«Ich passe mehr auf, mit wem ich chatte»

Von Aline Sloksnath ‒ 28. November 2025

Die Sekundarschülerinnen und -schüler von Zollikon und Zumikon lernten Mitte November von einem Kantonspolizisten mehr über das Thema Mobbing und zum Umgang mit Social Media und Cyberkriminalität. Eine Bestandsaufnahme.

Spannend und altersgerecht: Marco Selenati erklärt den Jugendlichen, welche Gefahren das Internet birgt, an wen sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen, und wann die Polizei eingeschaltet wird. (Bild: asl)
Spannend und altersgerecht: Marco Selenati erklärt den Jugendlichen, welche Gefahren das Internet birgt, an wen sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen, und wann die Polizei eingeschaltet wird. (Bild: asl)

«Du bisch nüt! Du Schlampe! Mir ­mached dich fertig!» Die Worte im fiktiven Präventionsfilm der Kantonspolizei Zürich sind hart. Doch können sie Realität sein. Mobbing kann körperlich oder verbal, auf dem Pausenhof oder im Netz passieren. Man spricht davon, wenn jemand gezielt und über längere Zeit schikaniert, gedemütigt und ausgeschlossen wird. Laut der aktuellen James-Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat ein Viertel der Jugendlichen schon mehrmals beleidigende Nachrichten auf ­Social Media erhalten. Über jeden fünften wurden mindestens einmal peinliche oder unangenehme Bilder und Videos verbreitet. Fast die Hälfte, konkret 43 Prozent, gibt an, in den letzten zwei Jahren selbst zumindest einmal in privaten Chats jemanden beleidigt zu haben.

Die Folgen von Mobbing sind verheerend: von geringem Selbstwertgefühl, Einsamkeit, Depressionen, Bauchschmerzen bis zu Suizidgedanken – Stella aus dem fiktiven Film erlebt sie alle. Der Film ist keine leichte Kost. Das ist an diesem Dienstagvormittag vermutlich das Ziel. Er soll bei den Zolliker und Zumiker Sekschülerinnen und -schülern etwas auslösen.

Seit zehn Jahren steht Kantons­polizist Marco Selenati vor Schulklassen, spricht über Verkehrssicherheit oder Gefahren und Rechte in der digitalen Welt. Geduldig geht er mit den Jugendlichen jede Szene im Film durch und bespricht, was Stella in dieser Situation machen könnte. Er spricht die Gruppen­dynamik an, die bei Mobbing entstehen kann: Plötzlich werden Mitläufer zu Mittätern. Mobbing ist strafbar. In der Schweiz ist man ab zehn Jahren strafmündig.

Das ist Zivilcourage

Was machen, wenn einem das passiert? Sprecht mit einer Vertrauensperson, rät der Polizist. Mit den Eltern, der Klassenlehrerin – «oder der Polizei», wirft ein Schüler in die Runde. Im Internet gibt es auch Hilfs­angebote, die gratis Telefonnummer 147 ist rund um die Uhr für die ­Jugendlichen da. Auch im Chat.

Die Jugendlichen können sich mit ihren Sorgen – nicht nur bei Mobbing – auch an die Schulsozialarbeiterin wenden. Im Schulhaus Buechholz ist das Elena Cassani. «Betroffene Schülerinnen und Schüler können regelmässig zu mir kommen und in einem ruhigen Rahmen über ihre Situation und ihre Gefühle sprechen», erklärt sie auf An­frage. «Wird ein Mobbingvorfall gemeldet, lade ich die betroffene Schülerin bzw. den betroffenen Schüler zu einem Gespräch ein. ­Dabei geht es zunächst darum, die Situation sorgfältig zu erfassen und dem Kind Raum zu geben, über das Erlebte zu sprechen. Anschliessend werden gemeinsam mögliche Handlungsschritte entwickelt.» Bevor sie Gespräche mit anderen Jugendlichen führt, holt
sie immer das Einverständnis der ­betroffenen Person ein. Das ist nicht nur wichtig, Elena Cassani muss das so machen. Als Schulsozialarbeiterin steht sie unter Schweigepflicht. Was ihr anvertraut wird, darf sie nicht weitererzählen. Nicht den Lehrpersonen, nicht den Eltern. Eine Ausnahme gibt es, sie ist im Zivilgesetzbuch verankert: Eine Meldepflicht besteht dann, «wenn konkrete Hinweise dafür bestehen, dass die körperliche, psychische oder sexuelle Integrität eines Kindes gefährdet ist» und sie der Gefährdung im Rahmen ihrer Tätigkeit keine Abhilfe schaffen kann.

