Von Joachim Lienert ‒ 26. September 2025

An ihre Kindheit in Feldmeilen erinnert sich Martina Ehrler gerne: «Wunderschön!» Noch immer wohnen ihre Eltern dort in dem kleinen Einfamilienhaus, in dem sie aufgewachsen ist. Pfadi und Leichtathletik waren Leidenschaften, spielen, sich draussen bewegen. Schon bei der Mutter kriegte sie mit, welchen Spagat manche Frauen leisten. Sie arbeitete im Hotel Rebe in Herrliberg, später bei einem Professor in Küsnacht. Immer wollte sie mittags rechtzeitig zurück sein, um für Martina und den drei Jahre älteren Bruder das Essen zu kochen.
Gleich nach der Sekundarschule absolvierte die damals 15-Jährige im Chinderhuus ein Praktikum, noch unter der Krippenleitung von Brigitte Schenker. «Das war vor 33 Jahren. Ich wollte nach der Arbeit gar nicht mehr nach Hause gehen, es gefiel mir so gut.» Doch eine Lehre zur Kleinkindererzieherin war erst mit 18 Jahren möglich. Also arbeitete sie als Kindermädchen bei einer Familie in Zollikon und kehrte nach einem Jahr ins Chinderhuus zurück. «Die Arbeit mit den Kindern war für mich immer meine grosse Leidenschaft», sagt Martina Ehrler, die heute die Krippe leitet.
Was fasziniert sie daran? «Ich hatte selbst eine sehr schöne Kindheit. Das möchte ich den Kindern weitergeben.» Kinder seien authentisch und unvoreingenommen, das fasziniere sie immer wieder. «Wir legen hier einen Grundstein für ihr Leben und möchten ihnen ein zweites Zuhause schaffen», sagt sie. So haben die Kinder in ihren fünf Gruppen immer die gleichen Erzieherinnen und Spielgefährten, sie gehen viel nach draussen, erleben Waldtage und Sport in der Turnhalle. «Die Kinder lernen Konflikte untereinander auszutragen und Lösungen zu finden, dies ist uns sehr wichtig», erklärt die Krippenleiterin. «Hier entwickeln sie Sozialkompetenz und lernen Anstand, Umgangsformen und auch Wertschätzung zu leben.»
Wenn sie abends nach Hause geht, ist sie erschöpft. Auch deshalb habe sie sich bewusst dafür entschieden, die Krippe zu leiten und selbst keine Kinder zu haben. Sie trifft sich mit Freundinnen, geht in den See schwimmen und an den Wochenenden oft mit ihrem Partner in die Berge. Seit elf Jahren sind sie ein Paar, gemeinsam wohnen sie in Hombrechtikon. Sie biken und wandern, fahren im Winter Ski, haben ein kleines Ferienhaus in Obersaxen. «Aber es gehört meinem Partner, nicht dass die Leute denken, ich sei vermögend», sagt sie und schmunzelt. Denn reich wird man in ihrem Beruf nicht. Doch finanzielle Unabhängigkeit ist ihr wichtig. Ein gutes Stichwort, weshalb es genügend Geld für Krippen mit Qualität brauche: damit Frauen im Berufsleben bleiben und ihre eigene Vorsorge aufbauen können.
«Ich bin eine Frau, die mit Leidenschaft und Engagement arbeiten will», sagt Martina Ehrler. Sie kann sich vorstellen, bis zur Pensionierung bei dieser Arbeit zu bleiben, eine andere Tätigkeit kommt für sie nicht infrage, später vielleicht im Jobsharing, «allerdings reicht dann das Geld wieder nicht», lacht sie.
