Von Aline Sloksnath ‒ 5. September 2025

Wenn Véronique Dutli spricht, leuchten ihre Augen. Feinfühlig ist die Frau, die an diesem sommerlichen Dienstagvormittag an ihrem Küchentisch in Zumikon sitzt. Bescheiden ist sie, nachdenklich, sie will kein Tamtam um ihre Person machen. Doch sie hat viel zu erzählen.
Geboren ist sie 1962, mitten im Kalten Krieg. «Die Angst vor dem Atomkrieg war in meiner Kindheit immer präsent.» Aufgewachsen ist sie im Zürcher Seefeld, als dieses noch mehr Rotlichtviertel als hip oder schickimicki war. Die Stadt Zürich ist bis heute ein Fixpunkt. Sie liebt die Kultur, macht Stadtführungen in der Altstadt – und Bodymusic in einem Zürcher A-capella-Chor. «Das ist jetzt nicht fair, Sie wollten ja von meinem Bezug zu Zumikon hören, aber die Stadt Zürich ist wirklich wichtig für mich.»
Nach Zumikon kam sie 1992 der Liebe wegen. Ihr Mann Matthias Dutli ist hier aufgewachsen, für die Gründung einer Familie war es der perfekte Ort. «Ich bin gerne hier, aber ich musste mich daran gewöhnen. In meiner Jugend kannte ich niemanden, der ein eigenes Haus besass.» Das Haus, in dem das Paar seine zwei Söhne aufgezogen hat, ist mittlerweile um einen Stock höher, ökologisch auf dem neusten Stand und mit Minergie-Status. Im Wohnzimmer hängt farbenfrohe Kunst, die angenehme Kühle lädt an diesem heissen Sommertag zum Verweilen ein. Wer sich mit Véronique Dutli unterhält, verweilt gerne.
Ihre Stimme ist sanft, aber kraftvoll – sie ist aktuell ihr liebstes Werkzeug. Seit 2020 ist sie zertifizierte Soul-Voice-Therapeutin. Die Stimme ist zentral, sie sei Guide und Lehrer zugleich. Der Grundgedanke der Methode: Der Klang der eigenen Stimme wird gezielt auf Problembereiche im Körper oder auf emotionale Themen gerichtet. Dadurch können sich Blockaden lösen und neue Türen öffnen. «Es ist gewöhnungsbedürftig. Es ist anders als alles, was wir kennen. Es hat nichts mit Musik zu tun.» Es gehe nicht darum, wie der Ton klingt, sondern was er zum Ausdruck bringt. «Es können auch ganz schräge Töne entstehen, je nach Emotion. Angst klingt anders als Freude.»
Véronique Dutli bietet aktive und passive Sessions an. Entweder klingen ihre Kundinnen und Kunden selbst oder mit ihr zusammen, oder sie tönt allein. «Indem ich mich selbst zurückstelle, kann ich die Emotionen der anwesenden Person stellvertretend für sie ausdrücken. Das klingt etwas esoterisch, aber es funktioniert.» Reingerutscht ist sie per Zufall, ohne Lust auf «Psychokram». Eine Freundin hatte sie in einen Kurs mitgenommen, da hat es ihr «de Ärmel innezoge». «Es ist unglaublich beglückend zu erleben, wie viel in so einer Sitzung geschehen kann, wie sich plötzlich neue Wege auftun.» Die Menschen kommen mit unterschiedlichsten Geschichten und Herausforderungen. Doch oft stellt sich ein gemeinsamer Kern heraus: Es gehe darum, innere Schichten zu durchdringen, unterdrückte Gefühle hervorzuholen, alte Projektionen loszulassen und sich selbst wieder näherzukommen. «Am Ende geht es fast immer um Selbstakzeptanz. Ich glaube, wenn jeder Mensch bei sich selbst aufräumen würde, bis er sich mit allen Ecken und Kanten annehmen kann, dann sähe die Welt anders aus. Es gäbe nicht weniger Konflikte, aber wir wären besser darin, sie zu lösen.»
Viele Menschen hätten ein tiefes Gefühl, nicht gut genug zu sein. «Ich höre ständig Sätze wie: ‹Ich bin ja eigentlich okay, aber nicht diszipliniert genug, ich bin zu faul.› Solche Denkmuster blockieren uns nur. » Besonders deutlich seien diese Unsicherheiten in Bezug auf das Singen: «Auf meine Frage, ob jemand gerne singt, höre ich oft: ‹Ich finde Singen cool, aber ich kann es nicht.›» Ihre Antwort «Wir können alle singen! Wir müssen bloss erstmal erleben, wieviel Freude auf uns wartet, wenn wir unsere Angst davor überwinden.»
In der Schule oft entmutigt, habe sie selbst erst kurz vor 40 angefangen zu singen. «Das war in meiner Generation normal. Du triffst den Ton nicht, lass es bleiben.» Heute braucht sie ihre Stimme auch als Teil der Musikgruppe «clapappella». Dort kombiniert sie A-cappella-Gesang mit Bodypercussion. Der ganze Körper wird zum Instrument. Dieses Wochenende startet ihre Tournee durch die Deutschschweiz. «Ich freue mich sehr, es macht so viel Spass.» Zumikon ist nicht im Tourplan. Die Entscheidung für das Konzert am 12. September lag zwischen Zumikon, Zollikon oder Zürich. Schlussendlich fiel sie auf das GZ Riesbach im Seefeld, da sie in Zürich proben.
Ein paar Wochen vor dem Gespräch hat sich Véronique Dutli das Handgelenk gebrochen, ungünstig vor Konzerten mit vollem Körpereinsatz. Das Erste, was sie den Arzt fragte: «Wann kann ich wieder schnippen?» Der Mediziner gab für die Tournee grünes Licht. Auch wenn es noch etwas schmerzte, schnippte sie schon während unseres Gesprächs.
Nicht nur musikalisch, auch politisch und ehrenamtlich hat sich Véronique Dutli engagiert. Über der Eingangstür hängt ein rotes Banner «Konzernverantwortung – jetzt!». In Zumikon initiierte sie Deutschlektionen für Geflüchtete. «Die Leute sassen in diesem Bunker und hatten nichts.» Die Gemeinde wies sie weiter an die reformierte Kirche. Längst aus der Kirche ausgetreten, kostete sie dies etwas Mut. Doch es schien niemanden zu stören. Gemeinsam bauten sie ein Angebot für Geflüchtete in Zumikon auf. «Am Anfang dachte ich noch, ich könnte mit diesen Menschen singen und improvisieren.» Doch sie merkte schnell, was ihnen wirklich half: Deutsch zu lernen. «Das war wahnsinnig schwierig. Wir hatten keine gemeinsame Sprache und ich war keine Lehrerin.»
Da waren immer Menschen, die mithalfen. Nach ungefähr zwei Jahren stiess eine Frau dazu, die vor ihrer Pensionierung Deutsch als Zweitsprache unterrichtet hatte. «Ich war erleichtert. Sie kann das viel besser als ich. Aber es freut mich, dass ich etwas Wichtiges ins Rollen bringen konnte. Jahre später kam eine meiner damaligen Schülerinnen auf mich zu und sagte: ‹Weisst du, du warst die Erste, die uns gesehen hat. Wir merkten, da ist jemand, dem sind wir nicht egal›.»
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