Von Joachim Lienert ‒ 14. November 2025

Sieben Zimmer, vier Doppelbetten. Macht 28 Personen. So viele Asylsuchende kann die Gemeinde Zumikon maximal im Schwäntenmos 12 beherbergen. Im Moment leben acht Personen hier – eine kurdische Familie mit drei Kindern aus der Türkei und ein Paar aus der Ukraine mit ihrem Baby. Noch dieses Jahr kommen vier Frauen, aufgeteilt in zwei Zimmer, und eine Familie mit drei Kindern hinzu, alle aus der Ukraine. «Dann ist das Haus eigentlich überfüllt», sagt Kudus Selomon, Asylkoordinator der Abteilung Gesellschaft. Auf Gemeindegebiet ist es die einzige sogenannte Kollektivunterkunft. 28 Personen – ungefähr so viele stehen sich fast auf den Füssen bei der Besichtigung. Es ist eng, spärlich eingerichtete Küche, spartanische Zimmer, ein schmales Badezimmer mit einer Dusche und vier WCs. Kurdin Fidan Päyci zeigt ihr Zimmer. Ein Fernseher, Tisch, Sofa, Bett, Kinderbettchen, Schrank. Die achtjährige Simay übersetzt bereitwillig und erzählt stolz: «Ich gehe in Zumikon in die Primarschule.» Mit ihrem elfjährigen Bruder Aras teilt sie ein Zimmer mit zwei Betten. Das Bunteste sind ein paar Bilder an der Wand und die Bettbezüge – Frozen für Simay, Superman für Aras. Frau Päyci bittet die Besucher, ihre Schuhe auszuziehen. Ein älterer Mann weigert sich, als er darauf aufmerksam gemacht wird, dass dies das Zuhause dieser Familie sei. «Die Gemeinde hat mich zu einer Besichtigung eingeladen, da darf ich herumgehen, wo ich will.» Die Kinderstube, sie scheint abgelegt vor dieser Stubentür.
Mehrfach sagen die Kinder: «Wir haben keinen Spielplatz.» Ihr Zuhause, in dem sie seit etwas mehr als zwei Jahren wohnen, ist abgelegen. Ringsum Industrie und Gewerbe, keine Wohnungen, abends herrscht Stille. Mit wem könnte man sich an diesem Ort überhaupt treffen?
Ein Mann findet: «Die Besichtigung nimmt mir die Angst vor Flüchtlingen. Es hilft, diese zugängliche Familie zu erleben. Man hat ja sonst immer 25-jährige Männer im Kopf …» Ein anderer: «Für mich ist es ein 200-prozentiges Ja zur Unterkunft.» Warum? «Wir haben die Quote, und wenn wir die Menschen integrieren wollen, dann müssen wir sie auch mit Anstand und Respekt behandeln.» Den Kindergarten als Argument dagegen anzuführen, findet er schlimm. «Fressen sie etwa Kinder?» Eine Frau sagt, sie sei gekommen, um die Argumente beider Seiten zu hören.
Doch wo sind sie, diese Argumente der Gegenseite? Bei der Besichtigung ist überwiegend Wohlwollen zu spüren. Das bleibt diesen Abend mehrheitlich so, als die rund 40 Gäste inklusive Vertreter der Behörden im Feuerwehrgebäude zusammenkommen. Gemeindepräsident Stefan Bührer, Mirco Sennhauser, Gemeinderat und Vorsteher Gesellschaft, Christoph Rüegg, Leiter der Abteilung Gesellschaft, und Fabrizio Vetter, Leiter Liegenschaften, stellen das Projekt vor. Zur Erinnerung: Die Gemeindeversammlung hatte im Juni 2023 der Asylunterkunft Farlifang mit einem Kredit von 4,54 Millionen Franken zugestimmt. Weil nach Eingang der Offerten von Totalunternehmern für den Bau die günstigste auf 5,038 Millionen Franken zu stehen kam, muss nach einem Bundesgerichtsentscheid am 30. November an der Urne über den Baukredit abgestimmt werden.

