Über die Gemeindegrenzen hinaus denken

Von Joachim Lienert ‒ 12. September 2025

Das Gemeinschaftszentrum Zumikon gehört drei Mit­eigentümern. Deshalb kommt es am 28. September zu einer besonderen Abstimmung: Nicht nur die Zumiker Stimmbevölkerung ist aufgefordert, über dessen Sanierung abzustimmen, sondern auch die Mitglieder der katholischen und reformierten Kirchgemeinden von Zumikon, Zollikon und Zollikerberg.

Verstehen sich über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinweg: Pfarrer Pascal Marquard (l.) und Simon Gebs. (Bild: jli)
Verstehen sich über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinweg: Pfarrer Pascal Marquard (l.) und Simon Gebs. (Bild: jli)

Was sagen die beiden Pfarrer der Kirchgemeinden zur aussergewöhnlichen Situation mit einem dreiteiligen Stimmvolk? Wir haben den katholischen Pfarrer Pascal Marquard und den reformierten Pfarrer Simon Gebs im katholischen Pfarreizentrum Zollikon getroffen.

Herr Gebs, Herr Marquard, warum sollen die Zolliker Mitglieder Ihrer Kirchgemeinden Ja zu einem Gemeinschaftszentrum sagen, das in Zumikon liegt?

Simon Gebs: Für die reformierte Kirche Zollikon-Zumikon ist es eine Premiere – die erste Urnenabstimmung seit der Fusion am 1. Januar 2023. Seit Jahrhunderten sind wir sozusagen kommunal formatiert und denken oft sehr territorial. Nun haben wir fusioniert und damit ein grösseres «Wir», bestehend aus Mitgliedern zweier politischer Gemeinden. Dies zu denken, müssen wir lernen. Das nächste Mal können es die Zumiker Reformierten sein, die etwas zur Gemeinschaft beitragen, etwa wenn wir in Zollikon den Kirchturm renovieren müssten. Deshalb ergibt das Bauprojekt für uns alle als Kirchgemeinde Zollikon-Zumikon Sinn.

Pascal Marquard: Wir sind schon länger gemeinschaftlich unterwegs und seit 1964 eine einzige Kirchgemeinde. Wir verwalten die Steuereinnahmen gemeinsam. Für uns präsentiert sich deshalb die Ausgangslage etwas anders. So kann ein Ortsteil Geburtshelfer für die anderen werden, wie es beim Bau der Kirche St. Michael im Zollikerberg oder der neuen Glocke der Fall war.

Nehmen Sie dieses Wir-Gefühl auch bei Ihren Mitgliedern wahr?

Simon Gebs: Es braucht etwas Zeit, aber ich glaube, wir sind auf dem Weg. Bei denen, die in die Gottesdienste kommen oder an Seniorennachmittagen und anderen Programmen teilnehmen, spüre ich, dass dieses Gefühl am Entstehen ist. Auch fährt bei Veranstaltungen ein Bus von einem Ort zum anderen. Aber klar, die jeweilige Verankerung in Zollikon, Zollikerberg oder Zumikon ist tief, das ist auch gut so. Das Zusammenwachsen braucht einfach etwas Zeit. Und ich erlebe, dass es hilft, wenn man gemeinsam Erfahrungen macht, etwa ein Konf-Lager für alle oder Seniorenferien, dann beginnt das Territoriale sich aufzulösen.

Was habe ich als Christ in der ­Kirche von diesem Umbau des ­Gemeinschaftszentrums?

Pascal Marquard: Wir bringen unsere Räume à jour. Das fängt bei der Kapelle an, die optisch und organisatorisch mit der Veränderung des Eingangs auf einen aktuellen Stand gebracht wird. Der Umbau wird für die Kirchenbesucher ein Gewinn. Durch den Rückbau der Empore wird ein neues freundliches Raumgefühl entstehen. Der dunkle Schlauch unter der Empore entfällt, die kleine Marienkapelle wird die Funktion des Rückzugsorts übernehmen. Wir erhalten ein Religionszimmer und einen weiteren Raum. Das erweitert unsere Möglichkeiten, Angebote für Kinder und Jugendliche zu gestalten, einen Trauerfall zu begleiten und seelsorgerliche Gespräche zu führen. Es wertet unseren Standort in Zumikon auf.

