Co-­Geschäftsführerin Alexandra Hochuli sagt: «Wir spüren einen Rückgang. Die Nachfrage nach Babyplätzen nimmt ab.» Die Gründe dafür sieht sie auch bei der veränderten Betreuung innerhalb von Familien. «Es gibt zum Beispiel mehr Väter, die Teilzeit arbeiten, oder Paare, die sich abwechselnd um ihre Kinder kümmern.» Das widerspiegle sich in der Anzahl Betreuungstage: «Sie hat sich in den letzten fünf Jahren stark reduziert. Während wir früher im Schnitt ein Kind während zweieinhalb Tagen pro Woche betreuten, sind es mittlerweile nur noch zwei Tage.»

Für Kinderkrippen ist ein entscheidender Moment im Jahr, wenn die Kinder in den Kindergarten wechseln. Auf einen Schlag treten viele aus der Krippe aus. Bei Kimi wären es dieses Jahr 14 von insgesamt rund 60 gewesen. Kimi erweiterte deshalb ihr Angebot: «Seit ­einiger Zeit betreuen wir Kinder auch weiter, wenn sie in den Kindergarten gehen.» Viele Eltern schätzten dies, weil die Gruppen kleiner seien als die Hortgruppen der Schulen. «Das ist ein Vorteil gerade für Vier- bis Sechsjährige.»

Er freut sich auf einen erlebnisreichen Tag in der Kinderkrippe: Kimi im Zollikerberg richtet sich auf die aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisse aus. (Bild: jli)
Er freut sich auf einen erlebnisreichen Tag in der Kinderkrippe: Kimi im Zollikerberg richtet sich auf die aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisse aus. (Bild: jli)

Die Auslastung schwankt immer

In Zumikon beurteilt Michael Biro, Präsident des Vereins Chinderhuus, die Situation so: «Die Auslastung schwankt immer. Sie auf die Geburtenraten zurückzuführen, ist uns bis jetzt nie gelungen.» Das Krippenjahr folgt dem Schuljahresrhythmus. «Die Delle nach den Sommerferien zieht sich dieses Jahr etwas länger hin, das stellen wir fest.» Neue Kinder muss man eingewöhnen, was eine intensive Einzelbetreuung erfordert. «Man kann sie nicht alle gleichzeitig eingewöhnen. Aber Anfang 2026 werden wir wieder annähernd ausgelastet sein.» Eine hundertprozentige Auslastung sei ohnehin bei einer Kinderkrippe kaum zu erreichen. Dies unter anderem wegen der weniger ausgelasteten Montage und Freitage oder im Chinderhuus wegen des pädagogisch begründeten Anspruchs, dass Kinder die Krippe mindestens zwei Tage pro Woche besuchen. Das Chinderhuus, die erste Kinderkrippe in Zumikon überhaupt, sieht er in einer komfortablen Situation: «Unser strukturelles Defizit wird von der Gemeinde finanziert, wir sind in einer sehr privilegierten Lage.» Zumikon unterstützt die Krippe seit 1972, als eine solche Kinderbetreuung noch alles andere als selbstverständlich war. «Die Gemeinde stellt uns die Räumlichkeiten gratis zur Verfügung.»

Theo Gerber führt mit seiner Familie fünf Kinderkrippen unter dem Namen Bienehuus, wovon eine in Zollikon und zwei in Küsnacht. Auch er stellt fest, dass etwas weniger Anfragen eintreffen. Doch grundsätzlich ist er mit der Situation zufrieden. «Wir sind ein Familienbetrieb. Das bietet Vorteile gegenüber den ganz Grossen, die viele interne Vorgaben einhalten müssen.» Als essenziell für den Erfolg einer Krippe beurteilt er das Personal: «Es gibt immer zu wenig Fachpersonal, zum Beispiel weil viele Mitarbeiterinnen sich nach ihrer Lehre zu Kindergartenlehrpersonen weiterbilden. Da verdienen sie dann mehr.» Doch hier sei der Staat gefragt. Die Mitarbeiterinnen sollten ähnlich viel verdienen können wie Lehrpersonen.

Subventionsbeiträge an Kinderbetreuung nehmen ab

Katrin Haniss, CEO der Kinderkrippe Kids at Lake, bringt den geografischen Aspekt ins Spiel: «Wir befinden uns unten am See. Unsere Auslastung ist gut, aber nicht mehr so hoch wie vor der Pandemie.» In ihren Augen liegt das unter anderem daran, dass Eltern ihre Kinder öfter dort in die Krippe bringen, wo sie wohnen. «Vor Covid hatten wir ein grösseres Einzugsgebiet, weil etwa die Eltern, die in der Stadt arbeiteten, ihre Kinder kurz vor der Stadtgrenze übergaben.» Jetzt arbeiten die Leute weiterhin vermehrt im Homeoffice, was sich auf die Auslastung auswirke.