Stefan Bührer erinnert daran, dass es sich um das unveränderte Projekt von 2023 handelt, dem die Gemeindeversammlung 2023 zugestimmt hatte. Er zeigt, wie die Zuteilung von Asylsuchenden überhaupt abläuft: Sie werden vom Kanton zugeteilt, nach einer fixen Quote von zurzeit 1,6 Prozent pro tausend Einwohner. Für Zumikon bedeutet dies: 92 Personen. Die Gemeinde hat deshalb auf dem freien Markt vier Wohnungen für Asylsuchende gemietet und in Küsnacht das Personalhaus des ehemaligen Pflegeheims am See – befristet bis nächstes Jahr. Gemäss Vereinbarung mit Küsnacht dürfen dort ausschliesslich Asylbewerberinnen und -bewerber aus der Ukraine untergebracht werden, maximal 31. Stefan Bührer sagt: «Wir können beim Kanton Wünsche anbringen, was für Flüchtlinge wir gerne hier hätten. Zumikon wünscht Familien, was bisher immer berücksichtigt worden ist.» Wichtig sei zu wissen, dass Menschen, die hier in die Asylunterkunft kommen, bereits ein bewilligtes Gesuch haben. «Das heisst, sie bleiben hier. Mindestens fünf, sechs, sieben Jahre – oder für immer.» Deshalb gehe es darum, sie so schnell wie möglich zu integrieren, zum Beispiel mit Deutschkursen. Aus Sicht ihrer Vertreter hat die Gemeinde ihre Hausaufgaben gemacht. «Wir haben zwölf Standorte sorgfältig geprüft. Derjenige beim Farlifang erwies sich als der geeignetste.»
Verschiedene Gründe sprächen dafür: Die Zahl der gemeindeeigenen Grundstücke sei beschränkt. Die Asylunterkunft müsse im Siedlungsgebiet gebaut werden. Man könne bis gegen 500 000 Franken im Jahr an Miet- und Betreuungskosten sparen. Nach rund zehn Jahren wäre das Gebäude also amortisiert. Nicht zuletzt fördere die Lage im Zentrum die Integration. In einem Büro im Gebäude werde täglich jemand von der Gemeinde anwesend sein, und die Grösse des Grundstücks für maximal 48 Personen sei optimal. Bei der damaligen Auswahl des Grundstücks sei der Gemeinderat zusammen mit dem vormaligen Schulpräsidenten übereingekommen, dass dies der beste Standort sei. Zudem werde man eine Begleitgruppe zusammenstellen, die schon den Bau begleite, zusammengesetzt aus Vertretern von Gemeinde, Betreuungsdienstleisterin ORS, Schulpflege, Lehrpersonen und Eltern. «Wir möchten alle Betroffenen einbeziehen, Ängste nehmen und Lösungen suchen.» Das neue Gebäude wird flexibel konzipiert. Es erlaubt das Zusammenlegen von Zimmern, damit Wohnungen von 2,5 bis 5,5 Zimmern entstehen können.
Die Gemeinde hat zwar keinen Einfluss auf die Auswahl der Asylsuchenden. «Aber mit diesem Projekt, das explizit auf Familien ausgerichtet ist, steigen die Chancen, auch wirklich solche zu bekommen», sagt Stefan Bührer. Dies im Gegensatz zu Containerlösungen, die eher auf schwieriger zu integrierende junge Männer ausgerichtet seien. Und sollte dereinst die Quote an Flüchtlingen sinken, die die Gemeinde aufnehmen muss, lässt sich das Gebäude unkompliziert umnutzen, zum Beispiel für die Schule oder für Alterswohnungen. Aus dem Publikum kommen Fragen zum Projekt und zur Ausgestaltung. Eines fällt auf: Kein einziger Gegner äussert sich explizit zum Projekt. Auch Gérard Olivary ist anwesend, SVP-Präsident und Mitglied der Rechnungsprüfungskommission. «Weil ich Mitglied dieses Kollegialgremiums bin, kann ich nichts dazu sagen. Aber meine Position ist bekannt», sagt er vielsagend. Ob jemand anders von den Gegnern reden mag? Es findet sich niemand, der sich äussern will. «Es gibt ein haushohes Nein an der Abstimmung», habe ihnen ein Gegner prognostiziert, sagt ein Paar, seit 50 Jahren in Zumikon zu Hause. Und was werden die zwei stimmen? «Ein haushohes Ja», lachen sie. Damit ist das Paar an diesem Abend nicht allein. Doch wie die Stimmung bei den Zumikerinnen und Zumikern wirklich ist, das lässt sich hier und heute nicht ausmachen.
Wo sind die Gegner geblieben?
