Von Aline Sloksnath ‒ 19. Dezember 2025

Es ist ein kalter Samstagabend, der Nebel hängt tief über dem Pfannenstil. Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder, kurz Pfadis, ziehen mit Fackeln und ihren Leitenden und Familien durch den Wald – auf der Suche nach einem schön geschmückten Weihnachtsbaum. Was nach normalen Waldweihnachten klingt, sind Waldweihnachten trotz allem. Denn dies ist eine etwas andere Pfadi, es ist eine «Pfadi trotz Allem» (PTA).
Die PTA ermöglicht Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer Beeinträchtigung, das Pfadi-Leben zu erfahren, gemeinsam die Natur zu erkunden, ihre Fähigkeiten zu entdecken und ihre Fertigkeiten zu erweitern. In der Schweiz gibt es verschiedene solcher Pfadis, manche sind anderen Pfadis angegliedert, andere sind wie im Fall der PTA am Pfannenstil eigenständige Gruppen. Seit 1991 sorgt diese dafür, dass Kinder mit Beeinträchtigung das Abenteuer Pfadi erleben können. Zurzeit sind neun Kinder im Alter zwischen 9 und 19 mit dabei, auch aus Zollikon und Zumikon. «In gewisser Weise ist es gelebte Inklusion: Die Kinder sind Teil einer Pfadi, die speziell auf sie ausgerichtet ist und sich dennoch kaum von anderen Pfadi-Abteilungen unterscheidet», erklärt der Zumiker Filippo Lindt, Vereinspräsident der PTA am Pfannenstil.
Zu seinem Amt kam der Zumiker durch seinen Sohn. Der 13-Jährige ist seit vier Jahren ein Pfadi, auf seinen Pfadinamen Lumino ist er besonders stolz. «Für unsere Kinder, die nicht so viele Möglichkeiten wie andere haben, ist es eine wertvolle Chance, Zeit in der Natur zu verbringen, gemeinsam mit anderen Kinder Abenteuer zu erleben. Sie nehmen an so vielen tollen Aktivitäten teil, und wir haben volles Vertrauen in die Leitenden», erzählt seine Frau Monica Lindt. «Zusätzlich sind die zwei, drei Stunden am Samstagnachmittag auch eine Entlastung für uns Eltern», ergänzt Filippo Lindt.
Pfadi so wie hier leben zu können, ist wichtig, das merkt man an diesem Samstagabend. «Es ist für die Kinder auch eine Art Loslösung von zu Hause», sagt Filippo Lindt. Im ersten Pfingstlager habe sein Sohn noch aus Heimweh geweint, heute fliessen die Tränen, wenn er wieder nach Hause muss. «Es ist ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten, das ist schön.» Doch die Suche nach neuen Leitenden ist schwierig, in der PTA braucht es etwas mehr als in gewöhnlichen Pfadi-Abteilungen. An den Samstagsaktivitäten werden die Kinder im Verhältnis eins zu drei betreut, in den Ferienlagern gar eins zu eins.
«Es ist schwierig, eine Nachfolge zu finden», erzählt Abteilungsleiterin Helena Asfour alias Suhini. Eigentlich wollte sie ihr Amt bereits im vergangenen Sommer abgeben – über ein Jahr später ist sie noch immer dabei. «Einfach aufzuhören, kommt nicht infrage. Aber wir haben Schritt für Schritt mehr Verantwortung abgegeben. Doch wenn man wie vorhin in der Diashow all die Bilder aus dem letzten Jahr sieht, wird einem wieder bewusst, wie schwer es ist, wirklich loszulassen.» Ähnlich geht es ihrem Kollegen Twister. Doch 2026 scheint gesichert zu sein, da die beiden Abteilungsleitenden ihre Aufgabe vorerst weiterführen. «Wir hoffen, dass im kommenden Jahr noch mehr junge Menschen den Weg in eine Leitungsfunktion finden», sagt Vereinspräsident Filippo Lindt.
Zurück in den Wald im Stäfner Mühlehölzli, wo die Pfadihütte der PTA steht. Nach einer Viertelstunde Fussmarsch durch den stockdunklen Wald, Stirnlampen und Fackeln weisen den Weg, ist der Weihnachtsbaum gefunden. Er steht am Rand eines Waldwegs, geschmückt mit glitzerndem Lametta. Die Leitenden zünden die Kerzen an
und verteilen Blätter mit Liedtexten. Gemeinsam werden Weihnachtsklassiker gesungen, von «O Tannenbaum» bis «Zimetschtern hani gern». Wie der Kerzenschein erhellt auch der charmant schräge Gesang der Pfadis und ihrer Angehörigen den dunklen Wald. Nach dem Singen gibt es Wichtelgeschenke: Alle Pfadis haben ein Geschenk mitgebracht und dürfen sich ein anderes aus dem grossen Sack aussuchen, den Abteilungsleiterin Suhini mitgeschleppt hat.

Heuer wird der Jahresrückblick in Bildern erstmals im Anschluss an die Weihnachtsfeier gezeigt. Die Diashow mit Eindrücken aus den Samstagsaktivitäten, dem Pfingstlager und Sommerlager zum Thema Pippi Langstrumpf begeistern. «Lueg, Mami, döte bin ich au debi gsi», ruft ein Pfadi bei gefühlt jedem dritten Bild stolz seiner Mutter zu. Die Aufnahmen lösen heiteres Gelächter aus, das gemeinsame Schwelgen in Erinnerungen bereitet den Anwesenden sichtlich Freude. «Für uns ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Kinder Spass haben, und zu sehen, wie sich junge Leute als Leitende engagieren», sagt Filippo Lindt.
Die Diashow zeigt nicht nur, was die Kinder in der PTA am Pfannenstil das ganze Jahr durch erlebt haben, sondern auch, dass die PTA im Grunde eine Pfadi wie alle anderen ist. Jeden zweiten Samstagnachmittag sind die Kinder ohne ihre Eltern oder Betreuungspersonen im und um den Wald unterwegs. Über Pfingsten gehen sie in ein anderes Pfadiheim, ins sogenannte PfiLa; im Sommer wird eine Woche gezeltet, und im Winter sausen sie am Schlittentag talwärts. Ein Satz auf der Vereinswebsite bringt den Kerngedanken der PTA auf den Punkt: «Wir verfolgen keine therapeutischen Ziele, sondern brechen mit den Kindern und Jugendlichen aus ihrem Alltag aus.»
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