Von Joachim Lienert ‒ 7. November 2025

Beim Hochfahren vom See auf den Zollikerberg schälte sich ein prächtiger Vorteil des Orts am Pfannenstil heraus: Herrschte unten noch dichter Nebel, schien hier oben die Sonne über einem imposanten Panorama und einem See aus Wolken. Sonnenschein sollte Programm sein für das Forum, an dem in der Turnhalle Rüterwis rund 80 Personen teilnahmen. Zusammen mit den Planern von Kontextplan AG präsentierte die Gemeinde ein mehrseitiges Dokument mit den vier Prinzipien der Ortskernentwicklung: räumliche Entwicklung, Freiraum, Gebäudenutzungen und Mobilität. Zwei Parzellen stehen im Fokus: das Gerenareal und die Roswies. Die Miteigentümer Trüb und Weber des Gerenareals waren ebenfalls vertreten. «Seien wir ehrlich, der heutige Ortskern wirkt eher trostlos. Heute wollen wir gemeinsam das Zielbild mit den Prinzipien der Ortskernentwicklung diskutieren», sagte Gemeinderat Patrick Dümmler, der Liegenschaftenvorsteher. Man wollte zusammenfassen, was seit Anfang Jahr in zwei Foren und einer Umfrage mit über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert wurde.
Die vier Prinzipien umfassen eine Vielzahl von Punkten. Die wesentlichen Elemente der räumlichen Entwicklung sind: Das Gerenareal soll mit einer Ausnützung von 100 Prozent überbaut werden, die Roswies mit einer Ausnützung von 40 bis 60 Prozent. Bei diesen Zahlen handelt es sich um Prozentangaben der zulässigen Ausnützung. Zwei symbolisch eingezeichnete Baufelder auf dem Ortsplan verdeutlichten, dass bei der Roswies bei einer angenommenen hundertprozentigen Ausnützung effektiv nur eine Fläche von rund einem Drittel des ganzen Grundstücks überbaut würde. Auf dem Gerenareal wiederum soll das geschützte Gebäude mit Weber Comestibles in die neue Überbauung eingebunden werden. Eine allfällige Sanierung der baufälligen Scheune auf der Roswies dagegen dürfte sehr teuer werden und steht nicht im Vordergrund der Überlegungen.
Es sollen möglichst durchlässige Gebäude entstehen – mit attraktiven Sichtbeziehungen zwischen den beiden Arealen, aber auch zur Forchstrasse hin. Das künftige Zentrum will offen sein und auf Anhieb einladen. Die Roswies betrachtet man als wertvolles Stück der ländlichen Herkunft des Zollikerbergs, ihren Charakter will der Gemeinderat mit Freiflächen erhalten. Beim Gerenareal wiederum will ein Dorfplatz zum bedeutendsten Freiraum im Ortskern werden. Hier soll man sich begegnen, sollen Veranstaltungen stattfinden. Die bestehenden Angebote will man in die Zukunft überführen. Namentlich Chramschopf, Freizeitdienst, Gerensaal und Bibliothek sollen auch künftig ihren Platz haben. Ein neuer Grossverteiler an dieser Stelle ist nicht vorgesehen, aber Raum für Convenience-Angebote wie ein Take-Away oder eine Paketstation, ein Café, allenfalls ein Hofladen. Die Nähe zur Forchbahnstation bietet sich ideal für solch «schnelle Angebote» an. Weil das Gerenareal ein lebendiges Zentrum werden soll, sieht man eher kleine Wohnungen für Singles, Paare und altersdurchmischtes Wohnen ab dem 1. Obergeschoss vor. Im Erdgeschoss und vor allem im nördlichen Teil zur Binzstrasse hin siedeln sich die Angebote mit Publikumsverkehr an. Der Freiraum und offene Dorfplatz will genau das sein: möglichst frei bespielbar mit wenigen starren Installationen. Die Roswies soll bevorzugt dem Wohnen im Alter, Familien- und generationendurchmischtem Wohnen dienen.
Beim Prinzip Mobilität schlagen die Planer ein feinmaschiges Fusswegnetz auf beiden Arealen vor. Die barrierefreie Erreichbarkeit der Forchbahn-Haltestelle ist ebenso wichtig wie oberirdische Veloabstellplätze und -ladestationen. Park-and-Ride-Plätze dagegen sind nicht vorgesehen: Der neue Ortskern soll kein Umsteigeplatz vom Auto auf die Schiene werden. Einzig für die Kundschaft der Geschäfte will man eine geringe Anzahl an oberirdischen Parkplätzen prüfen.

