Wahl ohne Auswahl

Von Joachim Lienert ‒ 12. Dezember 2025

Mit dem Sitz der Schulpflegepräsidentin gibt es sieben Sitze im Gemeinderat von Zumikon. Sieben Kandidierende stellen sich zur Wahl. Eine ausgemachte Sache – mit Nuancen und absolutem Mehr für die FDP.

Viele sitzen davor, wenige möchten drinnen Platz nehmen: das Gemeindehaus am Adventsmarkt. (Bild: jli)
Viele sitzen davor, wenige möchten drinnen Platz nehmen: das Gemeindehaus am Adventsmarkt. (Bild: jli)

Gleich drei Gemeinderäte stellen sich nächstes Jahr nicht mehr zur Wahl. Der Rücktritt von Marc Bohnenblust (GLP) hatte sich abgezeichnet, relativ spät wurde bekannt, dass Beryl Niedermann (Mitte) und Mirco Sennhauser (SVP) ebenfalls nicht mehr antreten werden. Neben den drei Bisherigen stellen sich drei Neue zur Wahl – Marco Hardmeier und Marco Ziegler von der FDP und Evelyne Sydler von der GLP. Eine andere Möglichkeit als ihre Wahl gibt es praktisch nicht, und so wird sich der Gemeinderat in der Legislaturperiode 2026 bis 2029 aus vier FDP-Vertretern und je einem der SVP und der GLP zusammensetzen. Von zwei auf vier also: absolutes Mehr für die FDP.

Ein Fall für eine stille Wahl, keine echte Auswahl? Wir haben einen Experten zum Thema befragt: ­Thomas Widmer, Professor am ­Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Er sagt: «Das kantonale Recht eröffnet die Möglichkeit, stille Wahlen durchzuführen, falls die Zahl der Kandidaturen gleich gross oder kleiner als die Zahl der zu vergebenden Sitze ist.» Die Zumiker Gemeindeordnung aber sieht diese Möglichkeit nicht vor. Ein bewusster Entscheid, erklärt Gemeindeschreiber Thomas Kauflin: «Es ist sowieso keine echte Wahl, wenn es nur so viele Kandidierende wie Sitze hat. Würde dann noch eine stille Wahl erlaubt, könnten die Wählerinnen und Wähler gar nichts mehr bestimmen.» Aus diesem Grund sei eine stille Wahl in der Gemeindeordnung nicht vorgesehen.

Viele Gemeinden stellen fest, dass es schwieriger wird, kommunale Ämter zu besetzen. Thomas Widmer: «Die politischen Ämter sind heute aus verschiedenen Gründen weniger attraktiv. Auf der einen Seite ist das Interesse an einer mehrjährigen Verpflichtung gesunken. Auf der anderen Seite sind die anstehenden Aufgaben anspruchsvoller und zeitaufwendiger geworden. Schliesslich sind die Wertschätzung und die materielle und immaterielle Anerkennung für die erbrachten Leistungen im Vergleich zu anderen Engagements gesunken.» Auch die Gemeindegrösse spiele eine Rolle. «Zumikon zählt mit einer Schweizer Bevölkerung von gut rund 4200 Personen eigentlich nicht zu den am stärksten geforderten Gemeinden. Auch wenn es sicher nicht einfach ist, wäre allenfalls über Massnahmen nachzudenken, die das Interesse an einer Miliztätigkeit und die Attraktivität der politischen Mandate steigern.» Er weist auf die Gemeindeversammlung von vorletzter Woche hin, an der eine Erhöhung der ­Sitzungsgelder beschlossen wurde. «Ich denke nicht, dass sich die Situation durch die geringfügige Anpassung der Behördenentschädigungen deutlich ändern wird.»

Thomas Widmer nennt einige Eckpunkte der Demokratie: «Demokratische Wahlen sollen frei und fair sein. Neben diesen Grundanforderungen bemessen wir die Güte demokratischer Wahlen nach weiteren Merkmalen: Dazu gehört einerseits ein vielfältiges Feld an Kandidaturen, dass also die Kandidierenden unterschiedliche Positionen respektive Parteien vertreten. Andererseits zählt auch der Wettbewerb dazu, also dass die Vergabe der Mandate kompetitiv erfolgt.» Genau das erfordert eben, dass es mehr Kandidaturen als Sitze gibt. «Liegen wie bei Zumikon gleich viele Kandidaturen wie zu vergebende Sitze vor, ist der Wettbewerb nicht gegeben.» Dieser sei relevant, um die Haltungen der Wählerinnen und Wähler abzubilden, aber auch für die Qualitätssicherung – damit die voraussichtlich geeignetsten Personen gewählt werden. «Nicht zuletzt stärkt der Wettbewerb die Legitimation der gewählten Personen während ihrer Amtsführung.»

Das sagen die Kandidierenden

Der Zolliker Zumiker Bote hat die drei neu Kandidierenden gefragt, wie sie die Situation beurteilen und ob sie Probleme darin sehen, sozusagen schon gewählt zu sein.

