Günstiger Wohnraum – 3. Akt: die Bewohner

Von Joachim Lienert ‒ 5. Dezember 2025

Unternimmt Zollikon genug für zahlbaren Wohnraum? Die Spurensuche der letzten beiden Ausgaben mündet in den finalen Akt. Die Protagonisten: Einwohnerinnen, Einwohner und Menschen auf der Suche nach einer Wohnung.

Sie bereiten den Boden für die neue Genossenschaftssiedlung im Zollikerberg: Juniorchef Ralph Wehrli (l.) vom gleich­namigen Tiefbauunternehmen mit seinem Vorarbeiter auf der Baustelle des Projekts Sonnengarten. (Bild: jli)
Sie bereiten den Boden für die neue Genossenschaftssiedlung im Zollikerberg: Juniorchef Ralph Wehrli (l.) vom gleichnamigen Tiefbauunternehmen mit seinem Vorarbeiter auf der Baustelle des Projekts Sonnengarten. (Bild: jli)

Gleich zu Beginn ein Hinweis: Alle, die in diesem dritten Akt auftreten, existieren. Alle Aussagen haben sie so gemacht, wie hier wiedergegeben. Die meisten von ihnen möchten aber anonym bleiben, weil sie Nachteile bei der Wohnungssuche fürchten oder nicht mit ihrer Geschichte ins Rampenlicht treten wollen. Deshalb haben wir sämtliche Namen und gewisse Lebens­umstände geändert. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre aber nicht ganz zufällig.

Wir haben Menschen befragt, wie sie ihre Wohnsituation beurteilen. Im 3. Akt treten auf: Katrin und Torsten Meister, ein Seniorenpaar, das in einer Mietwohnung in einem Familienquartier in Zollikon Dorf lebt. Das Mehrfamilienhaus gehört einer Pensionskasse. Michael Hälg, in den Vierzigern, wohnt mit seiner Frau und einem schulpflichtigen Kind zur Miete in derselben Überbauung. Auch Petra Krummenacher bewohnt mit ihrer Familie eine Liegenschaft im Dorf, die in einem Jahr abgerissen werden soll. Manuela Giuliani wohnt mit ihrem Mann und anderthalb Kindern in einer 3,5-Zimmer-Genossenschaftswohnung im Dorf. Ajla Ahmeti arbeitet als Verkäuferin und Ausrüsterin und lebt zusammen mit ihrem Mann und dem 15-jährigen Sohn in einer Genossenschaftswohnung in Zollikon Dorf. Der 36-jährige Historiker ­David Baumgartner schliesslich wohnt zusammen mit Partnerin und Baby in einer 3,5-Zimmer-­Genossenschaftswohnung der Pro Familia an der Schützenstrasse.

Entmietungsprozess mit Zeuge

Vor einigen Wochen wurde Katrin und Torsten Meister die Wohnung gekündigt. 18 Monate Zeit haben sie, um auszuziehen. Er findet das fair. «Wir sind ein älteres Ehepaar, stehen nicht stark unter Druck und können uns auch ein Objekt leisten, das etwas teurer ist.» Obwohl er seit 30 Jahren hier wohnt, würde es ihn im Gegensatz zu seiner Frau nicht stören, in eine andere Gemeinde ­ziehen zu müssen. «Klar würden wir gerne in Zollikon bleiben, aber das ist fast aussichtslos.»

Ein paar Klingeln weiter sieht es anders aus: Michael Hälg wohnt seit über 20 Jahren in einem Haus der Siedlung, das abgebrochen werden soll. Er ist zwiegespalten. Als liberaler Mensch findet er, ­Eigentumsrechte sollten nicht eingeschränkt werden. Doch er fände es schlimm, wenn seine Kinder die Schule nicht in Zollikon beenden könnten. Er gibt einen Einblick in den «Entmietungsprozess», wie man Leerkündigungen neudeutsch nennt: «Vor ein paar Wochen erhielten wir von der Verwaltung eine Ankündigung, man wolle mit uns über die Zukunft der Liegenschaft reden.» Die gleiche Nachricht erhielten alle Be­wohnerinnen und Bewohner der Siedlung. «Am besagten Tag kamen zwei Personen, um mit einem Zeugen zu bestätigen, dass uns die Kündigung überreicht worden ist.» Die Verwaltung habe ihnen zugesichert, eine gleichwertige Wohnung zum gleichen Preis zu finden. Der Mietzins ihrer 5-Zimmer-Wohnung ist weit tiefer als heute marktüblich, weil sie seit vielen Jahren in der Wohnung leben. Er will, dass der Sohn noch vier Jahre bleiben kann, um hier die obligatorische Schulpflicht zu beenden. «Jeder ­Bürger, der ­Mieter ist, kann betroffen sein. Jeder muss sich Gedanken machen,
wie sich politisch diese Masse an Leerkündigungen steuern lässt.» Auf der einen Seite müssten die ­Eigentumsrechte gewahrt, auf der anderen Seite aber keine unanständigen Gewinne gemacht werden. Ein Ding der Unmöglichkeit?

