Von Aline Sloksnath ‒ 19. Dezember 2025

An diesem Abend sassen nur rund zwanzig Personen im reformierten Kirchgemeindesaal, interessanterweise mehr Männer als Frauen. Vielleicht lockte sie die etwas provokante Zusatzfrage «Werden nun Männer diskriminiert?». Das Podium zu Frauenkarrieren, auf dem drei erfahrene Frauen diskutierten und kein Mann beteiligt war, wirkte erfrischend. Es moderierte die Journalistin Manuela Moser.
Adrienne Suvada hat den Anlass organisiert und finanziert. Sie ist Gemeindeschreiberin in Erlenbach, nächsten Frühling kandidiert sie für die SVP für den Zolliker Gemeinderat, strebt gar das Präsidium an. Ihr Lebenslauf ist vielfältig, gefühlt hat sie beruflich und akademisch schon alles gesehen. Seit sie 25 Jahre alt ist, arbeitet die 40-Jährige in Führungspositionen.
Ihr gegenüber sass die emeritierte Wirtschaftsprofessorin Margit Osterloh. Die 82-Jährige forschte und lehrte lange Zeit an der Universität Zürich, war Präsidentin der Gleichstellungskommission der Uni und trägt zwei Ehrendoktortitel. Ihr Publikationsverzeichnis umfasst über 50 Seiten. Hohe Wellen schlug die Ökonomin mit einer Studie, die sie mit der Soziologin Katja Rost an der Universität Zürich durchführte. Als die Ergebnisse vor zwei Jahren bekannt wurden, wurden sie in den Medien regelrecht zerrissen.
Diese Studie war das erste Thema des Abends. Zu Beginn ihrer Forschung stand die Frage, warum Frauen inzwischen über die Hälfte der Studierenden mit Bachelorabschluss stellen, ihr Anteil unter den Professoren aber lediglich bei rund 25 Prozent liegt. Dieses Phänomen nennt sich «Leaky Pipeline» und beschreibt den kontinuierlichen Rückgang des Frauenanteils, je weiter man die Karriereleiter hinaufsteigt. Die Ergebnisse der Umfrage von rund zehntausend Studierenden überraschten. Spitz zusammengefasst: Der Grund ist gemäss Studie nicht etwa Diskriminierung, nein, viele Frauen wollen lieber Familie als Karriere. Wer es genauer wissen will: Im Juli dieses Jahres wurde die Studie in der Fachzeitschrift European Management Review veröffentlicht.
Auch Adrienne Suvada hatte die Umfrage ausgefüllt. Auch sie strebte nach ihrem Doktorat keine akademische Karriere an, sondern wechselte in die Privatwirtschaft, dann in den öffentlichen Sektor. Ihr «Wegtröpfeln» war nicht der Familienplanung geschuldet, sagte sie. Ob sie sich je aufgrund ihres Frauseins diskriminiert gefühlt habe, wollte Manuela Moser wissen. Nein, nie. Auch Margit Osterloh verneinte.
Zu Beginn der Diskussion stellte Margit Osterloh klar, sie sei früher für die Frauenquote in der Wirtschaft gewesen – heute nicht mehr. Ihre These: Wenn es keine Frauendiskriminierung mehr gibt, was ihrer Meinung nach in der Schweiz der Fall ist, brauche es keine Quote mehr. Aktuell sei eine solche gar schädlich: Männer würden sich diskriminiert fühlen, Unternehmen und auch Frauen darunter leiden.
Adrienne Suvada ist ebenfalls dieser Meinung. Sie selbst stelle in der Gemeindeverwaltung nicht nach Quote, sondern nach Kompetenz ein, ob Mann oder Frau spiele für sie keine Rolle. Doch sie sehe grosses Potenzial in Frauen, die einen Masterabschluss haben, dann aber aufgrund der Familienplanung aus der Arbeitswelt gefallen seien. Darum habe sie kleine Pensen geschaffen, ein Modell, in dem sie grosse Erfolgschancen sieht. Sie merkte an, dass es zurzeit generell schwierig sei, Personen für eine Führungsposition zu rekrutieren – aus allen Geschlechtern. Die Frage, ob es Frauen in solchen Positionen schwieriger haben als Männer, wird indessen nur gestreift. Auch die Geschlechterbinarität und deren Sinn oder Unsinn wird kaum angeschnitten.
Alle Themen hier zu referieren, würde ausufern. Darum ein paar Fragen, angeregt durch die Diskussion: Wenn Männer und Frauen nicht das Gleiche wollen, was Margit Osterloh an diesem Abend mehrfach betonte, muss man Frauen zu etwas zwingen? Zu einer Karriere in der Wissenschaft, in eine Führungsposition? Wäre ein Losverfahren unter Kandidierenden mit denselben Qualifikationen beim Einstellungsprozess am fairsten? Würde das mehr Frauen am die Spitze bringen? Und sind die politischen Rahmenbedingungen für die Vereinbarung von Karriere und Familie überhaupt gegeben?
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