Michaela Medea malt

Von Joachim Lienert ‒ 12. Dezember 2025

Michaela Medea wohnt im Atelier der Stiftung Paul Bodmer. Ihr Zuhause auf Zeit ist für die Künstlerin ein wunderbarer Ort, um ihre Leidenschaft zu leben.

Wenn draussen schlechtes Wetter herrscht, ist Michaela Medea besonders gerne in ihrem Atelier. (Bild:jli)
Wenn draussen schlechtes Wetter herrscht, ist Michaela Medea besonders gerne in ihrem Atelier. (Bild:jli)

Ihr Atelier ist gross – und klein. Was für andere der Wohnraum wäre, ist für Michaela Medea ihr Lebensraum. Bilder und Zeichnungen liegen, stehen und hängen, an den Wänden meterbreite und meterhohe Collagen, Leinwände angelehnt, fertige und halbfertige Gemälde. Eine kleine offene Küche mit Theke, ein kleiner Pelletofen und ein Sofa. Der Esstisch ist vor allem Zeichentisch. Auf der Galerie steht ihr Bett, unten wird gearbeitet – oder eben gelebt.

Letztes Jahr hatte sie Panik ergriffen. Ihre Altbauwohnung, 1200 Franken Miete für neun Zimmer auf zwei Etagen, musste einem Neubau weichen. «Ich fand nicht ansatzweise etwas.» Dann das ­Inserat im Internet der Stiftung Paul Bodmer-Atelier Zollikerberg: «Wohnatelier für Künstler.» Sie bewarb sich und erhielt die Zusage. Seit September 2024 wohnt sie hier, mit einem Zweijahresvertrag und Option auf Verlängerung. Sie strahlt: «Es ist ein Segen. Ich schätze die Ruhe hier wahnsinnig.» Vor einem Monat öffnete sie als Teil der dreiteiligen Veranstaltung des Quartiervereins Zollikerberg rund um das Bodmer-Atelier die Türen (ZoZuBo 45/2025). «Ich freute mich über viele Neugierige aus der Nachbarschaft.»

Sie fühlt sich super willkommen im Zollikerberg. Wunderschön sei es, so nahe am Wehrenbach und an der Stadt. Dass Esther und Geri Meier vom Quartierverein sie überall vorgestellt haben, bedeutet ihr viel. «So einen Bezug zu Menschen im Umkreis zu haben, habe ich noch nie erlebt.» Nachbarschaft war für sie, die in ihrem Leben schon über 15 mal umgezogen ist, nie ein Thema. «Es ist schön zu wissen, dass jemand da ist, wenn man etwas braucht.» Nachbarn ­luden sie schon zum Essen ein, manchmal schaut ein Bub aus der Nachbarschaft ins Atelier.

Michaela wuchs in Müllheim mit den Eltern und zwei Brüdern auf. Sie malte und zeichnete früh. Nach der Sek bestand sie die Aufnahmeprüfung für die Kunstgewerbeschule Zürich. Sie pendelte in die Stadt – und war überwältigt. Der nahe Letten mit seinen Drogensüchtigen befremdete den Teenager aus dem Thurgau. «Es war zu früh für mich. Das Stadtleben war heftig.» Etwas orientierungslos nach dem einjährigen Vorkurs absolvierte sie eine Lehre als Flachmalerin im Thurgau. Doch es zog sie zurück nach Zürich, wieder an die Kunstgewerbeschule, ein Studium in ­Industrie- und Produktdesign. Ein paar Jahre wirkte sie mit einem eigenen Studio, bevor sie mit einem Kollegen eine Firma gründete.

Sie kreierte Designs für Innenarchitektur mit der Inszenierung von ­Räumen, sie schuf Verpackungen, unter anderem für die Confiserie Sprüngli; noch heute illustriert sie Blech-Ostereier und Weihnachtssujets für die Manufaktur.

