Von Aline Sloksnath ‒ 21. November 2025

Dienstagmorgen im Untergeschoss des Kindergartens Hinter Zünen. Aus dem Gang ist Geplapper und Gelächter zu hören. Dann ertönt Musik, plötzlich wird es still. Winkend und lächelnd laufen die 5.-Klässlerinnen und 5.-Klässler in Zweierreihe in den kargen Raum, immer ein Mädchen und ein Junge zusammen. Schick sind sie angezogen, die Mädchen im eleganten Kleid, die Jungs in dunkler Hose mit weissem Hemd. Es ist Stylingday beim Projekt «Dancing Classrooms».
«Dancing Classrooms» nimmt die Kinder mit auf eine Reise quer durch die Welt des Tanzens. Von englischem Walzer über Merengue, Foxtrott bis Rumba. In zehn Wochen lernen die Schülerinnen und Schüler in zwei Lektionen pro Woche sieben Gesellschaftstänze und zwei Line Dances. Doch es geht um viel mehr: Es geht um Respekt und Zusammenarbeit, es soll das Selbstwertgefühl der Kinder stärken, sie animieren, Neues zu lernen, sich aufeinander einzulassen, Barrieren zu überwinden. «Das Ziel ist, dass sie lernen, einander zu vertrauen. Die Nähe, die das Paartanzen mit sich bringt, zuzulassen, in einem definierten, geleiteten, respektvollen Rahmen. Sie wechseln regelmässig ihre Partner, damit nicht ausgesucht werden muss und der Umgang selbstverständlich wird», erklärt Tanzlehrerin Susanne Schnorf. Die Tanzpaare führen gemeinsam.
Pierre Dulaine hat das Projekt 1994 in den USA gegründet. Vor 15 Jahren brachte es die Zollikerin Susanne Schnorf in die Deutschschweiz: «Ich war Primarlehrerin und habe mit meiner Klasse einen Salsa-Workshop besucht. Die Tanzlehrerin erzählte mir von einem Dokumentarfilm über Dancing Classrooms in New York. Das Projekt vereinte meine Leidenschaften: unterrichten und tanzen. Der Film zeigte eindrücklich, welche Entwicklung die Kinder durch den Tanz machen.» Die Idee liess sie nicht mehr los. Entschlossen schrieb sie nach New York und brachte den Stein ins Rollen.
Die ersten vier Jahre war sie die einzige Tanzlehrerin des gemeinnützigen Vereins, dann kamen die ersten Mitarbeitenden dazu. Heute ist es ein Fulltimejob mit einer Geschäftsstelle: «Früher unterrichtete ich deutlich mehr. Inzwischen füllen Büroarbeit, Personalführung und der Austausch mit unseren Lehrpersonen einen grossen Teil meines Alltags.» Doch das Heimspiel in Zollikon lässt sie sich nicht entgehen.
Zurück in den Probenraum. Noch vor dem ersten Tanz gibt es die erste Diskussion: Gehört das Hemd nun in die Hose oder nicht? «Da weigere ich mich», maulen ein paar Jungs, die Mädchen kichern. Fertig lustig, nach dem Einwärmen gilt es ernst für die Ladies und Gentlemen, so nennt Susanne Schnorf ihre Schützlinge. Bis zur grossen Aufführung im Dezember ist nicht mehr viel Zeit.
An diesem Dienstag stehen Swing, Tango und Line Dance auf dem Programm. «A Rock, a Roll, a jump jump», gibt Susanne Schnorf den Takt an. «Lady gaht uf de Chääs, jump jump uf de Rand», singen die Kinder und tanzen dabei Swing im Kreis. Die gesungenen Eselsbrücken helfen ihnen, sich die Tänze besser zu merken. Die Schritte sind kindgerecht gestaltet und berücksichtigen die unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten. Doch einfach sind sie nicht.
«T – A – N – G – O», das nächste Verslein. Susanne Schnorf zeigt die neuen Schrittabfolgen. Immer wieder wechseln die Kinder ihre Partner. «Nicht stampfen!» Dann wird alles neu Gelernte aneinandergereiht und zur Musik getanzt. «Siiiiiie, ich tscheggs nööd», kommt es verzweifelt aus den Reihen. «Wir schauen es uns nochmals im Detail an», beruhigt die Tanzlehrerin. Der Tango ist ein dramatischer Tanz, der Blickkontakt ist essenziell. «Jetzt üben wir mal. Wer schafft es, sich die ganze Zeit anzuschauen und dabei eine schöne Tanzhaltung zu haben?» Einige Kinder sind noch etwas verhalten – wer wäre das in der 5. Klasse beim anderen Geschlecht nicht.

Klassenlehrerin Laura Barblan freut sich über das Projekt: «Zu Beginn waren die Kinder skeptisch, doch jetzt glaube ich, freuen sie sich sehr darauf.» Alles rund um die Aufführung machen die Klassen von Laura Barblan und Pablo Riva selbst. Sie gestalten Plakate, die Einladung, nähen im TTG-Unterricht Fliegen für die Gentlemen und Blumen für die Ladies. Das Projekt bekamen die Lehrerinnen und Lehrer an der Schulkonferenz vorgestellt: «Meine Klasse ist sehr musikalisch. Aber ich bin nicht so die Tänzerin, darum ist es toll, dass das eine externe Person den Kindern beibringt.»
Was finden die Kinder? Anna, Elise, Dario und Calvin erzählen von ihren Erfahrungen. «Manchmal ist es schon ein bisschen zu nahe. Vor allem am Anfang war es komisch», finden sie. «Doch jetzt ist es gar nicht mehr so schlimm.» Heute ist bereits die dreizehnte Lektion. Dass sie beim Projekt etwas Neues lernen, finden sie cool. Ebenso, dass nicht alle Klassen im Schulhaus Oescher mitmachen: «Wir von der Klasse Barblan sind die Auserwählten!» Und wie ist es mit der Nervosität vor dem grossen Auftritt? «Ich will einfach nicht hinfallen und mich blamieren …» Auch bangt ihnen davor, was ihre Eltern und Geschwister sagen könnten: «Dann kommen sicher Fragen wie, ist das deine Freundin? Ist das dein Freund?»
Angst oder Hemmungen vor der Aufführung müssen sie nach dem, was sie in dieser Probe zeigten, nicht haben. Ihre Freude am Tanzen wird sich sicher aufs Publikum übertragen.
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