Der Professor, der sich mit dem Drachen beschäftigt

Von Martina Gradmann ‒ 19. September 2025

Der Biologe und Professor für Zoologie an der Universität Zürich Heinz-Ulrich Reyer hat nach seiner Emeritierung ein Buch zu Fabelwesen verfasst. Heute hält er Vorträge, macht Reisebegleitungen auf Expeditionskreuzfahrten und arbeitet an einem neuen Buch.

Unterwegs mit Kamera und Mikrofon: Heinz-Ulrich Reyer dokumentiert seine Reisen für kommende Vorträge. (Bild: zvg)
Unterwegs mit Kamera und Mikrofon: Heinz-Ulrich Reyer dokumentiert seine Reisen für kommende Vorträge. (Bild: zvg)

Heinz-Ulrich Reyer hat schon die halbe Welt gesehen. Er hat in Kenia geforscht, ist mit einem Camper durch Australien gefahren, mit Kamelen durch die Wüste getrampt und hat sich in die Arktis gewagt. «Ich liebe das Reisen», sagt der emeritierte Professor, «ich bin abenteuerlustig, aber nicht leichtsinnig. Ich würde nie einen Bungee Sprung machen», schmunzelt der bald 80-jährige mit einem gewissen Schalk hinter seinen Brillengläsern.

Fast sein ganzes Leben hat der gebürtige Hamburger allerdings mit Tieren verbracht. Er ist Biologe, hat an den Max-Planck-Instituten für Verhaltensphysiologie zum Thema Aggression bei Fischen promoviert, forschte in Kenia zu kooperativer Jungenaufzucht bei Vögeln und betreute einen kenianischen Studenten bei seiner Studie zu einer ­Vogel-Mensch-Kooperation. 1988 dann die Berufung der Universität Zürich als Professor für Zoologie. Doch seit seiner Emeritierung im Jahr 2012 beschäftigen ihn noch andere Wesen. Unter dem Titel «Rendezvous der Fabelwesen» ist 2021 ein prächtiger Text- und Bildband erschienen, der sich sagenumwobenen Tieren wie dem Einhorn, Greif oder Nessie widmet.

Fabelwesen haben meist Vorbilder

Ein Biologe und Professor für Zoologie, der sich für Fabelwesen interessiert? «Ja, es hat mich als realistischen Menschen schon immer interessiert, wie viel Wahres an gewissen Mythen ist.» Während seiner Professur an der Universität Zürich von 1998 bis 2012 forschte er über Hybriden, Kreuzungen zwischen verschiedenen Tierarten. Da lag es nahe, sich nach der Emeritierung mit Drachen und anderen ­Fabelwesen zu beschäftigen, denn auch sie sind ja oftmals Mischwesen. «Es interessierte mich, was von diesen überlieferten Geschichten realistisch sein könnte», erklärt er. «Fabelwesen sind ja nicht aus dem Nichts entstanden, sondern haben irgendwelche Vorbilder. Frühe Reisende hatten in fernen Ländern wie China oder Indien von solchen Tiererscheinungen gehört oder sie sogar gesehen – oft vielleicht nur flüchtig und ungenau, was schon zur ersten fehlerhaften Beschreibung führen konnte. Auch wurden ihre Berichte im Zuge der Überlieferung zunehmend verändert, das Aussehen der Tiere verfälscht. Hinzu kommt Angst als wichtiger Faktoren für den Glauben an Fabelwesen. Wer sich zum Beispiel vor Fledermäusen fürchtet und nachts einen Schatten auf sich zukommen sieht, für den macht die Angst diesen immer grösser – und plötzlich meint man, ­einen Drachen gesehen zu haben.»

Wissenschaftliche Neugier

Im Buch geht Hans-Ulrich Reyer diesen und anderen Ursprüngen von Fabelwesen nach und versucht herauszufinden, was daran realistisch ist. «Heute weiss ich, es gibt keines dieser Fabelwesen, aber in jedem Fabelwesen steckt ein wahrer Kern.» Der Grund, weshalb er sich mit Fabelwesen beschäftigt hat, liegt also in seiner wissenschaftlichen Neugier. Zu ihrem Ursprung hält er Vorträge in Kulturkreisen, Museen, Senioren- und Kinderuniversitäten in der Schweiz und in Deutschland. Den Ausschlag für seine Doktorarbeit habe eine These des berühmten Verhaltensforschers Konrad ­Lorenz gegeben. «Ausgehend von Beobachtungen an Buntbarsch-Paaren führte er aus, dass sich Aggression in Lebewesen aufstaut, wenn sie diese nicht stetig abreagieren können. Dann suche man nach ­einem Auslöser und haue irgendwann auf den Nächstbesten ein – selbst auf die Partnerin.» Diese These konnte er mit umfangreichen Experimenten widerlegen.

Wenn Mensch und Tier ­zusammenarbeiten

In Kenia studierte er die kooperative Jungenaufzucht bei Vögeln – ein Phänomen, bei dem bestimmte Individuen, anstatt selbst zu brüten anderen bei der Aufzucht helfen. «Ich habe herausgefunden, dass diese Hilfe in der Regel eine Notlösung für jene Männchen ist, die aufgrund von zu wenig Weibchen in der Population keine eigene Partnerin haben. Das hängt von den ökologischen Bedingungen ab.» In Kenia faszinierten ihn aber auch die Menschen und ihre Kultur. Davon zeugen zahlreiche Artefakte an den Wänden seiner Wohnung im Zollikerberg. Auch betreute er einen kenianischen Doktoranden, der eine biologisch-kulturelle Studie machte. «Ein brillanter Kopf, der als Nomade im Norden Kenias traditionell aufgewachsen war und es zu einem Stipendium an der Universität Oxford brachte.» Er untersuchte die in seinem Volk verbreitete Zusammenarbeit zwischen Honiganzeigern – einer Vogelart – und menschlichen Honigsammlern. Die Nomaden locken mit Rufen und Pfiffen den ­Honiganzeiger herbei, der sie dann mit bestimmten Verhaltensweisen zu den Nestern von Wildbienen führt. Dort nehmen die Sammler die Nester aus und lassen für den Vogel etwas zurück. «So profitieren beide von der Zusammenarbeit.»

In Kenia hat Hans-Ulrich Reyer von 1974 bis 1977 gearbeitet, dort ist auch seine Tochter zur Welt gekommen. Danach ging es einige Jahre noch für jeweils drei Monate während der Brutzeit der Vögel zurück nach Afrika, manchmal begleitet von Frau und Tochter.

Reisen in Wüsten und die Arktis

1988 kam schliesslich der Ruf von der Universität Zürich, dem er nicht widerstehen konnte, auch weil seine berufliche Zukunft als Assistent an den Max-Planck-­Instituten nicht gesichert war. «Zürich war attraktiv und ich habe den Schritt nicht bereut.» Mittlerweile sind er und seine Frau eingebürgert; sie wohnen seit über 30 Jahren in der Schweiz, seit 1998 im Zollikerberg. Der emeritierte Professor hält nicht nur Vorträge über Fabelwesen, er schreibt auch an einem neuen Buch und begleitet als Gastreferent Expeditionskreuzfahrten, unter anderem für die NZZ. «Ich bin immer gerne gereist, war im Juni gerade drei Wochen in Spitzbergen, doch meine Leidenschaft gehört den heissen Wüsten.» Mit Kamelen und auf einfache Art zu reisen, das würde ihn immer noch am meisten reizen.

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