Von Martina Gradmann ‒ 5. Dezember 2025

Auf dem Dorfplatz in Zumikon steht seit dem 8. November bei der Forchbahn-Station ein kleines Holzhäuschen mit dem Schriftzug «Nima Microbakery», voll von duftenden Broten, Zimtschnecken und Milk-Bread. Befüllt wird es von Anna Schnetzler. Bei sich zu Hause im Hobbyraum betreibt sie eine Mikro-Bäckerei und bietet ihre Erzeugnisse jeweils am Freitag in ihrem Nima-Lädeli an. «Ich bin hier», ruft sie über den Dorfplatz und schiebt den Kinderwagen mit ihrer sechs Monate alten Tochter vor sich her. Die 38-Jährige ist Mutter von zwei Kindern, dem vierjährigen Sohn Nikola und der kleinen Maria. «Es sind die Anfangsbuchstaben meiner Kinder, die ich für meinen ‹Nima›-Laden verwendet habe», sagt sie lachend. Im Häuschen sind die Brotregale allerdings leer, ein Schreiben erklärt den Sachverhalt. «Liebe Kunden, heute gibt es leider kein Brot. Durch die Kälte draussen ist auch meine Bäckerei kälter geworden, und der Temperaturunterschied hat dazu geführt, dass der Brotteig sich nicht wie gewünscht entfalten konnte.»
Heute habe ihr die Kälte einen Strich durch die Rechnung gemacht, klärt Anna Schnetzler auf. Doch es sei ein tolles Beispiel, wie natürlich ein Sauerteigbrot sei, das nur aus Mehl, Wasser und Salz besteht. Bevor sie ihren Laden eröffnete, fuhr sie meist in die Stadt, um «gutes» Brot zu holen. Als dieser Gang mit kleinen Kindern aufwendiger wurde, beschloss die Softwareberaterin, Sauerteigbrot nach Zumikon zu bringen. «Wir haben in Zumikon viele Expats, die ein breites Angebot an Backwaren aus anderen Ländern kennen. Für sie, und natürlich auch alle anderen Zumikerinnen und Zumiker, wollte ich so etwas anbieten». Ihr Angebot ist vom angelsächsischen Raum inspiriert und soll neu und frisch sein. Einiges hat sie auch von ihrer Grossmutter übernommen: «Ich habe meiner Grossmutter als Kind Stunden zugeschaut, wie sie die besten ‹Pirogki› in ihrer Sommerküche gebacken hat. Wenn ich daran denke, läuft mir auch jetzt noch das Wasser im Mund zusammen», lacht Schnetzler. Für alle ihre Produkte verwendet sie keine künstlichen Stabilisatoren und nur Biozutaten. Gutes Brot zu backen sei aufwendig, deshalb findet sie die jetzigen Billigangebote der Grossverteiler eine Katastrophe.
«Eigentlich hoffe ich ja, dass dies der Anfang von einem kleinen Café hier in Zumikon wird, denn Zimtschnecken schmecken am besten warm mit einer Tasse gutem Kaffee», lacht die junge Mutter. Sie ist überzeugt, ein gemütliches Café und ein Glacéstand wären ein Gewinn für Zumikon. «Es gibt ein breites Angebot für Pensionierte und junge Leute, aber für die Altersklasse der 40-Jährigen hat es nichts. Es gibt nur wenige Restaurant, keine Apérokultur oder Weindegustationen.» Nicht allen Eltern sei es möglich, abends noch in die Stadt zu fahren, deshalb wäre es schön, auch in Zumikon Orte des Austauschs zu haben. Mit dem Umbau des Freizeitzentrums sollen neue Möglichkeiten entstehen. Anna Schnetzler kann sich gut vorstellen, bei so etwas mitzuwirken. Vorerst sei sie froh, dass ihr Hausbesitzer Stefan Hardmeier den Einbau der Backstube erlaubt und Doris Staubli sich für das Brothäuschen eingesetzt hat.
Anna Schnetzler ist in Russland geboren und aufgewachsen. Mit vierzehn Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, die Heimat ihrer deutschstämmigen Mutter. «Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie mit anderen Deutschen nach Russland vertrieben, und Anfang der 90er-Jahre durften sie als sogenannte ‹Spätaussiedler› wieder zurück nach Deutschland», erzählt sie. Die ersten Jahre in Ostdeutschland waren für die junge Anna nicht einfach. Sie lernte die Sprache, begann sich zu assimilieren, besuchte die russischen Verwandten nur noch selten. «Ich bin nicht stolz auf meine russische Herkunft und rede auch mit meinen Kindern kein Russisch», sagt sie. Sprache sei etwas Emotionales, und mit Russland verbinde sie momentan wenige positive Gefühle. «Wenn man eine Sprache richtig lernen will, muss man sie auch lesen und schreiben können. Russische Schulen in Zürich werden vom russischen Staat betrieben, und diesen Staat unterstütze ich nicht. Mein Mann ist Schweizer, im Zollikerberg aufgewachsen, und ich möchte nicht, dass meine Schweizer Kinder aktuelle russische Werte vermittelt bekommen.» Die Freiheit sei ihr sehr wichtig, so sehr, dass sie sich das Wort «Freiheit» in den Nacken tätowiert hat. «Es ist die Freiheit zu sagen und zu denken, was man will. So ein Interview könnte ich in Russland nicht führen.» Auch ihr Mann, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt habe, habe keinen Bezug zu Russland.
«Nationalstolz kenne ich eigentlich nicht. Ich bin ein weltoffener Mensch, habe in Deutschland, Dubai und London gelebt, fühle mich international.» Dass Anna Schnetzler heute ein so positiver und enthusiastischer Mensch ist, ist nicht selbstverständlich. Vor vier Jahren wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert, und die Mutter eines Kleinkindes wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. «Als ich nach der Biopsie das Resultat bekam, musste ich weinen und war überzeugt,
das sei jetzt das Ende», erzählt sie. Sie musste das ganze Programm durchmachen mit Chemotherapie und Bestrahlung, verlor ihre Haare und ihre Zuversicht. «Der Arzt sagte mir dann, ‹Sie werden sicher sterben, aber nicht an Brustkrebs›». Weil es sich bei ihr um eine genetische Disposition handelte, unterzog sie sich einer Mastektomie und hofft heute, dass sie gesund bleibt. Gesunde Ernährung sei ihr auch deswegen wichtig. «Ich habe während dieser Zeit viel im Garten gearbeitet. Der Kontakt zur Erde hat mir sehr geholfen, und ich weiss heute, man muss das Leben geniessen, es kann jederzeit vorbei sein.» Die Motivation, wieso sie freitags um 3 Uhr in der Nacht aufstehe, um Brot zu backen, erklärt sie so: «Ich möchte meinen Kindern zeigen, dass man Sachen im Leben ausprobieren und sich nicht vor Hindernissen scheuen soll. Es gibt so viel zu entdecken.»
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