Der Gemeinderat könnte umziehen– aber nicht an den See

Von Björn Reinfried ‒ 7. November 2025

Forchstrasse, Beugi-Areal und das ehemalige Altersheim am See: Die drei Themen des zweiten Dialogabends regten vergangenen Mittwoch die Fantasie an. Gleich vier Gemeinderäte kamen, referierten und moderierten: Sascha Ullmann, Sandra Fischer, Patrick Dümmler und Dorian Selz. Viel wurde diskutiert – und viel Unkonventionelles zum Besten gegeben.

Drei Themen, viele Fragen: Gemeindepräsident Sascha Ullmann und seine Gemeinderatskollegen lieferten Antworten. (Bild: cef)
Drei Themen, viele Fragen: Gemeindepräsident Sascha Ullmann und seine Gemeinderatskollegen lieferten Antworten. (Bild: cef)

Gegen 100 Personen waren im Gemeindesaal erschienen. Das erste Traktandum erklärt Dorian Selz, Ressortvorsteher Bau: «Die Forchstrasse ist ein Trichter nach Zürich; der Verkehr wird kaum weniger.» Das Hauptproblem bei der Sanierung seien die Zuständigkeiten: Die Forchstrasse ist eine Kantonsstrasse, liegt also in der Hoheit des Kantons. Dieser verlangt unter anderem Tempo 80 und den Bau einer Mittelinsel beim Ortseingang Zollikerberg – wofür privates Land enteignet werden müsste (ZoZuBo 43/2025).

Diese Insel gibt am meisten zu reden. Sandra Fischer, Ressortvorsteherin Gesellschaft, moderiert. Ein Anwohner fragt: «Warum führen wir nicht Tempo 60 ein? Das würde die Insel obsolet machen, der Verkehr würde rollen. Kann die Gemeinde darauf Einfluss nehmen?» Dorian Selz’ ernüchternde Antwort: «Der Gemeinderat findet die Insel ebenfalls nicht sinnvoll. Der Kanton fordert 80 km/h. Wir können Einwände machen, aber ich denke nicht, dass der Kanton hier nachgeben wird.»

«Die Insel bringt nichts und ist eine Unfallgefahr», moniert ein zweiter. «Im Winter wird man sie nicht sehen. Das muss die kantonale Verkehrspolizei einsehen und den Kanton von der Idee abbringen.» Dorian Selz: «Der Gemeinderat sieht das auch so, aber die Verkehrspolizei hat die Insel geprüft und für nicht gefährlich befunden.» Eine weitere Person meldet sich: «Die Insel ist Blödsinn, das Ganze ist misslungen.» Sie wirft den Gemeinderäten Beamtenträgheit vor: «Bitte um Besserung in den nächsten zehn Jahren!» – «Wir werden uns bemühen.»

Jemand befürchtet, die Insel werde den Verkehr ins Stocken bringen und durch das Bremsen und Anfahren zusätzlicher Lärm entstehen. Wünschenswert wäre ein Flüsterbelag. Das Kernproblem bleibt: Die Bauhoheit liegt beim Kanton, und dieser entscheidet, welchen Belag er auf seinen Strassen verbaut. Die Einwendungen der Gemeinde sind Teil eines laufenden Verfahrens. Insgesamt hat Zollikon 16 Anträge an den Kanton gestellt, darunter auch solche, die am Dialogabend angesprochen wurden.

Das Beugi-Areal

Sascha Ullmann stellt die Idee des Gemeinderats zum Beugi-Areal mit einer Frage vor: «Wohin kann sich die Schule Oescher entwickeln?» Die Raumplanungsverordnung des Bundes fordert Verdichtung. Somit fällt die Option weg, das Schulgelände in die südliche Grünfläche zu erweitern. Die Idee des Gemeinderats: Die Gemeindeverwaltung zieht aus dem aktuellen Gebäude aus, übergibt dieses der Schule – und zieht auf das Beugi-Areal.

