Von Zolliker Zumiker Bote ‒ 19. Dezember 2025

Text: Monika Hildbrand-Egli
Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Sagt ein altes Sprichwort. Natürlich kommt es darauf an, wie gross die Gefahr ist und wie viel Glück man hat, sie unbeschadet zu überstehen. Ich habe, soweit ich mich zurückerinnern kann, immer meine Grenzen ausgelotet – und öfters ein spontanes Unterfangen gestartet, das wenig überlegt war. Immerhin hatte ich nie den Zeitpunkt verpasst, dies einzusehen und umzukehren. Dennoch habe ich von solchen Abenteuern ein paar Blessuren davongetragen.
An einem 24. Dezember war ich, anfangs zwanzig, am späten Nachmittag unterwegs zu meiner Familie, die über die Festtage in den Bergen weilte. Ich war die Einzige, die erst an Heiligabend dazustossen konnte. Im November und Dezember fanden die Essen und Feste zum Jahresabschluss statt. In jener Zeit der Hochkonjunktur blühten auch diese Events. Im Zürcher Hotel-Restaurant Kindli, wo ein Zehn-Mann-Orchester für Unterhaltung sorgte, rollte der Rubel besonders freigiebig. Als Sängerin engagiert, begannen meine Feiertage am 23. Dezember erst nach der Polizeistunde.
Als ich an besagtem Nachmittag in Chur ankam, schaffte ich es nicht mehr auf den Bus Richtung Skigebiet. Geduld war nie meine Stärke – so startete ich kurzentschlossen den Weg zu Fuss. Anfangs marschierte ich der Strasse entlang, nach einigen Kurven glaubte ich, eine Abkürzung nehmen zu können. Ich ging hinein in den Wald, stapfte bergan und gewann schnell an Höhenmetern. Von der Waldgrenze aus ging es weiter über tief verschneite Hänge. Rundum Schnee, Stille und fahles Licht. Vereinzelt sah ich Spuren von Schneehasen. Ich sank tief und tiefer ein im Schnee, und mir wurde trotz der Anstrengung kalt. Bis ich realisierte, dass ich so nie ans Ziel kommen werde und ich mich bestimmt schon verirrt hatte, war es dunkel geworden. Der Mond leuchtete sanft, in der Stille hörte ich mein Herz pochen. Ich musste weg vom Berg, hinunter zu einer Strasse. Mit viel Glück fand ich den richtigen Weg, irgendwann hörte ich ferne Motorengeräusche. Ich rechnete mir wenig Chancen aus, zu dieser späten Stunde per Autostopp an mein Ziel zu gelangen. Doch einmal mehr kam das nötige Glück dazu – in Gestalt eines jungen Mannes in einem VW-Käfer. Ich sah das Scheinwerferlicht von Weitem, hob zaghaft meinen rechten Daumen, das Auto hielt und der Lenker fragte, wo ich hinwolle. Als ich ihm mein Ziel nannte, meinte er, zu Fuss würde ich kaum vor Mitternacht ankommen. Er chauffierte mich vors Haus meiner Familie, obwohl er in der Ortschaft davor erwartet wurde.
Da stand ich nun glücklich vor dem Haus, das meine Eltern alljährlich für unsere Weihnachtsferien mieteten. Alle hatten auf das letzte Schaf der Herde gewartet. In der geräumigen Klosterküche sass die Familie beim Apéro zusammen, diskutierte und lachte. Meine Geschwister hatten ihre Partner und ihre Kinder mitgebracht. Mutter und Vater standen am Herd, wo es aus riesigen Töpfen wunderbar duftete. Die weihnachtliche Stimmung wärmte mir nach meiner Odyssee die Seele. Eine so grosse Familie, und alle sitzen friedlich zusammen, welch ein Glück! Als wir dann in der Stube um den geschmückten Baum standen und mehrstimmig Weihnachtslieder sangen, wusste ich, das ist Weihnachten.
Vielleicht liegt das wahre Glück gerade darin, sich auf Ungewisses einzulassen und zu vertrauen, dass der Weg uns trägt, selbst wenn er holprig ist. An jenem Abend wurde mir klar: Die grössten Geschenke liegen nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern in unerwarteten Begegnungen und Momenten.
Die Zumikerin Monika Hildbrand-Egli, geboren 1952 in Emmenbrücke, wuchs in einer musikalischen Familie auf und entdeckte früh ihre Leidenschaft für den Gesang. Mit zehn Jahren lernte sie Gitarre und sammelte erste Bühnenerfahrungen bei Familienanlässen. 1973 entdeckte sie eher zufällig das Jodeln und brachte es sich selbst bei. 1974 wurde sie von Joe Schmid entdeckt, Bruder des legendären Schweizer Trios «Geschwister Schmid»; er hatte in den 1950er-Jahren das «Kindli» in der Zürcher Altstadt übernommen. Dort trat die erfolgreiche Sängerin regelmässig auf. Und 2015/16, engagiert vom Volksschauspieler und Theaterproduzenten Erich Vock, sang, jodelte und spielte Monika Hildbrand in über 130 ausverkauften Vorstellungen des «Alpenländisch Musikalischen Lustspiels Stägeli uf – Stägeli ab» im Zürcher Bernhard-Theater. Als Grossmutter singt sie heute auch mit ihren beiden Enkelinnen.
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