Sein erstes Schlagzeug war aus Omo und Stokys

Von Joachim Lienert ‒ 21. November 2025

Als kleiner Junge hatte sich Thomas Ilg ein Schlagzeug gebastelt. Die Trommeln aus Waschpulverkübeln, Becken und Hi-Hat aus Stokys-Metallbauteilen. Die Faszination ist geblieben. Noch immer unterrichtet er Schlagzeug an der Musikschule Zollikon, im Dorf und im Berg.

Seit seiner Kindheit prägen Schlagzeug und Perkussion den Rhythmus von Thomas Ilgs Leben. (Bild: jli)
Seit seiner Kindheit prägen Schlagzeug und Perkussion den Rhythmus von Thomas Ilgs Leben. (Bild: jli)

«Ich habe auf allem rumgeschlagen.» Flaschen füllte der kleine Thomas mit Wasser, um sie mit Schlaghölzern zum Klingen zu bringen; das Drumset baute er sich aus Omo-Kübeln und Stokys. Die Liebe zur Musik war auch ein Erbe seiner Eltern. Er wuchs mit drei Geschwistern in Winterthur auf, Vater und Mutter hatten ein Abonnement fürs Stadtorchester. Ab und zu ging Thomas mit. An einem Instrumentenbaukurs baute er zusammen mit seiner Mutter ein Xylophon. Zu Hause lief meist klassische Musik, doch er hörte lieber Beatles, Bay City Rollers oder The Sweet, besuchte Konzerte von Angelo ­Branduardi oder Barclay James Harvest. «Ich war eher der Softie.» Nach der Sek absolvierte er eine Lehre als Schreiner. Doch nach einem Jahr auf dem Beruf wusste er: «Ich muss das mit der Musik probieren.» Weil er keine Matura hatte, galt es, einen Vorkurs mit theoretischem Teil und Vorspielen zu bestehen. Es klappte. Am Konservatorium in Winterthur studierte er viereinhalb Jahre lang Musik. Von Heinz Hänggeli, diplomiert in Geige, Klavier und Schlagzeug, lernte er viel, beim Schlagzeug-Poeten Pierre Favre nahm er Einzelunterricht.

Seit 1986 unterrichtet der heute 63-Jährige selbst Schlagzeug; zunächst an der Musikschule Zürcher Oberland, seit 2001 an der Schule Zollikon. Musik fasziniert ihn. Aber nie einzig um der Musik willen. «Ich finde es schön, wenn Musik auch eine Botschaft transportiert. Deshalb gefällt mir Gospel extrem, weil er mich inhaltlich berührt.» Der gläubige Mensch setzt sich seit 30 Jahren in einer Freikirche in Zürich zum Gospelchor ans Schlagzeug. Seine Musikwelt reicht noch viel weiter. Von 1991 bis 1993 begleitete er die erste Produktion des Musicals «Cats» in der ABB-Halle in Oerlikon. Es löste mit rund tausend Aufführungen einen Musical-Boom in der Schweiz aus. Tourneen mit Chören und Bands führten Thomas Ilg durch Europa. Er begleitete die schwedische Sängerin Carola Häggkvist, die sagenhafte drei Mal den European Song Contest gewonnen hat; den Singer/Songwriter Paul Colman oder Wayne Ellington, einen früheren Backgroundsänger von Elton John. In Spitzenzeiten bestritt Thomas Ilg bis zu 150 Konzerte pro Jahr.

Engagiert über die Schule hinaus

An die Zolliker Schule kam er durch Zufall. 2002 heiratete er in der reformierten Kirche Zollikerberg. Damals wohnte er an der Forchstrasse bei einem Freund; der Klavier- und Keyboardlehrer erzählte ihm von der offenen Stelle als Schlagzeuglehrer. Mit sieben Schülern fing es an. Dann ging es rasant hoch bis zum 100-Prozent-Pensum an der Schule. Aktuell betreut er 46 Schüler – darunter immerhin fünf Mädchen. Die eigene Familie wuchs ebenfalls; die vier Kinder sind heute zwischen 13 und 19 Jahre alt. In Volken im Zürcher Weinland fanden sie ihr Zuhause. «Wir bewohnen eine Haushälfte, das war damals zahlbar.» Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, dazu kommt ein schöner Garten. «Hier in Zollikon könnten wir uns das nicht leisten.» Unter den Kindern ist kein Schlagzeuger. «Der Zweitjüngste Lean spielt Gitarre, die Älteste Alja ist begeisterte Reiterin, der Zweitälteste Mael spielte früher Golf, heute Tennis, die Jüngste Nila macht Geräteturnen.» Dass niemand sich ans Schlagzeug setzte, bedauert er nicht. «Es ist schön, dass sie eine Leidenschaft für etwas entdecken können – egal, ob es Musik oder etwas anderes ist.»

In Zollikon engagierte er sich zunehmend über das Schlagzeugspiel hinaus. Er übernahm die Planung des Openairs der Musikschule, das klassische Grossprojekt mit Orchester, das Concerto Grosso, und begleitet auch einmal den Theaterabend einer Primarschulklasse samt Djembé-Workshop. So anspruchsvoll die vielen Projekte sind, so sehr bereiten sie ihm Freude. Zweimal im Jahr führt er das beliebte Schlagzeugforum durch. «Ich war negativ geprägt vom Vorspielen, wie ich es früher erlebt hatte: 20 Querflöten hintereinander und dann kommt einer und legt eine CD ein.» Lieber organisiert er Schlagzeugduette, Auftritte eines Trios von Geschwistern oder Bands samt Gitarre, Bassgitarre, Gesang und Klavier. «Die Möglichkeiten an dieser Schule sind einzigartig.» Er schwärmt vom Team der rund 40 Musiklehrpersonen, auch zu Hause bei seiner Frau, die als Case Managerin im Diakoniewerk Neumünster der Gesundheitswelt Zollikerberg arbeitet. «Ich kann mir kein besseres Lehrerteam vorstellen. Wir sind ein Superteam und erfahren von der Musikschulleiterin Jovita Tuor viel Wertschätzung.» Das motiviert ihn. «Zu erleben, wie stolz die Kinder nach einem Konzert sind, wenn sie strahlend von der Bühne kommen und sagen: ‹yes, es war so cool› – das sind Erlebnisse, die prägen.»

Selbstvertrauen stärken

Der Schlagzeuger möchte die Persönlichkeit jedes Kindes stärken und ihm den Zugang zur Musik öffnen. «Am wichtigsten ist, dass ein Kind Selbstwert und Selbstvertrauen gewinnt. Im Zusammenspiel mit anderen erlernt es viele Kompetenzen. Ich gebe nie auf und glaube daran, dass der Knopf bei jedem aufgeht.» Schlagzeug sei kein Instrument, zu dem jemand gezwungen werde. «Sehr vielen macht es Freude; sie üben regelmässig und kommen extrem gerne in den Unterricht.»
Ab und zu trifft er einen ehemaligen Schüler im Dorf. Manche kommen auch während ihres Studiums noch zu ihm in den Unterricht. Für ihn sind es noch zwei Jahre bis zur Pensionierung. «Mir wird bestimmt nicht langweilig.» Als grössten Luxus bezeichnet er Ferien mit der Familie, zum Beispiel mit dem Wohnwagen durch Europa. Zudem sei seine Jüngste erst 13, «da gibt es auch zu Hause noch einiges zu tun.» Und natürlich hat er sich einen Übungsraum eingerichtet. Im Dachgeschoss, mit richtigem Schlagzeug, weder aus Omo noch aus Stokys.

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