Es fiel auf, dass kein einziger Gegner der Asylunterkunft sich zum Thema äussern wollte. Der Versuch einer Erklärung führt über den Zumiker Marc Wachter. Er ist Präsident der SVP Bezirk Meilen, Co-Präsident des Komitees «Asylzentrum Farlifang Nein» und wird zusammen mit Christoph Künzle als einziger offiziell auftretender Gegner aufgeführt. Warum also regten sich die Gegner nicht? Er selbst habe nicht teilnehmen können, weil er den Geburtstag seines Vaters gefeiert habe. Er findet: «Hätte die Gemeinde eine echte Diskussion gewollt, hätte sie eine Podiumsdiskussion einrichten sollen, mit Befürwortern und Gegnern. So war der Anlass ein einseitiges Senden und keine echte Debatte.» Er wisse, dass es viele Leute gebe, die gerne etwas sagen würden, aber nicht dürften, zum Beispiel weil sie bei der Schulpflege seien oder eben in der Rechnungsprüfungskommission. Er betont: «In unserem Komitee sind nicht nur SVP-Mitglieder. Es gibt Leute, die in Behörden arbeiten, sich nicht äussern dürfen und keine Parteimitglieder sind.» Ihm macht es nichts aus, zu seiner Meinung zu stehen. «Aber ja, ich finde es schade, hat sich kein Gegner an der Veranstaltung geäussert.» Das Hauptargument des gegnerischen Komitees ist der Standort neben dem Kindergarten, wie die vielen Plakate und Flyer zeigen, die in Zumikon aufgestellt beziehungsweise verteilt wurden. Wie beurteilt Marc Wachter die Chancen auf ein Nein? Das Komitee habe letzten Samstag eine erste Standaktion an der Altstoffsammelstelle Schwäntenmos durchgeführt. Gestern Donnerstag (nach Redaktionsschluss) fanden weitere bei den Forchbahnstationen statt. «Vor der ersten Standaktion glaubte ich an einen Mehrheitsentscheid von 60 zu 40 Prozent Ja. Seit der Aktion glaube ich, unsere Chancen liegen bei 50 zu 50.» Findet der Zumiker es nicht vernünftig, die Geflüchteten in die Mitte der Gesellschaft zu nehmen und engmaschig zu betreuen? «Ich sage ja nicht, man muss sie am Dorfrand unterbringen. Zumikon hat das bis jetzt hervorragend gemacht. Man hat für die Leute immer Platz gefunden. Aber nicht neben dem Kindergarten.» Er schiebt nach: «Ich beneide den Gemeinderat nicht darum, dass er einfach Quoten zugeteilt bekommt.» Was sagt er zur Vermutung, dass es dem Komitee gar nicht um den Standort neben dem Kindergarten, sondern um die Verhinderung jeder Asylunterkunft gehe? «Da gibt es sehr unterschiedliche Meinungen innerhalb des Komitees. Zusammengefunden hat man sich, weil man den Standort nicht gut findet und die Kosten bemängelt.» Es gebe Leute im Komitee, die hätten am liebsten gar keine Asylunterkunft, andere sagten, es müsse ein anderer Standort her. «Es liegt aber nicht an unserem Komitee, einen anderen Standort vorzuschlagen. Unser Komitee heisst ‹Asylzentrum Farlifang Nein›. Darüber stimmen wir ab. Zu einem anderen Standort äussern wir uns nicht offiziell, weil wir unterschiedliche Meinungen haben.»
Was wären seine Vorschläge im Umgang mit Asylsuchenden? Der Gemeinderat habe im Vorfeld zwölf alternative Standorte geprüft; diese könne er einfach wieder aus der Schublade ziehen, die Mietverträge fremdgemieteter Liegenschaften verlängern, mehr Leute im Schwäntenmos unterbringen, dem Kanton mitteilen, Zumikon erreiche die geforderte Kapazität nicht. «Da gibt es x Möglichkeiten, die später zum Thema werden können. Aber jetzt geht es erst einmal um die Abstimmung. Ich glaube, in Zumikon hat es jetzt jeder mitbekommen, dass es um die Asylunterkunft neben dem Kindergarten geht. Vermutlich wird es eine höhere Stimmbeteiligung geben. Wenn es dann ein klares Mandat ist, wenn die Zumiker diese Unterkunft unbedingt wollen, dann kann ich damit leben, das
ist kein Problem. Ich würde nicht gegen das Resultat rekurrieren.»
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.