Das Spektakulärste wurde nach den Traktanden serviert

Von Joachim Lienert ‒ 5. Dezember 2025

Die Zumiker Stimmberechtigten beschlossen an der Gemeindeversammlung vom Samstag eine Steuersenkung auf 71 Prozent. Ein Dammbruch und Niedrig­rekordwert im Kanton. Dennoch war dies nicht die spektakulärste Verkündigung des Morgens.

Fand am Morgen statt, weshalb Assoziationen zu Leonardo da Vincis Letztem Abendmahl gesucht wären: die Gemeinderäte von Zumikon. (Bild: jli)
Fand am Morgen statt, weshalb Assoziationen zu Leonardo da Vincis Letztem Abendmahl gesucht wären: die Gemeinderäte von Zumikon. (Bild: jli)

Vor Beginn fragte der Journalist Gemeindepräsident Stefan Bührer, was er von der Gemeindeversammlung erwarte. «Unspektakulär», meinte er. Und schränkte sogleich ein: «Bis auf eines: Spektakulär wäre es, wenn die Versammlung eine Senkung des Steuerfusses beschliesst, die weitergeht als der Vorschlag des Gemeinderats.» Genau so kam es. mit 71 zu 56 Stimmen beschlossen die Stimmberechtigten auf Antrag der Rechnungsprüfungskommission und ­eines Einzelvotanten die Senkung auf 71 Prozent. Das bedeutet aktuell der niedrigste Steuerfuss im ganzen Kanton. «Damit ist ein Damm gebrochen», sagt Stefan Bührer nach der Versammlung gegenüber dem Zolliker Zumiker ­Boten. Denn bislang wollte keine Gemeinde den tiefsten Steuerfuss von 72 Prozent, gehalten von Kilchberg, unterbieten. Jetzt also Zumikon. Bereits heute fliessen rund 40 Prozent aller Ausgaben der Gemeinde in den Finanzausgleich des Kantons, in diesem Jahr rekordhohe 36 Millionen Franken bei einem Aufwand von 87 Millionen. Im schlimmsten Fall könnte der Kanton noch höhere Beiträge beschliessen. Auch dürfte der erste Rang dazu führen, dass die Gemeinde generell stärker im Fokus steht, was nicht immer im Sinne von Behörden und Bevölkerung ist.

Überschuss von einer Million

Der Gemeinderat hatte beim Traktandum eins, der Verabschiedung des Budgets 2026 eine Senkung des Steuerfusses von 75 auf 73 Prozent vorgeschlagen. Doch sogar Dominik Ziegler als Präsident der Rechnungsprüfungskommission (RPK) beantragte eine weitergehende Senkung auf 71 Prozent, ebenso wie Philippe Signer als Votant im Auftrag der SVP. «Selbst wenn wir auf 73 Prozent runtergehen, planen wir 2026 immer noch mit einem Überschuss von einer Million», rechnete Dominik Ziegler vor. Zumikon habe in den letzten acht Jahren Überschüsse erzielt, die sich auf 68 Millionen Franken summieren. Zudem verfügt die Gemeinde über freies Eigenkapital von 150 Millionen. Die öffentliche Hand ­dürfe nicht zu einer Bank werden und Steuern auf Vorrat eintreiben. Finanzvorstand André Hartmann, der das Budget vorstellte, hatte zuvor Erfreuliches verkündet: Für 2026 sind 87,3 Millionen Franken Einnahmen budgetiert, dies bei einem Steuerfuss von
73 Prozent und noch einmal steigenden Grundsteuern.

Die grössten Ausgaben im Budget 2026 machen die Liegenschaften mit vielen Investitionsprojekten aus: Sanierung Tiefgarage, Neugestaltung Dorfplatz, Neubau Asylunterkunft Farlifang – ein Projekt, das es schon einen Tag später nicht mehr geben sollte – und Erneuerung des Gemeinschaftszentrums. Dafür sind 16,8 Millionen Franken vorgesehen. Der Finanzplan 2025 bis 2029 der Gemeinde sieht Gesamtinvestitionen von über 68 Millionen Franken vor. Am Ende der Periode würde man mit kalkuliertem Geldabfluss bei plus/minus Null Nettovermögen landen. André Hartmann mahnte zu Vorsicht: «Das grösste Risiko ist das zeitliche. Investitionen, die sich zeitlich verzögern, verteuern die Bauprojekte. Das ist im Finanzplan nicht abgebildet. Wegen dieses Risikos und der möglichen Bauteuerung hat der Gemeinderat eine moderate Steuersenkung beantragt.» Die Versammlung stimmte dem Budget ohne Gegenstimme zu.