Das Malen schlummerte in ihr

Michaela Medea – ihr Künstler-Nachname ist ihr zweiter Vor­name – reiste über ein Jahr durch Asien – Bali, Thailand, Nepal, ­Vietnam und Malaysia. Ihre Aufträge zeichnete sie aus der Ferne am Tablet. Zurück in Europa schrieb sie sich an einer Kunstschule in Berlin ein. Dann kam Corona. Plötzlich spürte sie, wie lange ­freies Zeichnen und Malen in ihr geschlummert hatten und nur darauf warteten, entfesselt zu werden. «Von einem Tag auf den anderen begann ich zu zeichnen und konnte nicht mehr aufhören.» Im tiefsten Lockdown entdeckte sie die Online-Meetings einer Künstlerin aus ­Paris. 20 bis 30 Personen trafen sich vor der Kamera. Eine Person posierte zwei bis sechs Minuten, die anderen zeichneten, dann war die nächste an der Reihe. Montag für Montag schaltete sie sich in die Online-Treffen ein – noch heute. «So entstanden Tausende von Zeichnungen.»

Kunst ist für sie entdecken: «Es packt mich wie ein Kind, das spielt, etwas Neues entdeckt und dann immer tiefer vordringt.» Wenn sie ein Bild beginnt, weiss sie nicht, was sie erwartet. Sie steht vor der Staffel, führt den Pinsel, blendet die Welt aus. Und plötzlich sieht sie. «Dann komme ich mir vor wie ein Bildhauer: Die Skulptur liegt bereits im Stein; ich muss sie nur noch herausschlagen.» Von der Kunst alleine kann sie (noch) nicht leben. Nach der Auflösung ihrer Firma im Sommer arbeitet sie weiterhin als freiberufliche Grafikerin und Illustratorin. «Ich könnte mir nie ein Auto leisten, hoffentlich bald mal ein E-Bike. Ich komme mit dem Existenzminimum aus.»

Die Kunst kostet viel Mut

Auf ihren Bildern liegt oft ein Hauch Melancholie. Ihre Liebe zu dunklen Tagen passt dazu: «Ich brauche Zeit für mich. Ich liebe es, wenn es draussen gruusig ist – möglichst düster, grau, verregnet –, das gibt mir die grösste Energie. Bei schönem Wetter fliesst die Energie weg, und ich kann mich nicht konzentrieren.» Hat sie mit jemandem einen Ausflug vereinbart und der Himmel ist bedeckt, will sie bei ihren Bildern sein, sagt das Treffen auch mal ab. Das macht es nicht immer leicht, sich auf sie zu verlassen. Nicht immer findet sie das Gleichgewicht zwischen Begegnung und Zeit für sich.

Zwischen Arbeit und Freizeit trennt sie nicht. Sie tastet ab im Gespräch, lacht auch und sagt auf die Frage, ob sie glücklich sei: «Ich bin glücklich mit Nuancen. Ich finde es schön, wenn das Negative und das Positive im Leben mitspielen, auch die leisen, widersprüchlichen Töne.» So zurückhaltend sie wirkt, so bestimmt ist sie, wenn es um ihre Kunst geht: Der Prozess des Gestaltens ist für sie «das Leben in seiner konzentriertesten Form. Wenn ich Kunst mache, bin ich ein Filter, durch den hindurchgeht, was ich erlebe. Daraus will ich etwas Neues schaffen.» Man glaubt ihr, wenn sie sagt, sie sei intensiv und sensibel, «im Guten wie im Schlechten». Viele Sinneseindrücke nimmt sie stärker wahr als andere, die Kunst kostet sie viel Mut. «Ich mache mich verletzlich, es kommt aus meinem Innern. Ich mache keine gefällige Kunst. Ich mache es, weil ich vielleicht die Worte nicht finde, um mich auszudrücken.» Letzten Sonntag öffnete im Art Dock in Zürich eine Gruppenausstellung von Künstlern. Unter ihnen Michaela Medea. Bis am 1. Februar stellt sie grossformatige Collagen und kleine Bilder mit schwarzem Öl auf Stein­papier aus, dazu ein Video, in dem sie die Bilder mit künstlicher Intelligenz zum Leben erweckt hat.

Mag sie sich verletzlich machen und den Journalisten in sechs ­Minuten zeichnen? Sie zögert, wägt ab. Dann soll er stillhalten und sie auf keinen Fall anblicken. Sie nimmt ein Blatt vom Stapel, holt eine Schachtel Kohlestifte und beginnt zu zeichnen.

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