Die Inputs bei den einzelnen Prinzipien-Stationen waren zahlreich, auf Haftnotizen geschrieben und rege diskutiert. Weitgehend Einigkeit herrschte über das Gerenareal. Kontroverser ging es beim Umgang mit der Roswies zu. «Auf keinen Fall überbauen!», verlangten die einen. «Zu hundert Prozent ausnutzen!», die anderen. So beurteilten einige Teilnehmer kritisch, dass bei einer 50-prozentigen Auslastung nur gerade 24 Wohnungen entstünden, wie Patrick Dümmler zuvor erklärt hatte. Das scheint wenig für ein Grundstück dieser Grösse – 7248 Quadratmeter. Der Liegenschaftenvorsteher gab zu bedenken: «Wir wollen die Roswies bewusst teilweise offen lassen für künftige Nutzungen.» Die vorgeschlagene 40- bis 60-prozentige Ausnützung sei ein Kompromiss zwischen den 100 Prozent, die sich viele Leute wünschen – und einer kompletten Freihaltung, wie sie sich insbesondere betroffene Nachbarinnen und Nachbarn wünschen. Ein Mann findet: «Die Freiraum-Diskussion ist absurd. Wir reden von Erholungsräumen auf der Roswies, dabei ist man ein paar Schritte weiter im Erholungsraum. Die Ausnützung wäre mit 50 Prozent deutlich zu klein.» Ein anderer Teilnehmer widerspricht: «Die Roswies muss erhalten werden. Sie ist Teil der alten Herkunft des Zollikerbergs. Es ist eine Bauernidylle, und die Rosse und Schafe, die dort weiden, machen mir immer Freude.»
Wiederholt kamen die Themen «Jugend» und «Alter» aufs Tapet und die Haftnotizen. «Man muss unbedingt an die Kinder und Jugendlichen denken», verlangte eine Teilnehmerin. Götz Datko von Kontextplan sagte: «Wir möchten Jugendlichen nicht einfach etwas hinstellen. Das funktioniert nicht. Sie suchen sich ihren Freiraum selbst.» Nicht abstreiten lässt sich, dass Forchstrasse und Binzstrasse das Gefüge «Ortskern» mit den beiden Arealen zerschneiden. Doch diese können nicht angetastet werden, sie gehören dem Kanton. Eine neue Unter- oder gar Überführung wie einige wünschen, liesse sich kaum realisieren, sagte Patrick Dümmler. Schon für die bestehenden Unterführungen müsse die Gemeinde kämpfen, weil der Kanton sie am liebsten aufheben möchte. Heute geht die Tendenz in Richtung ebenerdige Strassenübergänge.
Wie es weitergeht, schilderte Patrick Dümmler: «Der partizipative Prozess ist formell abgeschlossen. Aber selbstverständlich geht der Austausch weiter. Es ist mir ein persönliches Anliegen, dieses Projekt weiter zu betreuen.» Und schiebt nach: «Falls ich nächstes Jahr wieder gewählt werde …» Das Publikum quittiert den Werbespot in eigener Sache mit Gelächter. Die Entwürfe der Prinzipien werden nun auf der Grundlage der Erkenntnisse aus dem Ergebnisforum überarbeitet. Im Gespräch skizziert Patrick Dümmler einen groben Marschplan: «Mein Ziel ist es, in der nächsten Legislatur (2026 bis 2030, Anm. d. Red.) eine abstimmungsreife Vorlage vors Stimmvolk zu bringen.» Es stecke viel Herzblut von ihm in diesem Projekt. Sollte er gewählt werden, würde er es auch als Gemeindepräsident vorantreiben wollen. Es werde mindestens zwei Baukredit- bzw. Bauprojekt-Vorlagen geben, über die abgestimmt werden kann – eine zur Roswies und eine zum Gerenareal. «Bei der Roswies kann ich mir auch zwei Varianten vorstellen, eine mit fünfzig und eine mit hundert Prozent Ausnützung.» Ein allfälliger Bau könnte im Idealfall in rund fünf bis sechs Jahren beginnen. «Man muss aber immer mit Einsprachen rechnen. Da mache ich mir keine Illusionen.» Die anwesenden Zollikerberglerinnen und -bergler zumindest wirken sehr zufrieden mit dem partizipativen Prozess. Sie konnten ihre Meinung einbringen. Jetzt sind sie gespannt, wie ihre Rückmeldungen in ein konkretes Projekt einfliessen werden. So, dass sich der Nebel der Ungewissheit über dem künftigen Ortskern vollständig lichten wird.
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