Der finanzielle Aspekt der Kinderbetreuung beschäftigt sie. Sie sorgt sich, wo die jungen Leute, die bei ihr arbeiten möchten, überhaupt eine Wohnung in der Gegend finden. Dazu komme, dass städtische Krippen zum Teil höhere Löhne zahlen. «Aber unser grosser Vorteil ist die Qualität», ist sie überzeugt. Diese Qualität zeigt sich im Chinderhuus beispielhaft an der tiefen Fluktuation. Die Fachbereichsleiterin Pädagogik Susanne Spori arbeitet seit 24 Jahren hier, Köchin Doris Döbeli seit 33 Jahren. Und eine Miterzieherin, die mittlerweile seit vierzehn Jahren dabei ist, ging selbst schon mit ihrer Zwillingsschwester ins Chinderhuus.
Zwei kurze Abstecher in andere Krippen, die ihr wegen der mangelnden Qualität überhaupt nicht gefielen, genügten Martina Ehrler, um endgültig zu wissen, wo sie sich einbringen wollte. Als sie ab 2000 als Gruppenleiterin und stellvertretende Krippenleiterin ins Team kam, arbeiteten zwölf Leute hier. Seit 2005 ist sie Betriebsleiterin und inzwischen für 32 Mitarbeitende, davon neun Lernende, verantwortlich. Vieles hat sie professionalisiert – mit diversen Konzepten, mit morgendlichen Inforunden für alle Tagesverantwortlichen, mit offener Kommunikation. «Das ist das A und O: die Organisation, die Arbeitsinstrumente, die klaren Abläufe.» Sie musste selten Werbung machen. Die Leute empfehlen das Chinderhuus weiter, auch in umliegenden Gemeinden. «Ich würde die Krippe nicht anders führen, wenn es meine eigene wäre. Es ist ein Herzblut-Job», betont sie. Zur Menschenführung gehört für sie, sich nicht zu schade zu sein, auszuhelfen, mal zu putzen oder etwas im Haus zu reparieren. Und immer da zu sein für ihre Mitarbeitenden, sie mit ihren Stärken und Schwächen zu nehmen, Gespräche zu führen, die bis ins Private reichen, wenn es mal schwieriger wird. In den 25 Jahren sei ihr die Arbeit nie langweilig geworden. Sie habe mit den Eltern, den Kindern, den Mitarbeiterinnen, der Gemeinde und den Fachstellen zu tun: «Es ist so vielseitig und hat mich im Leben weitergebracht.»
Über Zumikon und die Menschen hier spricht sie voller Anerkennung: «Wir sind endlos dankbar dafür, dass uns die Steuerzahler Geld zusprechen und unsere Krippe unterstützen, ebenso der Gemeinde, dass sie uns die Häuser kostenlos zur Verfügung stellt.» Eine Person hat sie besonders geprägt: Michael Biro, seit 22 Jahren im Vorstand des Vereins Chinderhuus Zumikon, seit 17 Jahren Präsident. «Ich habe enorm viel gelernt von ihm», sagt Martina Ehrler. «Er ist wie ein Mentor für mich.» Auch ihre Mitarbeiterinnen erzählen ihr, wie wertvoll ein Präsident sei, der die Krippe mit so viel Engagement nach aussen vertrete. Leider plane er in den nächsten Jahren seinen Rücktritt. Nach einer geeigneten Nachfolgerin oder einem geeigneten Nachfolger wird bereits gesucht. Wäre das nicht etwas für sie? Sie winkt energisch ab: «Nein, ich bin operativ tätig und sehe mich überhaupt nicht als Präsidentin.»
Man kriegt das Gefühl, dass Leben und Beruf bei ihr zusammenwachsen. Solche Momente gibt es tatsächlich; etwa wenn sie jeweils nach Pfingsten mit den älteren Kindern und der Hälfte ihrer Mitarbeiterinnen für vier Tage nach Obersaxen ins Ferienlager geht.
Das mache ihr so viel Freude, fast keine andere Krippe biete so etwas an, sagt sie. Der familiäre Rahmen ist ihr sehr wichtig: «Wenn die Eltern spüren, dass ihre Kinder es schön bei uns haben und gut betreut werden, dann gehen sie beruhigt arbeiten. Sie vertrauen uns ihr Wertvollstes an. Dies ist eine Riesenverantwortung, die ich gerne trage.»
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