Von Aline Sloksnath ‒ 26. September 2025

Als Molière im Jahr 1664 seine Komödie Le Tartuffe ou L’Imposteur im Schloss Versailles aufführte, löste er einen Skandal aus. Seine für die damalige Zeit revolutionäre Kritik an religiösen Heucheleien gefiel nicht allen, das Stück wurde verboten. Erst drei Jahre später wurde es wieder aufgeführt, in einer dritten, im Handlungsablauf stark abgeänderten Fassung. Rund 400 Jahre später bringt nun die Theatergruppe Zollikon die Geschichte auf die Bühne. Letzten Freitag fand im Gemeindesaal die Premiere statt. Dass die Theatergruppe Zollikon ein Publikumsmagnet ist, beweist der voll besetzte Saal: Bis auf ein paar Ausnahmen waren alle Plätze der Gala-Bestuhlung mit Tischen verkauft.
Im Zentrum des Theaterstücks steht der wohlhabende Orgon, der dem scheinbar frommen Tartuffe vollkommen verfällt. Er nimmt ihn bei sich auf, überschreibt ihm sein Vermögen, will ihn sogar mit seiner Tochter verheiraten. Alles zum Entsetzen seiner Familie. Denn während Orgon blind an Tartuffes Tugend glaubt, durchschauen ihn alle anderen: Hinter dem Heiligenschein verbirgt sich ein eiskalter Betrüger.
In Zeiten von Tinder-Schwindler, Phishing-Mails und Pyramidensystemen wirkt Molières Tartuffe erstaunlich aktuell. Ein Gedanke, den sich auch die Theatergruppe Zollikon zunutze macht. Geschickt inszenierte Regisseur Daniel Schärli die Geschichte nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch im Hier und Heute. Das gelingt nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell.
Die Bühne ist zweigeteilt, links der pinkfarbene Eingangsbereich in Orgons Haus, mit Kruzifix an der Wand, rechts weisse Wände und ein Podest, auf dem ein moderner Ikea-Tisch mit zwei Stühlen steht. Dazwischen keine Wand, keine Mauer, keine Abtrennung zwischen Vergangenheit und Moderne. Alles, was im Hause Orgon rund um die Betrügereien von Tartuffe thematisiert wird, kommt auf aktuelle Betrugsmaschen übersetzt auch auf der anderen Bühnenseite auf den Tisch. «Dieser Kontrast eröffnet ein spannungsreiches Wechselspiel, bei dem die klassische Geschichte Molières immer wieder von aktuellen Momentaufnahmen unterbrochen wird», schreibt Daniel Schärli im Programmheft. Ein Kontrast, der gelingt und der beschäftigt. «Das Stück regt zum Nachdenken an», sinniert eine Zuschauerin in der Pause. «Ich finde diesen Wechsel äusserst spannend», meint ein anderer Zuschauer. Die angeregten Diskussionen an den Tischen zeugen davon.

Die Theatergruppe Zollikon ist ein Laienverein. Seit über 35 Jahren bringt die Truppe in wechselnder Besetzung die unterschiedlichsten Stücke auf die Bühne. Doch wer bei Laienverein an ein Feld-Wald-und-Wiesen-Theater denkt, denkt falsch. Die elf Schauspielerinnen und Schauspieler brachten ein Theaterstück auf hohem Niveau auf die Bühne des Gemeindesaals. Dabei schlüpften sie alle in mindestens zwei Rollen: eine Figur aus Molières Tartuffe und eine namenlose aus der Gegenwart.
Bei der diesjährigen Stückauswahl war laut den Co-Leiterinnen Carole Winkler und Karin Benz vor allem das Thema ausschlaggebend. «Die Herausforderung und der Reiz lagen darin, diese zeitlose Thematik in einem modernen Gewand zu präsentieren. Die Verbindung von Alt und Neu hat uns im gesamten Probenprozess viel Freude bereitet», sagt Carole Winkler. Und die Theatergruppe habe mal wieder Lust auf einen Klassiker gehabt – wenn auch neu gedacht.
Obwohl das Stück nicht gerade durch Lustigkeit besticht, erntet das Ensemble an vielen Stellen Lacher aus dem Publikum. Vor allem Sabrina Jäggli-Incagliato in ihrer Rolle als Dienstmädchen Flipote und Karin Benz, Verfasserin der Mundartversion, als sarkastisches und pointiertes Kammermädchen der Töchter stachen hervor. Aber auch Brigitt Gebs in ihrer Rolle als Orgons Frau Elmire und Tartuffe, gespielt von Giacomo Amoroso, mit seiner ausdrucksstarken Mimik sorgten für Schmunzler im Publikum.
Auch wenn die Inszenierung stellenweise etwas statisch wirkt und manche Dialoge in die Länge geraten, zeigt sich das Publikum begeistert. Die Co-Leiterinnen Carole Winkler und Karin Benz sind zufrieden mit dem ersten Abend. «Es war wunderbar, endlich das direkte Feedback des Publikums zu erleben. Erst mit den Zuschauerreaktionen wird ein Stück lebendig. Diese Energie auf der Bühne zu spüren, war für uns alle ein besonderes Highlight», sagt Carole Winkler.
Die Theatergruppe Zollikon bringt nicht nur ein über 300 Jahre altes Stück auf die Bühne, sondern auch aktuelle Gesellschaftskritik. Inklusive der provokanten Frage: Ist der Betrogene am Ende vielleicht mitverantwortlich? Wer wissen will, ob und wie dem Betrüger Tartuffe letztlich das Handwerk gelegt wird, hat dieses Wochenende noch Gelegenheit Tartuffe, frei nach Molière, live zu erleben.

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