Die Ironwoman am Ironman

Von Björn Reinfried ‒ 14. November 2025

Der Ironman in Hawaii gilt als einer der anspruchsvollsten Ausdauerwettkämpfe der Welt. Er besteht aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem Marathon. Die 55-jährige Simone Valsangiacomo aus Zollikon hat ihn vor Kurzem gemeistert.

Hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Simone Valsangiacomo präsentiert ihre Medaille der Ironman World Championship in HawaIi. (Bild: zvg)
Hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Simone Valsangiacomo präsentiert ihre Medaille der Ironman World Championship in HawaIi. (Bild: zvg)

Viertel vor sieben in der Früh, die Salzwasserfluten brechen über einen herein, und man ist nicht sicher, ob man sich ins offene Meer voller bunter Fische übergeben muss oder nicht. Das ist der Anfang des 226 Kilometer langen Triathlons Ironman World Championship in Hawaii – ein Lebenstraum der Zollikerin Simone Valsangiacomo. Vor vier Wochen hat sie ihn erreicht.

In Zollikon aufgewachsen und zur Schule gegangen, begeisterte sie sich schon früh für Sport. Sie war Synchronschwimmerin, spielte Handball und Volleyball. Nach dem Gymnasium in Zürich wollte sie Gartenarchitektur studieren, wofür sie allerdings eine Kurzlehre brauchte – also absolvierte sie eine Lehre als Landschaftsgärtnerin. Doch das Studium am Technikum in Rapperswil erfüllte sie nicht: «Nach der Kanti hatte ich keine Lust mehr, von acht Uhr morgens bis fünf Uhr abends wieder die Schulbank zu drücken.» Sie brach das Studium ab und arbeitete als Gärtnerin weiter, unter anderem auf dem Friedhof Zollikon. 1997 heiratete sie, 2001, 2004 und 2008 kamen ihre gemeinsamen Kinder zur Welt – zwei Söhne und eine Tochter. Seit der Geburt ihrer Kinder arbeitet sie als Mutter und Hausfrau und macht nebenbei die Büroarbeit für das Unternehmen ihres Mannes.

Obschon sie nie unsportlich war, fand sie erst mit 40 zurück zum Leistungssport. «Es war die Midlife Crisis», antwortet Simone Valsangiacomo lachend auf die Frage, was denn der Auslöser war. Sie bekam von Freunden ein Fahrrad geschenkt und interessierte sich für Triathlon. Sie begann mit kleineren Triathlons und bestritt 2013 ihren ersten Ironman in Zürich. Weitere folgten, ehe 2017 ein Kieferbruch nach einem Sturz mit dem Velo ihren sportlichen Bestrebungen vorerst ein Ende setzte. 2020 wollte sie den Ironman in Schweden machen, dann kam Corona und sie musste den Plan vorerst begraben.

Ein grosses Ziel

Simone Valsangiacomo setzte sich zum Ziel, den Ironman in Hawaii zu absolvieren. Kein einfaches Ziel, denn um in Hawaii antreten zu können, muss man sich mit einem sehr guten Podestplatz eines anderen Ironmans qualifizieren. «Am besten wirst du Erste, dann ist die Qualifikation sicher.» Nach der Corona-Pandemie begann sie sich auf dieses Ziel vorzubereiten und gewann Rang zwei an einem halben Triathlon in Rapperswil. «Ich war noch nie zuvor auf dem Podest», erinnert sie sich stolz. Der Aufwand lohnte sich: Im österreichischen Klagenfurt schaffte sie mit dem vierten Platz bei ihrem sechsten Ironman die Qualifikation für Hawaii. «Das war sehr emotional für mich», beschreibt die Sportlerin den Moment, als sie einem ihrer grössten Ziele einen grossen Schritt näherkam, «ich sass da und musste wirklich weinen».

Doch mit der Qualifikation kam der eigentliche Kraftakt: eisernes Training und nur wenig Zeit. Zusammen mit ihrem Mann, der sie als Coach begleitete, stellte Simone Valsangiacomo einen Trainingsplan für die kurze Zeit zwischen Klagenfurt und Hawaii auf – drei Monate, mehr hatte sie nicht. Schwimmen, Rennen, Fahrradfahren, Kraft- und Ausdauertraining, richtige Ernährung. «Acht bis fünfzehn Stunden pro Woche Training – ich musste meinen inneren Schweinehund einige Male überwinden.»

Die Weltmeisterschaft in Hawaii

«Ich war nicht nervös, ich war einfach glücklich, endlich da zu sein», rekapituliert Simone Valsangiacomo den Morgen, an dem sie sich für den Triathlon bereitgemacht hatte. Sie stand um halb vier auf, ass ­viele Kohlenhydrate und stand um halb sieben Uhr am Start. Die erste Disziplin – ihre Lieblingsdisziplin – Schwimmen stand an: «Die ganze Woche war das Meer ruhig, und ausgerechnet an diesem Tag gab es Wellengang in der Bucht.» 3,8 Kilometer galt es im warmen, unruhigen Salzwasser zu schwimmen: «Da ist mir wirklich schlecht geworden.» Sie beruhigte sich, konzentrierte sich aufs Schwimmen und ihren Atem: «Okay, scheisse, da musst du jetzt einfach durch.»

Als nächstes die 180 Kilometer auf dem Velo. Auch hier lief es nicht nur wie geplant: «Zwei Mal flog die Kette raus.» Gegen Ende jeder Disziplin begann sie sich gedanklich auf die nächste vorzubereiten. Wie sie nach Schwimmen und Fahrradfahren noch einen Marathon laufen konnte? 42,195 Kilometer. «Man macht einfach eines nach dem anderen. Eifach mache! Allein durch die Lavawüste zu fahren und kilometerlang auf dem Highway zu ­rennen, dabei gedanklich einfach für sich zu sein, war sehr speziell.» 14 Stunden brauchte die Iron­woman für den Ironman. Am Ende eines der härtesten Triathlons der Welt war es wohl nicht nur Simone ­Valsangiacomo, die Freudentränen weinte, sondern auch ihr Mann, ihre Kinder und all die Freunde, die extra für sie am frühen Morgen den Fernseher einschalteten und die Übertragung verfolgten. «Das war magisch», erinnert sie sich an den Moment, an dem sie sich ihren grossen Lebenstraum endlich erfüllen konnte, «ich bin immer noch ein bisschen auf der Höhe von diesem Erlebnis».

Und in Zukunft?

Einen nächsten Ironman hat Simone Valsangiacomo in naher Zukunft nicht geplant – Hawaii ist ja erst ein paar Wochen her. Doch sie bleibt, wie ihre ganze Familie, sportlich aktiv: «Jetzt, wo ich eine gewisse Kondition und ein gewisses Niveau habe, möchte ich das natürlich gerne behalten.»

Mit ihrer Teilnahme am Ironman will sie auch andere dazu inspirieren, ihre Ziele zu verfolgen: «Man kann sich auch mit 55 noch seinen Traum erfüllen.» Ob Sport ihr Leben sei? Sie antwortet blitzschnell: «Nein, meine Familie.»

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