Simon Gebs: Für uns Reformierte hat das Projekt ganz viele Qualitäten mit klarem Mehrwert. Wir gehen schonend mit den finanziellen Ressourcen um, weil wir unseren Anteil von gut 12,4 auf 7,65 Prozent reduzieren. Im Erdgeschoss werden wir das ganze Raumprogramm haben, mit einem Mehrzweckraum für ­Minichile, 3.-Klasse- und Konfirmandenunterricht und Zusammenkünfte. Ganz wichtig ist auch: Die Sozialdiakonie ist an­wesend, das Pfarrbüro ist dort, ebenso ein Sekretariat. Die Erreichbarkeit bleibt niederschwellig und gut. Zudem können wir den Kirchgemeindesaal, der ins Miteigentum aller übergeht, jederzeit reservieren, wenn wir ihn brauchen. Das ist unter dem Strich günstiger, als wenn wir den Saal allein unterhalten müssten. Mit dem Gemeinschaftszentrum lösen wir unser Versprechen ein, das wir bei den Fusionsverhandlungen gemacht haben: dass wir an allen drei Standorten präsent sind – gerade für ­Senioren und Kinder. Das gewährleistet dieses Projekt.

Herr Marquard, Sie haben die besondere Situation, dass Ihre Kirchgemeinde im Anschluss an den Gottesdienst vom 28. September im Zollikerberg über das Gemeinschaftszentrum abstimmen wird. Werden Sie dazu predigen?

Pascal Marquard: Ich halte mich selbstverständlich zurück. Es ist nicht meine Aufgabe, den Menschen zu sagen, wie sie abstimmen sollen. Aber ich freue mich natürlich, wenn sich viele äussern. Wertvoll ist ein Entscheid, der gut abgestützt ist. Es kommt uns entgegen, dass wir den Gottesdienst vom 28. September im Zollikerberg abhalten werden, nahe bei Zumikon. Wahrscheinlich werden deshalb auch viele Zumikerinnen und Zumiker kommen.

Könnte es eine schweigende Mehrheit geben, die das Gemeinschaftszentrum ablehnt?

Simon Gebs: Wie diejenigen Mitglieder abstimmen werden, mit ­denen wir weniger im Kontakt sind, weiss ich natürlich nicht. Aber es ist relativ ruhig, ich habe nicht das ­Gefühl, dass es eine organisierte Opposition gibt. Die Abstimmung ist Teil der Demokratie. Die Kirchenpflege hat ein überzeugendes Projekt ausgearbeitet, kostenbewusst mit sauber geregelter Finanzierung. Zudem: Ich bin nächstes Jahr 30 Jahre Pfarrer hier und habe immer ­einen Vertrauensvorschuss erlebt. Viele Zollikerinnen und Zolliker ­sehen, dass wir nach bestem Wissen für die Menschen da sind und unsere Mittel so einsetzen, dass sie den Menschen zugutekommen. Das Projekt will die Gemeinschaft ermöglichen, mit gemeinsamem Lernen, Erleben und mit Begegnungen.

Herr Marquard, wird Bischof ­Bonnemain zur Einweihung der neuen Kapelle kommen?

Pascal Marquard: Da müssen wir zuerst einmal ein Ja haben (beide lachen). Aber dass der Bischof zu einem Eröffnungsgottesdienst nach der Renovation kommen wird, liegt im Bereich des Möglichen. Er war in den letzten Jahren immer mindestens einmal da, etwa beim 25-Jahre-Jubiläum der Kirche Dreifaltigkeit, bei der Diakonieweihe von Matthias Merdan, bei Firmungen oder letztes Jahr bei der Glockenweihe.

Wie sehen Sie der Abstimmung ­entgegen?

Simon Gebs: Ich erinnere mich, wie wir im Januar 2023 zur Fusion einen Gottesdienst hielten und das Bild von der Ehe aufkam: «Jetzt sind wir verheiratet.» Und ich sagte: «Jetzt fängt es erst an.» Das Wir ist das Entscheidende – dass wir grösser denken als unsere eigenen Gemeindegrenzen. Wie du, Pascal, würde ich mir eines wünschen: ein eindeutiges Resultat. Jetzt sind unsere Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gefragt.

Pascal Marquard: Wir vertrauen darauf, dass alle die Verantwortung für das Ganze annehmen, nicht nur für sich selbst.

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