Bewohner unter Schock

Von unanständigen Gewinnen spricht zum Beispiel Petra Krummen­acher. «Wir stehen unter Schock», sagt sie. Ihre Familie scheint von Pech verfolgt. Schon vor zwei Jahren musste sie aus der Mietwohnung in einem anderen Zolliker Quartier ausziehen, weil die Liegenschaft abgerissen und Eigentumswohnungen errichtet wurden. Sie ist enttäuscht, weil sie sicher ist, dass die Eigentümerin schon beim Einzug wusste, dass das Haus bald abgerissen wird. In der Über­bauung wohnen viele Familien. «Alle haben Kinder, alle sind aufgescheucht, wegen der Schule, Freunden, Sportvereinen.» Sie alle wohnen hier, weil sie sich wohl fühlen und verbunden sind mit ­einem tragenden Netz. Die einzige Lösung, die sie sieht: «Wir begannen sofort mit der Wohnungssuche. Etwas ­anderes bleibt uns nicht übrig.» Sie macht sich keine zu grossen Hoffnungen, in Zollikon bleiben zu können, und rechnet vor: «Viele inserierte Wohnungen kosten um 4000, 5000 bis 7000 Franken Monats­miete, auch 10 000 habe ich gesehen. Ab solchen Beträgen kriegt man ­etwas.» Für ihre Familie, die sich dem Mittelstand zurechnet, wird’s schwierig. «Wir sind hier zu Hause, haben unser Leben hier aufgebaut. Unsere Freunde, zum Teil die ­Arbeit, Hausarzt, Schule, alles ist hier.» Früher oder später müssen sie wohl ihren Suchradius erweitern.

Im Internet entdeckte sie das Inserat einer Baugenossenschaft in Küsnacht. Schon nach 30 Minuten war es gelöscht; «bei der Besichtigung traten sich 50 Bewerberinnen und Bewerber auf die Füsse.» Das Thema Wohnungssuche ist ständig ­präsent, «ich kann nie abschalten und denken, oh, so schön, jetzt ist ­Advent». Sie berichtet vom Schicksal eines 65-Jährigen, dem sie bei der Besichtigung begegnete. Auch die Liegenschaft seiner Mietwohnung wurde abgerissen. Dutzende Wohnungen habe er angeschaut – und nur Absagen erhalten. Als Pensionierter habe er auf dem Papier kein ausreichendes Einkommen mehr für einen marktüblichen Mietzins. «Dabei machen diese Leute doch unsere Gemeinde aus. Sie gehen in die Vereine, sie kaufen hier ein, sie beleben das Dorf.» ­Zurzeit kommen viele Wohngebäude aus den 1960er- und 70er-Jahren ins Sanierungsalter oder werden gleich abgerissen. «Bezahlt nun jemand für eine Eigentumswohnung auf dem Grundstück der abgerissenen Mehrfamilienhäuser drei Millionen Franken, wohnen hier nicht mehr die Leute, die ein dörfliches Zusammenleben prägen.»

