Von Dörte Welti ‒ 29. August 2025

Die Vita von Thomas Reinshagen ist so bunt wie die Kunst, die die Wände seiner Wohnung in Zollikon ziert. Er kam in Los Angeles im sonnigen Kalifornien zur Welt, wohin sich seine Eltern in den wilden 1960er-Jahren aufgemacht hatten, um einen Traum zu leben. Die Mutter eröffnete eine Galerie, der Vater arbeitete als Architekt. Thomas Reinshagen bekam noch eine Schwester, und die junge Familie zog zurück in die Schweiz nach Grüningen, als der Junge vier Jahre alt war. Später lebte die Familie in Witikon. Thomas Reinshagen ging im Zürcher Seefeld zur Schule, studierte Wirtschaft mit Vertiefungsrichtung Marketing an der HSG in St. Gallen. «Ich hatte immer eine Affinität für Kommunikation, für Werbung, für die schönen Dinge des Lebens.» Er gebraucht das Wort «Lifestyle», er konnte sich von jeher für alles erwärmen, was das Leben ein bisschen angenehmer macht.
Seine erste lange Anstellung fand er bei Nestlé, war für das Marketing und den Verkauf der damals neu lancierten Marke Nespresso zuständig. Nachhaltiger Nebeneffekt: Thomas Reinshagen fand hier auch die Frau, die Mutter seiner heute 26-jährigen Tochter – die Familie lebte damals in Lausanne. Beruflich folgten Zeiten in der Welt der Beauty-Produkte, dann faszinierte ihn das Segment Schmuck. Thomas Reinshagen erzählt von der Zeit, als er für das dänische Familienunternehmen Pandora in der Schweiz und in Österreich die Geschäftsleitung innehatte. «Das war die absolut spannendste Zeit überhaupt, es war ein völlig neues Produkt, die Menschen sammelten die Anhänger wie verrückt, wir waren so erfolgreich und ich durfte mein Unternehmertum leben.» Er präzisiert, warum er sieben Jahre für die schnell wachsende Firma gearbeitet hat: «Wenn du Erfolg hast, macht es Spass. Mein Team von rund 50 Leuten in der Schweiz und in Österreich war motiviert, wir hatten unglaublichen Umsatzzuwachs.» Kurz: Es war die Action, die ihn immer weiter vorwärtstrieb, «lieber Dynamik als Statik», lächelt er.
Mit Anfang 50 trat dann eine Phase ein, die viele in dem Alter kennen: Eine gewisse Müdigkeit machte sich breit. «Ich war wie ein Hamster im Rad. Was mich früher motiviert hatte, kostete auf einmal Energie.» Er entschied, sich Dienstleistungen und langlebigen Gütern zu widmen, wie er es nennt. Und fragte beim namhaften Auktionshaus Sotheby’s an; er wusste, dass dort eine Führungsposition vakant wurde. Obwohl er nie zuvor im Kunsthandel gearbeitet hatte, bekam er den Job dank seines Netzwerks, seiner Affinität zu Kunst und auch seines Wissens über Luxusgüter. Erfahrung fehlte nicht: «Meine Mutter war wahrscheinlich eine der erfolgreichsten Persönlichkeiten im Kunsthandel in Europa. Von ihr habe ich das Verständnis für Kunst.» Seine Mutter Maria hatte zeit ihres Lebens als Verantwortliche bei Christie’s Schweiz mit berühmten Kunstschaffenden zu tun, die auch im Hause Reinshagen ein- und ausgingen. Angst vor grossen Namen kennt Thomas Reinshagen nicht, eher Respekt vor der neuen Aufgabe. «Ich konnte mich sehr gut einbringen», schaut er zurück. «Sammeln ist ein Mindset, den ich verstehe.» Dann aber kam das Leben dazwischen. Die aktive, erfolgreiche Maria Reinshagen erkrankte, was viel Aufmerksamkeit erforderte. Der Sohn beschloss, seinen umtriebigen Beruf, der auch seine negativen Tücken hat, aufzugeben. Er machte sich selbstständig. «Ich berate heute Menschen professionell im Kunst- und Luxusgüter-Segment.» Heisst: Will jemand eine wertvolle Sache verkaufen oder schätzen lassen, sei es ein Bild oder Schmuck, Oldtimer oder sonst welche Preziosen wie Weine, findet Thomas Reinshagen den passenden Käufer, verhandelt mit Auktionshäusern und berät. Dabei kann er auf das Netzwerk zurückgreifen, zu dem er en passant schon durch seine Mutter Kontakt bekommen hatte.
Thomas Reinshagen schaut nachdenklich, greift zu einem Buch, das er für seine Mutter produziert hat, «Maria Reinshagen – 77 kunstvolle Jahre». Eine Hommage an eine Frau, die auch durch den frühen Tod ihres Mannes auf sich selbst gestellt war in einer beruflichen Umgebung, die stark von Männern geprägt war. Man merkt, er bewundert sie. Die Demenz zu akzeptieren, die einst so selbstständige Frau langsam in diese seltsame Welt aus Gnade und Vergessen abdriften zu sehen, hat ihm wehgetan; sie starb mit 84 Jahren. Für ihn lebt sie weiter in den Bildern, die sie ihm vermacht hat und die mit eigenen Fundstücken und gezielten Käufen zu einer privaten Galerie gewachsen sind. Ein Kaleidoskop an farbigen Werken, jedes einzelne hat eine Bedeutung für ihn, über jedes Objekt freut er sich Tag für Tag.
Seit sechs Jahren lebt Thomas Reinshagen in Zollikon, das Dorf ist ihm ans Herz gewachsen. «Ich bin dem Dorf sehr treu. Ich gehe immer hier einkaufen, der ‹Chäsbueb› ist mein absoluter Lieblingsladen. Ich war auf der Chilbi, ich gehe gern im ‹Rössli› essen, frequentiere den Coop, die Post, die Apotheke. Es ist fantastisch hier, in einem Umkreis von zwei Kilometern kannst du hier überleben.» So richtig freuen wird er sich, wenn das neue Schwimmbad Fohrbach wieder aufmacht, da muss er sich allerdings noch bis Herbst 2026 gedulden, die Wiedereröffnung ist auf dann projektiert. Bis dahin geht er, solange der See warm ist, in die Badi Tiefen-
brunnen – mit dem Velo, ist ja gleich ums Eck – und freut sich jeden Tag über das, was das Leben ihn hat machen lassen, und über nicht selbstverständliche Privilegien wie die Wohnung mit Seeblick oder Zeit für eine Runde Golf mit Freunden. Einer, der die schönen Dinge des Lebens leben darf, beruflich wie privat, sie aber auch zu schätzen weiss, weil er erlebt hat, wie schnell sich alles ändern kann.
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