Von Joachim Lienert ‒ 12. Dezember 2025

Eine Bewohnerin des Quartiers Riet drückt sich vorsichtig aus: «Ich weiss, dass es um Kinder und Notfälle geht, darüber würde ich mich nie beschweren. Es fiel mir einfach auf, dass auch mitten in der Nacht Helikopter anfliegen. Daran musste ich mich erst gewöhnen.» Tatsächlich ist das neue Kinderspital nur rund 400 Meter von der Gemeindegrenze entfernt. Auf dem Dach: ein Helikopterlandeplatz.
Um die Hintergründe der Flüge einzuordnen, hat der Zolliker Zumiker Bote beim Kinderspital nachgefragt. Mediensprecherin Fabienne Wildbolz teilt mit: «Der Landeplatz wurde aus Rücksicht auf Nachbarn in die Mitte des Gebäudes verlegt, bleibt aber nahe bei der Notfallstation.» Mit dem Helikopter werden vor allem Kinder transportiert, in seltenen Fällen Organe oder medizinisches Material. Die überwiegende Zahl der Flüge führt die Rega durch. In erster Linie unterscheidet sie zwei Arten von Einsätzen: Primäreinsätze und Verlegungsflüge. Mathias Gehrig, Mediensprecher der Rega, erklärt: «Bei einem Primäreinsatz fliegt die Rega von ihrer Basis – zum Beispiel in Dübendorf – an den Ort des Einsatzes, etwa eine Unfallstelle oder das Zuhause eines akut erkrankten Kindes.» Von diesem Ort fliegt sie anschliessend das verletzte Kind zum Kinderspital. Verlegungsflüge dagegen fordert zum Beispiel ein kleineres Regionalspital an. Etwa wenn Komplikationen auftreten, es zu wenig Kapazität hat oder nicht über die nötige medizinische Spezialisierung für die bestmögliche Behandlung verfügt. Dann fliegt der Helikopter das Kind von diesem kleineren Spital in eines der führenden Zentrumsspitäler der Schweiz, wie das Kinderspital eines ist.
Der Anwohnerin ist aufgefallen, dass Helikopter auch mal 20 Minuten auf dem Dach den Motor laufen lassen und erst dann wieder abfliegen. Mathias Gehrig erklärt: «Mit Ausnahme des Piloten begleitet die Crew des Helikopters samt Notarzt oder Notärztin das Kind ins Spital. Dort übergibt sie die kleine Patientin oder den kleinen Patienten dem medizinischen Personal.» Weil die Rega-Ärzte nach einem Unfall meist die Personen sind, die von einem frühen Zeitpunkt an dabei waren, liefern sie auch lebenswichtige Informationen über das Kind und seinen Zustand. «Je nach Komplexität kann das 20 bis 30 Minuten dauern.» Muss ein Pilot danach zu einem Folgeeinsatz fliegen, lässt er unter Umständen den Motor laufen, damit er nach dieser Übergabe schnellstmöglich mit der Crew wieder abheben kann.
Die Helikopter dürfen immer fliegen. Unter einer Voraussetzung, sagt Mathias Gehrig: «Wir fliegen nur, wenn wir einen medizinischen Notfall haben.» Niemand kann einen Helikopterflug bei der Rega kaufen. Auch Gönnerinnen und Gönner werden bei Einsätzen nicht bevorzugt, einzig die medizinische Notwendigkeit zählt. «Bei einem Einsatz sind wir für alle da.»
Die Anflugrouten seien so geplant, dass so wenig Lärm wie möglich entsteht. Sie wurden zusammen mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt BAZL und anderen Regulatoren definiert. «Unsere Crews können die entsprechenden An- und Abflugrouten nicht nach Belieben wählen.» Die Routen sind fix, mit einem gewissen Spielraum bei speziellen Wind- und Wetterverhältnissen. Die Rega sei sich bewusst, dass Helikopterflüge Lärm verursachen und zu Störungen führen können. «Unsere Crews geben sich Mühe, die Lärm- und Lichtbelästigung der Anwohner auf ein Minimum zu reduzieren. Sie achten beispielsweise darauf, nicht knapp über bewohntem Gebiet anzufliegen, sondern einen höheren Anflug zu wählen oder die Geschwindigkeit zu reduzieren, was weniger Lärm verursacht.» Auch versuchten die Piloten, wann immer es der Zustand des Patienten und die Wettersituation erlauben, bewohnte Gebiete zu meiden und nach dem Start rasch an Flughöhe zu gewinnen.
Weil alle Helikopterflüge vom und zum Kinderspital als notfallmässige Transporte oder Überführungen gelten, die zeitlich nicht im Voraus geplant werden können, darf das Kinderspital rund um die Uhr angeflogen werden. Fabienne Wildbolz betont: «Auch in unserem Interesse beschränken wir die Flüge auf das absolut Notwendige. Jeder Flug ist mit Immissionen für unsere Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen und das Personal verbunden – das berücksichtigen wir bei jeder Entscheidung.»
Es gibt keine Begrenzung der Flüge. Da interessiert natürlich, wie viele das Kinderspital verzeichnet. Aktuell sind es 210 Flüge pro Jahr; diese Zahl wurde hochgerechnet aufs ganze Jahr auf der Basis der effektiven Flüge von November 2024 bis September 2025. «Es sind deutlich weniger als ursprünglich angenommen.» Denn am alten Standort in Hottingen gab es noch viel mehr sogenannte «Leerlandungen». Bei diesen wurde der Helikopterlandeplatz des Kinderspitals als Zwischenlandeplatz für das Unispital genutzt, wenn der dortige Platz besetzt war. Wegen der neu viel grösseren Distanz zum Unispital fällt diese Nutzung weg. Bereits heute ist der neue Rega-Rettungshelikopter vom Typ Airbus H145 D3 auf allen Mittellandbasen im Einsatz. Im Verlauf des nächsten Jahres werden auch die Gebirgsbasen damit ausgestattet. Es fliegen also bereits zahlreiche neue Rega-Helikopter am Schweizer Himmel, die nachweislich etwas leiser sind als das alte, noch bis Ende nächstes Jahr im Einsatz stehende Modell.
Niemand wünscht sich Fluglärm. Und niemand wünscht sich, dass ein Kind je einen Helikopter benötigt. Sollte dies dennoch der Fall sein, ist man einfach nur dankbar, dass es ihn gibt. Wenn nötig, mitten in der Nacht.
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