Ein Gruppenraum der Kinderkrippe Kimi: Viel Platz für Kinder, um sich spielerisch in einer herzlichen Atmosphäre zu entwickeln. (Bild: jli)
Ein Gruppenraum der Kinderkrippe Kimi: Viel Platz für Kinder, um sich spielerisch in einer herzlichen Atmosphäre zu entwickeln. (Bild: jli)

In Zollikon gibt es aktuell zehn Kindertagesstätten mit 413 bewilligten Plätzen. Interessanterweise nahmen die Subventionsbeiträge an private Haushalte für die Kinderbetreuung in der Gemeinde in den letzten Jahren ab. Betrugen sie 2020 noch fast 429 000 Franken, waren es 2023 nur noch knapp 300 000 und 2024 gar nur noch 258 000 Franken. Daraus liessen sich jedoch kaum Kausalitäten zu einer geringeren Inanspruchnahme von Kitabetreuung ableiten. ­Estelle Thomet, Abteilungsleiterin Gesellschaft, sagt: «Die Zahlen zeigen lediglich, dass die Subventionsbeiträge abnehmen – aber geben keine Auskunft über die Anzahl der belegten Plätze.» Der Rückgang der Subventionen könne auch andere Gründe wie die finanzielle Eintrittsschwelle haben, zudem seien vielleicht manche Eltern zu wenig informiert über die Subventionsmöglichkeiten.

Die Gemeinde wird jünger

Die Zahl der in Zollikon registrierten Neugeborenen bewegte sich in den letzten Jahren zwischen 142 im Jahr 2019 und 121 im letzten Jahr. 2023 waren es 136 Kinder. In den Coronajahren gab es eine Spitze von 157 im Jahr 2020 und von 165 im Jahr 2021. Im Folgejahr 2022 waren es dann wieder nur noch 122 Neugeborene. Eine eindeutige Tendenz ist somit nicht festzustellen, weder nach unten noch nach oben.

In Zumikon blieben die Geburtenzahlen über die letzten Jahre ziemlich stabil, bei plus/minus 30 Kindern pro Jahr, mit einer Steigerung während der Coronajahre auf 41 Kinder 2020 und 51 im Jahr 2021. Gemeindeschreiber Thomas Kauflin sagt: «Generell nimmt der Anteil der älteren und alten Personen an der Gesamtbevölkerung über die letzten zehn Jahre ganz langsam ab – obwohl die Leute zunehmend älter werden.» Das könne damit zu tun haben, dass die Menschen gerne so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben. «Wenn sie dann ausziehen (müssen), beobachten wir häufig, dass die Erben oftmals auch bereits zwischen 50 und um die 60 Jahre alt sind und kaum mehr beabsichtigen, in die Liegenschaft ihrer ­Eltern umzuziehen.» Stattdessen verkaufen sie diese häufig einer Immobilienfirma. Diese reisst die Liegenschaft ab und überbaut das Grundstück mit möglichst grosser Ausnutzung. «So entstehen aus den alten Einfamilienhäusern häufig Mehrfamilienhäuser. Anstelle von einer einzigen Person beziehen dann rasch einmal fünf bis zehn jüngere Personen, allenfalls mit Kindern, die drei bis fünf Wohnungen.» Das führe zu einem kontinuierlichen langsamen Wachstum und gleichzeitig zu einer Verjüngung. Längerfristig könne dies zur guten Auslastung von Kinderkrippen und Schulen beitragen.

Geburten sind kein verlässlicher Indikator für Schuleintritte

Die Leiterin der Schulverwaltung Zumikon, Cinzia Bonati, stimmt zu: «Die Geburten waren bis anhin kein verlässlicher Indikator dafür, wie viele Kinder in die Schule eintreten werden.» Eine grosse Rolle spielten in Zumikon, anders als an anderen ­Orten, die Zuzüge. So erwartet die Schule für die Zukunft eine Zunahme der Anzahl Schülerinnen und Schüler. Das Gleiche könnte dann für Kinderkrippen gelten. «Allerdings haben in der Vergangenheit die Zahlen immer wieder für Überraschungen gesorgt.»

Wo auch immer die Ursachen liegen: Die privaten Kinderkrippen müssen sich jedes Jahr aufs Neue auf schwankende Auslastungszahlen einstellen. Diese hängen von vielen Faktoren ab, die Geburtenrate ist nur einer davon. Andere sind die Zahl der Zuzüger, die wirtschaftliche Situation der Menschen, die Qualität des Betreuungsangebots, das Wohnungsangebot und gesellschaftliche Entwicklungen wie die Rollenverteilung der Eltern. Doch generell gilt: Im Gegensatz zu anderen Orten kann in Zollikon und Zumikon von einer Kinderkrippen-Krise nicht die Rede sein.

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