Evelyne Sydler
«Für mich ist die Ausgangslage eine neue Erfahrung. Bisher war ich bei meinen Kandidaturen stets in einer Kampfwahl. Ich finde es wichtig, dass die politische Auseinander­setzung durch Diskurs und unterschiedliche Ideen belebt wird.» Im Februar ist die 45-Jährige mit ihrer Familie von Opfikon nach Zumikon gezogen. Seit bald zehn Jahren in der GLP, war sie in Opfikon im Gemeinderat (Stadtparlament) und in der Rechnungsprüfungskommission tätig. Sie amtiert zudem in der Parteileitung der kantonalen GLP und ist Präsidentin der GLP-Frauen. «Ich ordne mich eher dem wirtschaftlichen Flügel zu, bin aber auch sehr sozial eingestellt.» Sie leitet ein schweizweit tätiges Unternehmen im Bereich Bildung, Integration und Sprache. «Ich bringe viel Wissen etwa in Asylwesen und Sozialhilfe mit.» Positiv aufgefallen ist ihr in Zumikon, dass die Gemeinde eine Beauftragte für Altersfragen hat und über Alterswohnungen im Zentrum diskutiert wird. Die Aussicht auf ein neues Amt in der Exekutive erleichterte den Entscheid, hierherzuziehen, der vor allem darauf gründete, dass ihr Sohn eine Schule in Küsnacht besucht. An Zumikon schätzt sie die Ruhe, die Naturnähe, die ­Anbindung an die Forchbahn. Eine FDP-Mehrheit bildet für sie die ­Vielfalt einer Gemeinde nicht ab. Es brauche im Gemeinderat weitere Stimmen und Perspektiven. «Ich verstehe mich als Brückenbauerin, die den Dialog über Parteigrenzen hinaus pflegt und aktiv auch jene Sichtweisen einbringt, die nicht direkt im Gremium vertreten sind. Ich will gute Lösungen für Zumikon finden, unabhängig von Parteigrenzen.»

Marco Ziegler
«Auch für mich ist die Situation nicht befriedigend. Die Demokratie lebt von der Auswahl der Kandidaten. Es wäre schön, wenn sich mehr Kandidierende zur Verfügung stellen würden, aus verschiedenen Richtungen und Parteien.» Zudem bedauert er, dass nicht mehr Frauen kandidieren. Als er seine Kandidatur bekanntgab, sei noch nicht klar gewesen, dass es keine Auswahl gibt. Der 53-Jährige ist in einem politischen Haushalt in Sulgen im Thurgau aufgewachsen; sein Vater war dort 24 Jahre lang Gemeindepräsident. Er wohnt seit 13 Jahren mit seiner Familie in Zumikon, die 18- und 15-jährigen Kinder gingen hier zur Schule. Nach 24 Jahren bei einer grossen Unternehmensberatung hat er sich jetzt als Verwaltungsrat und Berater selbstständig gemacht. «Aus Zeitgründen bin ich erst jetzt der FDP beigetreten. Aber mir war schon immer klar, dass wenn ich in die Politik gehe, ich das für eine wirtschaftsorientierte, liberal denkende Partei machen möchte.» Er bringe viel Erfahrung mit in der Führung, im Projektmanagement und im Etablieren und Messen von effizienten Prozessen. In der Beratertätigkeit habe er auch gelernt, wie wichtig die Kommunikation mit allen Beteiligten ist. Es sei ihm deshalb ein Anliegen, mit allen zu reden, um Konsense zu schaffen und den Gemeinderat als Team zu unterstützen. Es sei problematisch, wenn gegen alles Einsprache erhoben werde. «Das hat nichts mehr mit dem Verschaffen von rechtlichem Gehör für alle zu tun, sondern nur noch mit dem Ausnützen des Systems, um Projekte zu verzögern.»

Marco Hardmeier
Der 52-Jährige ist in Zumikon aufgewachsen und zur Schule gegangen. Als Erwachsener zog er in
die Stadt, dann nach Küsnacht – und vor vier Jahren zurück nach Zumikon, um das Elternhaus zu übernehmen. Er arbeitet bei einer Versicherungsgesellschaft im Risikomanagement für Naturgefahren. Er sei schon immer FDP-Wähler gewesen, aber erst vor ein paar Jahren der Partei beigetreten. «In Zumikon ist man pragmatisch,
das nehme ich als positiv wahr. Es geht uns sehr gut. Was fehlt, sind Wohnmöglichkeiten im Dorf für ältere Menschen, günstiger Wohnraum für Familien und eine vielseitige Gastronomie.» Die Bevölkerung müsse sich treffen können. «Es geht auch um die Älteren, die sich gerne morgens auf einen Kaffee treffen, es ist nicht gut fürs gesellschaftliche Zusammenleben, wenn es fast keine Angebote im Dorf gibt.» Die potenzielle Mehrheit der FDP beurteilt er ebenfalls als nicht ideal. Von der fehlenden Auswahl wusste auch er noch nicht, als er sich zur Verfügung stellte. «Dieses Jahr war speziell mit den kurzfristigen Rücktritten. Die ­Bevölkerung hat es verdient, dass sie eine Auswahl treffen kann.» Die Parteien, Geschlechter, die Altersdurchmischung – all das müsste seiner Meinung nach in den Behörden abgebildet sein. «Ich verstehe, dass sich manche Bevölkerungsteile weniger gut vertreten fühlen, wenn es zu einseitig wird. Deshalb haben wir keine ideale Situation. Aber die FDP ging dieses Thema früh mit einer Findungskommission an und ging auf viele Mitglieder zu.»

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