Unbestrittene Traktanden

Die zwei weiteren Traktanden ­waren unbestritten: die Schiess­anlage Breitwies muss wegen der Bodenbelastung durch Bleimunition saniert werden. Der Kredit ­beträgt knapp 600 000 Franken, wobei Bund und Kanton nach erfolgter Sanierung rund 450 000 Franken zahlen werden, sodass ­Zumikon maximal etwa 150 000 Franken übernehmen muss. Einstimmig ­angenommen. Auch die Sitzungsgelder für Behördenmitglieder gelangten zur Abstimmung mit einer Erhöhung der Grundentschädigung von 50 auf 60 Franken. Pro Tag ­können neu maximal 480 statt 400 Franken für Sitzungs­gelder verrechnet werden. Zumikon rechnet dadurch mit Mehrkosten von jährlich rund 30 000 Franken. Auch hier: einstimmige Annahme. Damit war die ordentliche Gemeindeversammlung beendet.

Geduld mit Miteigentümern ist zu Ende

Doch Stefan Bührer bat zu bleiben. Gemeinderat und Liegenschaftenvorsteher Thomas Epprecht gab ­einen Ausblick auf die aktuellen Bauprojekte, als Erstes auf die ­Sanierung der Tiefgarage – und verkündete die spektakulärste Nachricht des Morgens. Die Sanierung ist blockiert, weil sich die Gemeinde mit zwei privaten Miteigen­tümern nicht über den Umfang
der Kostenbeteiligung einig wird. Die Erneuerung des Dorfplatzes wiederum hängt von der Tiefgaragen-Sanierung ab und kann deshalb ebenfalls nicht begonnen werden. Im Sommer kam Hoffnung auf, dass eine Einigung auf gutem Wege sei. Doch dem ist nicht so. «Seit drei Tagen wissen wir, dass wir ein halbes Jahr lang vergeblich warteten.» Die Eigentümer lehnen die Kostentragungspflicht nach ­Eigentumsanteilen ab. «Wir hatten jetzt zwei Jahre lang Geduld. Ich sage Ihnen heute: Jetzt haben wir keine Geduld mehr. Wir machen jetzt einseitig vorwärts.»

Wegen der unterschiedlichen Auffassungen habe man von einem unabhängigen Ingenieurbüro die Kosten und ihre Aufteilung prüfen lassen. Das Gutachten bestätige, dass das Projekt richtig aufgegleist wurde und die Kostenaufteilung zwischen Dorfplatz und Tiefgarage plausibel seien. «Jetzt bereiten wir bei Dorfplatz und Tiefgarage das Baugesuch vor, um innert nützlicher Frist eine Baubewilligung zu erhalten.» Damit die Gemeinde bei der Tiefgarage einseitig vorgehen kann und diese wieder voll nutzbar wird, reduziert sie das Baugesuch auf dringliche Massnahmen wie die Statik und Abdichtung. Weil Wasser eindringt, gehört das Abräumen der Decke, also das Öffnen des Dorfplatzes, dazu. Neu sollen sogenannte «Briefmarken» zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um starke rechteckige Verstrebungen in der Decke der Tiefgarage, die die Durchstanzsicherheit nach den Normen wieder sicherstellen sollen. Sie sollen also verhindern, dass die Decke unter einer punktförmigen Last durchbricht. Das wird die berühmt gewordenen rund 200 Holzstämme überflüssig machen, die die Decke provisorisch – will heissen, seit nunmehr zweieinhalb Jahren – stützen. Die Gemeinde wolle innerhalb der nächsten zwei bis drei ­Monate das Baugesuch einreichen. Danach dürfte es etwa weitere vier bis sechs Monate dauern, bis die Baubewilligung vorliegt. «Wir rechnen damit, 2027 mit dem Bau beginnen und Tiefgarage und Dorfplatz rund zwei Jahre später fertigstellen zu können. Immer vorausgesetzt, dass keine Einsprachen eintreffen.» Thomas Epprecht gibt weiter zu bedenken, dass die alte Lüftungsanlage bereits auf Volllast läuft. Sollte sie in nächster Zeit aussteigen, wäre sogar eine Schliessung der Tiefgarage nötig. Auch deshalb möchte die Gemeinde nicht länger zuwarten. Nötigenfalls wäre sie bereit, die Kostenbeteiligung der Miteigentümer auf juristischem Weg einzutreiben. Man habe den Fall geprüft und rechne sich für dieses Szenario gute Chancen aus.

Beim Gemeinschaftszentrum dürfte die Baubewilligung spätestens im März 2026 vorliegen. Wieder mit der Möglichkeit einer 30-tägigen Einsprachefrist für die Parteien, die den baurechtlichen Entscheid im Oktober verlangt hatten. Dann könnte man mit der Ausführungsplanung weiterfahren – und voraussichtlich 2027 mit dem Bau beginnen. Die Bauzeit ist auf rund zwei Jahre veranschlagt.

Vorerst also bleibt es mit der Steuer­fusssenkung für die Zumikerinnen und Zumiker bei nur einem Weihnachtsgeschenk. Einen noch spektakuläreren Entscheid trafen einen Tag später die Stimmberechtigten an der Urne mit der Ablehnung
der Asylunterkunft Farlifang. Ein Entscheid, der die einen in Weihnachts-, die anderen in Katerstimmung versetzt haben dürfte.

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