Von Martina Gradmann ‒ 28. November 2025

Man könnte ihn als Suchenden bezeichnen. Als einen, der, wie so viele, nach der Antwort sucht, weshalb er sein Leben lang ums Überleben ringen darf. Dabei geht es nicht um seine Arbeit, mit der er sehr erfolgreich war, es geht um den Krebs, der sich als 20-Jähriger zum ersten Mal manifestiert hat. «Die Arbeit war mir natürlich auch wichtig, aber eigentlich war sie Begleitmusik zur Frage, was das Leben für einen Sinn hat.» Willi Gasche wohnt heute wieder im Zollikerberg, wo er in den 60er-/70er-Jahren aufgewachsen ist. Sein Zuhause wirkt klein für den Grossgewachsenen, doch gemütlich – für ihn sei es genau richtig. Das Haus, zusammen mit einem angebauten zweiten, konnte er als Höchstbietender von der Gemeinde erwerben, für ihn eine glückliche Fügung.
Sein markantes Gesicht kennen viele in der Gemeinde noch von Plakaten aus den 70er- und 80er-Jahren. Für den Baumeisterverband warb der gelernte Maurer mit seinem Foto und dem Slogan «Lerne Maurer, werde Baufachmann». Der Baubranche blieb er treu, wollte aber seinen Horizont erweitern und sich in die Architektur einarbeiten. Für einen Jugendfreund durfte er im Berner Oberland ein Zweifamilienhaus planen und bauen. «Später lernte ich durch meine Schwester den Architekten Othmar Schäublin kennen und wurde Teil seines Büros», erzählt er. Daraus entstand ein Netzwerk, aus dem sich eine eigene Firmengründung zusammen mit einem Partner ergeben hat. Willi Gasche arbeitete als Architekt, entwickelte Projekte, richtete Architekturwettbewerbe aus und wirkte auch als Bauherrenberater/Vertreter. «Ich habe Architektur im lebendigen Austausch mit den verschiedensten Architekten erlernt, ganz mittelalterlich durch Meister, und dazu mehrere baubezogene Weiterbildungen gemacht.» In diesen Funktionen hat er verschiedene Bauvorhaben betreut und begleitet, wie Wohn- und Neubauten, davon mehrere in der Gemeinde, Mitwirkung an den schweizweit aufgestellten, runden Glastelefonkabinen, dem Puls 5 am Hardturm, einem Büroneubau für die Balzanstiftung und vielem mehr. Das Schlotterbeck Areal mit über hundert Wohnungen an der Badenerstrasse in Zürich war eines der prägendsten. «Ich habe zusammen mit dem Bauherrn abgeklärt, ob sich die Investition lohnt und unter Berücksichtigung von Architektur und ökonomischen Belangen den Wettbewerb ausgeschrieben, dann das siegreiche Projekt mit Partnern entwickelt und umgesetzt.»
Als junger Freelancer hatte Willi Gasche bei einem Architekten auch den Kinobau erlernt und verschiedene Kinos in der Stadt Zürich umgebaut. Mit diesem Rüstzeug konnte er, zusammen mit seinen Büropartnern Schäublin Teuwen Architekten, den ersten Kinokomplex, das «Cinemax» in Zürich, planen und bauen. Während dieses Planungsprozesses lernte er auf dem Amt für Reklame dessen damaligen Leiter Hans Imesch kennen. Dieser führte nebst den Amtsgeschäften auch meditative Reisen in die Wüste durch. «Die Wüste war für mich ein Sehnsuchtsort und ich wollte unbedingt dorthin.» Mit dem Hinweis, nichts mitzunehmen, kein Buch und keinen Fotoapparat, um sich ganz dem Geschenk der Wüste hinzugeben, reiste er mit Hans Imesch und ein paar anderen nach Timimou in Algerien, um von dort aus zwei Wochen durch die Wüste zu «pilgern». In dieser Landschaft, wo einen nichts ablenke, spüre man die eigene Innenwelt viel stärker. «Die Begegnung mit der Wüste erschütterte mich zutiefst und von diesem Moment an ‹sah› ich während der Reise und ein paar Wochen danach sowohl mit meinen physischen Augen als auch mit meinem inneren Sehen.»
Die Wüste schenkte ihm ein weiteres Mal den Zugang zur inneren, seelischen Welt und die Einsicht, dass sich in seinem Leben etwas ändern müsse. Die Frage war nur, was und wie? Wieder zu Hause, beim Betrachten einer Weltkarte mit dieser Frage in der Seele und aus dem inneren Auge, nieselte es überall auf der Welt, ausser in Australien, wo die Sonne schien. Er wanderte nach Australien aus – mit dem Wüstengeschenk «Sehen mit dem inneren Auge». Willi Gasche bestieg 1993 ein Containerschiff in Hamburg und schipperte in fünf Wochen nach «Down Under». Dort erlebte er zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, zu Hause zu sein. Hier wollte er bleiben. Er begann eine Ausbildung zum Naturarzt und wollte eine Australierin heiraten.
Als Heiratswilliger muss man in Australien eine medizinische Abklärung durchlaufen. Nach verschiedenen Untersuchungen und einer Biopsie sagte man ihm, er könne wieder kommen, wenn er gesund sei. Der Lymphdrüsenkrebs zeigte sich erneut. Ein Schock. «Ich war damals 33 Jahre alt.» Zwei weitere Male, mit 43 und mit 50, wird der Krebs zurückkommen. Was nach Schicksalsschlägen tönt, erlebte er auch als Geschenk: «Es waren Erfahrungen und Erlebnisse damit verbunden, die ich nicht missen möchte.» Zwei dieser Erkrankungen wandelten sich in Spontanheilungen. Beim vierten Mal war es ein hochaggressives Lymphom, und er entschied sich nach drei Gesprächen mit unterschiedlich praktizierenden Ärzten für die von allen empfohlenen Chemotherapien. «Wie bei den vorangegangenen Krebsgeschehen begann ich wieder intensiv und bewusst in meinem Körper umherzuwandern. Durch dieses Beobachten lernte ich die unterschiedlichen Ebenen im Körper kennen, den ‹feinen› Körper, das Fliessende und den Wärmekörper. Werden diese Ebenen deckungsgleich, erlebe ich das als heilend. Meine Beschäftigung mit der Anthroposophie, dem Buddhismus und natürlich mit unserer christlichen Welt gaben mir die geistigen Werkzeuge, um im Fragenwald des Lebens Orientierung und Sinn zu erkennen.» Dabei halfen ihm auch die freudvoll erlebte Vaterschaft und das künstlerische Tun als Wirklichkeitsbezug: Zeichnen, Malen, Fotografieren und später die Bildhauerei. «Heute ist das unverständliche Leben für mich fassbarer, sein Sinn verdichtet sich im Glauben.»
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