«Wo kommen denn die Leute hin, die jetzt im Beugi leben?», will eine Teilnehmerin wissen. Sascha ­Ullmann: Zollikon habe mit der ETH aktuell einen befristeten Mietvertrag bis Sommer 2027. Jemand anders betont: «Ich bin nicht begeistert, die Verwaltung mitten ins Dorf zu nehmen. Das hilft der Belebung des Dorfplatzes nicht.» Ein weiterer Votant will wissen, woher die Gemeinde ihre Zahlen habe, wegen der Überalterung bräuchte es vielleicht nicht viel mehr Platz für die Schule. «Zollikon wächst jedes Jahr», erklärt der Gemeindepräsident, «es kommen vor allem Familien».

Die Ideen aus dem Publikum sind vielfältig: Abreissen und verdichtet neu bauen – vielleicht mit einem Dorfladen – oder viele kleine Alterswohnungen im bestehenden Gebäude. Sascha Ullmann weist darauf hin, das Beugi-Areal sei eine Zone für öffentliche Bauten, also können nicht ohne weiteres Wohnungen oder Läden gebaut werden. «Ich glaube kein Wort davon», regt sich jemand auf, «wir brauchen auf dem Beugi kein Gemeindehaus und bestimmt keine Tagesschlafstätte an bester Lage. Man kann doch wohl umzonen.» – Nein, das könne man nicht. Ein Votant mit hörbarer Ironie in der Stimme findet eine Entflechtung der Gemeindeverwaltung nicht schlecht: «in Zukunft wird alles digitalisiert sein, da reicht der Verwaltung eine 1,5-Zimmer-Wohnung im Zollikerberg – mit einem Tankstellenshop, damit die armen Beamten ein Sandwich holen können». Leises Kichern im Saal.

Das ehemalige Altersheim am See

Zum Schluss geht es um die Zukunft des ehemaligen Altersheims am See, das 1969 auf dem Grundstück an der Seestrasse 109 erbaut wurde. Dieses hatte Heinrich Ernst 1923 der Gemeinde überlassen mit der Bedingung, sein Vermächtnis solle betagten Menschen zugutekommen. Der Zweck des 1924 geäufneten Heinrich Ernst Fonds gilt noch immer. Heute steht die Gemeinde vor die Frage, was sie auf dem Grundstück mit dem ehemaligen Altersheim machen soll. Die Gemeindeversammlung lehnte 2023 einen Verkauf der Liegenschaft ab. Heute wird sie zur Hälfte als Asylunterkunft und von Projekt Interim genutzt. Das Grundstück befindet sich in der Zone für öffentliche Bauten, doch hier sieht der Gemeinderat eine Umzonung als Möglichkeit. Doch wie nutzen? Sascha Ullmann präsentiert die Ideen des Gemeinderats: Im Baurecht verkaufen, im Fonds belassen, die Verpflichtungen der Stiftung herauslösen, selbst nutzen oder den Fonds auszahlen. Ausgeschlossen ist einzig der Verkauf. Dringlich sei dies allerdings nicht, da der Gemeinderat die aktuelle Lösung mit der Asylunterkunft begrüsst. Zollikon muss eine gewisse Anzahl Asylsuchende aufnehmen, und da bietet sich das ehemalige Altersheim als willkommene Lösung an.

Eine Frau, aus Zürich angereist, schlägt vor: «Man könnte in dem Gebäude eine Bleibe für alternde Kulturschaffende machen, denn im Altersheim bekommen sie kein Atelier, können also nicht weiterarbeiten.» Ein anderer will wissen, warum man das ehemalige Altersheim nicht wieder für Alterswohnungen nutzen könne: «Was, wenn das Blumenrain voll ist?» Die gemeinderätliche Antwort: In Zukunft würden eher regionale Lösungen mit umliegenden Gemeinden angestrebt.

Jemand schlägt vor, das Gebäude zu Alterswohnungen und einem kleinen Laden umzubauen. Sascha Ullmann erinnert an die fehlende ÖV-Anbindung. Die Idee von Shuttle-Bussen kommt auf, die Kosten dafür ebenfalls. «Warum schicken wir nicht die Gemeindeverwaltung dort hinunter?» Ach ja, die fehlende ÖV-Anbindung. «Müssen alle für den Gang zur Gemeinde zum See laufen, wäre niemand glücklich. Auch die Mitarbeitenden nicht.» Jemand lacht.

«Es wird einen dritten Dialogabend geben», schliesst der Gemeindepräsident die Veranstaltung. «Wenn es Ihnen gefallen hat, geben Sie einen kräftigen Applaus.» 200 Hände applaudieren.

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