Von Aline Sloksnath ‒ 12. September 2025

Die Opernsängerin Laura Ansaldi stand auf der Bühne der Mailänder Scala, des Opernhauses in Boston und der Carnegie Hall in New York. Als Sopranistin sang sie unter den Dirigenten Claudio Abbado, Gianandrea Gavazzeni oder Carlo Maria Giulini. Sie performte mit dem Chamber Orchestra of New York, der Sofia Philharmonic oder der Orquesta Sinfónica de Madrid. Sie macht kein Namedropping beim Gespräch, die Infos stammen von ihrer Website. Das Klischee einer Operndiva erfüllt sie nicht.
Aufgewachsen ist Laura Ansaldi in einem kleinen Dorf im Piemont, im Nordwesten Italiens. Schon früh war klar, sie gehört auf die Bühne. «Ich war und bin eine sehr schüchterne Person, die Bühne ist mein Weg zu kommunizieren.» Schon mit fünf sang sie für ihre Eltern, erfand Theaterstücke. Die Oper ist seit frühester Kindheit Teil ihres Lebens. «Meine Eltern waren sehr jung, ich verbrachte viel Zeit mit meinem Grossvater. Er war ein Opernliebhaber, war verrückt danach. Er hat mir Opern vorgespielt, mir deren Geschichten erzählt.»
Sie absolvierte das Gymnasium, in Genua und Mailand das Konservatorium, mit 18 das Actors Studio in London. Parallel studierte sie an der Università Commerciale Luigi Bocconi, machte ihren Master of Business Administration in Wirtschaft und Statistik. «Ich liebe Mathematik. Sie ist wie eine Sucht und begeistert mich bis heute. In meiner Freizeit lande ich oft auf ‹geekigen› Webseiten mit kniffligen mathematischen Problemen.» Gefolgt ist sie aber ihrem Ruf auf die Bühne. Sie studierte an der Accademia Chigiana in Siena, der Scuola di Musica di Fiesole und in Mailand. Nebst der Ausbildung zur Opernsängerin hat sie Abschlüsse in Klavier und darstellender Kunst.
«Darstellende Kunst hilft enorm, besonders in der heutigen Zeit. Das Publikum erwartet zu Recht immer mehr. Wir leben im KI-Zeitalter, jede Stimme kann perfekt generiert werden. Am Ende stellt sich die Frage: Wie können wir dem Publikum einen Mehrwert bieten?» Ihre Antwort: «Wir erzählen Geschichten. Und wir erzählen sie so, dass wir unsere ganze Seele und unser ganzes Sein in den Moment legen. Die darstellende Kunst ist dabei das zentrale Werkzeug.»
Laura Ansaldi bricht mit Traditionen. Sie bewegt sich während ihrer Auftritte, geht auch von der Bühne und rein ins Publikum, will mit den Gästen interagieren. «Ich glaube, dass die klassische Art, in einem schönen Kleid still dastehend eine Arie zu singen, nicht ausreicht. Wir können Oper nicht mehr wie vor 200 Jahren machen.» Sie kooperiert mit Künstlern, weit weg von der Welt der Klassik. Mit dem Schweizer Komponisten Olivier Guenat stellte sie eine Rock-Oper auf die Beine – Operngesang begleitet von einer Rockband. «Wir müssen über den Tellerrand hinausschauen, wenn wir die Oper am Leben halten wollen.» Mit dieser Haltung stösst sie nicht überall auf offene Ohren. «Viele meiner Kollegen haben noch das Selbstbild der Diva, Frauen wie Männer. Sie trennen sich strikt vom Publikum.» Doch Laura Ansaldi wird ihren progressiven Weg weitergehen. So wie sie beim Verwirklichen ihrer internationalen Karriere nie aufgegeben hat. Ihre Disziplin und ihr Talent haben sich ausgezahlt. Vergangenen Oktober wurde sie mit der renommierten Platin-Medaille der französischen Akademie Arts-Sciences-Lettres ausgezeichnet. «Diese Auszeichnung ist vergleichbar mit einem Oscar.»
Doch auf den Lorbeeren mag sie nicht ausruhen. Im Juli hatte sie ihr Debüt in der Carnegie Hall. Und diesen September wird sie im Vatikan auftreten, für den Papst. Zusammen mit dem Flötisten Marco Baragli und dem ukrainischen Pianisten Alexey Botvinov. «Der Vatikan hat von unserem Projekt ‹Trinity of Sound› mitbekommen und uns für einen Auftritt angefragt.» Laura Ansaldis Karriere macht keine Pause.

Von Social Media hält sie sich so weit fern, wie es geht. «Ich habe Angst vor all dem Hass online.» Persönliches Feedback ist ihr wichtiger. Das Atelier Marcel Hastir in Brüssel bietet hochkarätige Vorführungen zu niederschwelligen Preisen. «Das letzte Mal, als ich da aufgetreten bin, kam ein Mann zu mir und sagte: ‹Ich dachte, um eine Stimme wie Ihre zu hören, müsste ich reich sein.› Das berührte mich tief.»
Vor zehn Jahren kam Laura Ansaldi in die Schweiz. Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Zumikon, zog vom Paradeplatz an den Waldrand. «Manchmal fragen meine Nachbarn, warum ich nicht zu Hause probe», erzählt sie lachend. «Sie wissen nicht, dass meine Proben nicht daraus bestehen, eine Arie von Anfang bis Schluss zu singen. Teilweise übe ich einen kurzen Abschnitt tausend Mal.» Geprobt wird also in einem schalldichten Studio in der Stadt.
Ihre Kinder besuchen die öffentliche Primarschule, gehen in die dritte und sechste Klasse, sind perfekt integriert. Das Muttersein hat für sie alles verändert. «Früher bin ich durch die ganze Welt gereist. Jetzt schaue ich, dass ich pro Monat nicht mehr als fünf Tage weg bin. Heute ist Muttersein mein erster Job.»
Neben Beruf und Mutterrolle bleibt nicht viel freie Zeit. Doch wenn, verbringt Laura Ansaldi diese gerne lesend oder im Kunsthaus. «Ich telefoniere auch gerne mit meiner besten Freundin, schaue eine Serie auf Netflix oder lese Klatschmagazine.» Denn manchmal sei es neben Kunst auch wichtig, sich mit weniger hochstehenden Dingen des Lebens zu beschäftigen. Sie nimmt sich das Recht, alberne Sache zu konsumieren. «Ich versuche, mich vom Bild der Perfektion zu lösen, das wir oft vermitteln wollen. Denn ich mag alberne Filme, alberne Bücher und alberne Gespräche.»
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