Glückliche Genossenschaftsmieter

Manuela Giuliani wohnt seit vier Jahren mit ihren heute anderthalb Kindern, sie zeigt lachend auf ihren Bauch, in einer 3-Zimmer-Genossenschaftswohnung im Dorf. Alt sei sie, ohne Lift, die Zimmer klein – aber das Wichtigste: «Wir zahlen nur etwas über 1000 Franken Miete.» Ihre kleine Familie habe lange auf die Wohnung gewartet und ­viele Formulare ausgefüllt, bis es geklappt hat. Ihr Mann arbeitet in der Nähe, ihr Sohn geht in den Kindergarten. «Wir haben Glück gehabt.» Auch Ajla Ahmeti ist dankbar: 2300 Franken zahlt sie für eine 4,5-Zimmer-Genossenschaftswohnung im Dorf, die sie mit ihrem Mann und zwei Kindern bewohnt. Seit zehn Jahren wohnt sie in Zollikon, als das zweite Kind kam, mussten sie aus Platzgründen aus ihrer 2,5-Zimmer-Wohnung ziehen. Sie und ihr Mann, ursprünglich aus dem Kosovo, sind ebenso integriert wie der 14-jährige Sohn, der in ­Zollikon in den Kindergarten ging, im Fussballclub spielt und jetzt bei Zolliker Betrieben für eine Lehrstelle als Elektriker oder Sanitärinstallateur schnuppert. Als Mitarbeiterin in einem lokalen Produktionsbetrieb und im dörflichen Supermarkt trägt sie selbst zum Funktionieren des Dorflebens bei. Ihr Mann arbeitet in einem Gartenbaubetrieb in der Forch.

David Baumgartner, aufgewachsen im Dorf, wohnt nach einem Abstecher in eine WG am linken Seeufer heute mit seiner Freundin in einer Genossenschaftswohnung an der Schützenstrasse. Sie wäre am liebsten in der Stadt geblieben; der Zollikerberg war der perfekte Kompromiss. Sie teilen sich 3,5-Zimmer für rund 2400 Franken – seit wenigen Monaten sind sie zu dritt. Weil er oft im Homeoffice arbeitet, müsse man sich irgendwann nach ­etwas Grösserem umsehen. Vor sieben Jahren sind sie eingezogen, «es war nicht spottbillig, jetzt ist es günstig.» Das fasst die Lage gut zusammen, und man hört es oft: Was heute teuer wirkt, sei in ein paar Jahren günstig. Doch man fragt sich, ob sich diese Spirale noch lange so drehen kann.

«Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?»

Aktuell sind 23 Wohnungen auf ­Homegate ausgeschrieben. Die günstigsten sind zwei 1,5-Zimmer-­Wohnungen für 1110 Franken. Der Haken: «befristet bis Juni 2026». Die nächste ist eine 2-Zimmer-­Wohnung für 2007 Franken; es folgen eine 2,5-Zimmer-Wohnung für 3100 Franken und als teuerste eine 4,5-Zimmer-Wohnung für 8000 Franken. Wie heisst es in einem Lied aus deutscher Nachkriegskonjunktur-Zeit: «Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?» Das nach zwei Umzügen gebrannte Kind Petra Krummenacher hat sich eine Strategie zurechtgelegt, um zumindest die Wahrscheinlichkeit etwas zu verringern, aus der nächsten Wohnung nach zwei Jahren wieder ausziehen zu müssen: «Ich achte auf das Baujahr, auf die Zimmergrössen und darauf, wann die Wohnung zuletzt saniert wurde.» So kann sie abschätzen, ob das nächste Mehrfamilienhaus, für das sie sich bewerben will, demnächst abgerissen werden könnte.

Vorhang zu. Der dritte und letzte Akt zeigt: Das Wohnspiel ist für viele tiefer Ernst. Solange die Bevölkerung wächst, werden die Grundstückspreise steigen. Neubauten sind teuer, Genossenschaften kommen kaum mehr an günstige Wohnungen, die Gemeindepolitik stösst an Grenzen, weil sie nicht einfach Wohnungen subventionieren kann. Und viele machen sich Sorgen, keinen zahlbaren Wohnraum mehr in der Gemeinde zu finden. Auch für Petra Krummenacher steht in den Sternen, wo ihre nächste Wohnung stehen wird. In Zollikon, mit dem Stern im Wappen und in der Weihnachtsbeleuchtung? Vermutlich eher nicht.

Serie «Günstiger Wohnraum in Zollikon»

Die Legislaturziele 2022 bis 2026 von Zollikon halten fest, zahlbarer Wohnraum soll vorhanden sein. Wurde das Ziel erreicht? Eine Spurensuche in drei Akten. 1. Akt: Was meint der Gemeinderat? 2. Akt: Was sagen die Wohnbaugenossenschaften? Der heutige 3. Akt und Schluss: Wie beurteilen Bewohnerinnen, Bewohner und Wohnungssuchende die Situation?

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