Stellas Geschichte im Film geht zum Glück gut aus. Ihre beste Freundin merkt, dass es ihr immer schlechter geht und handelt. Sie macht Screenshots aller Chats, druckt diese aus. «Das ist Zivilcourage», sagt sie und legt die Unterlagen der Klassenlehrerin aufs Pult. Am Ende sieht man Stella fröhlich inmitten ihrer Mitschülerinnen und -schüler. Der Platz der Haupttäterin bleibt leer.

Verhalten im Internet

In der zweiten Lektion geht es um die Sicherheit im Netz. Neun von zehn Jugendlichen nutzen täglich oder mehrmals pro Woche Social Media. Instagram und TikTok sind die beliebtesten Apps, über die Hälfte der Jugendlichen besucht die Plattformen sogar mehrmals am Tag. Das zeigt die ZHAW-Studie.

Kantonspolizist Marco Selenati erklärt den Jugendlichen, was im Netz erlaubt ist und was nicht. Er zeigt mögliche Strafen, die auch Jugendliche treffen können. Ab 15 Jahren kann man in der Schweiz bereits für maximal ein Jahr ins Gefängnis kommen. Das beschäftigt. «Sie, sind viele Jugendliche im Gefängnis?», fragt ein Schüler. Das Bundesamt für Statistik erfasst Aufenthalte in einer Institution oder einer Strafanstalt, wenn sie nach Jugendstrafrecht ­angeordnet wurden. 2024 waren schweizweit über tausend Jugendliche aufgrund verschiedener Taten in Untersuchungshaft, vorsorglicher und angeordneter Schutzmassnahme oder im Freiheitsentzug.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler verschiedene Themen wie Sexting, Pornografie und Pädo­kriminalität in kleinen Gruppen bearbeitet und der Klasse präsentiert haben, gibt ihnen Marco ­Selenati drei wichtige Tipps mit auf den Weg. Erstens: Keine privaten Details posten. Der ganzen Welt mitzuteilen, wann man mit der Familie in den Ferien ist, ist eine schlechte Idee. Zweitens: Die Jugendlichen sollen zurückhaltend sein. Nicht jeder und jede auf Social Media meine es gut. Und drittens: Geht respektvoll miteinander um.

Der richtige Umgang im Internet ist auch Teil des Lehrplans 21. «Der Umgang mit Medien und Social ­Media ist Thema im Unterrichtsfach ‹Medien und Informatik› (MI). Ab der 5. Klasse bis 1. Sek sowie in der 3. Sek haben die Jugendlichen je eine Wochenlektion MI», erklärt Sonja Erni, Kommunikationsverantwortliche der Schule Zollikon. Mit der Kriminalprävention wird bereits in der Mittelstufe gestartet. Die Eltern werden ebenfalls sensibilisiert: «Wir bieten auch Themen-Elternabende an.» Organisiert werden diese von der Schule selbst oder von der Elternmitwirkung.

Darüber reflektieren

Die Veranstaltung hat die Jugendlichen beeindruckt. «Die Kriminal­präventionslektionen wurden am nächsten Tag in der Klasse nochmals aufgenommen und reflektiert. Die Jugendlichen machten sich ­Gedanken, was sie aus diesem ­Unterricht mitnehmen, was für sie hilfreich war und was sie zum Nachdenken angeregt hat», erzählt Co-Schulleiterin und Klassenlehrerin Amanda Stepper. Einige dieser Gedanken hat die Schule – wo könnte es auch anders sein – auf ihren Social-Media-­Kanälen veröffentlicht: «Soziale Medien können auch gefährlich sein.» «Man soll niemanden mobben. Mobbing ist verletzend und strafbar.» «Ich passe mehr auf, mit wem ich chatte.»

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