Zwischen Wüstensand und Waldrand

Von Brigitte Selden ‒ 16. Januar 2026

Er jagt Verbrecher in Krimis, dreht Werbespots in Abu Dhabi und bewacht Schätze im Trammuseum: Nils Habermacher fand seine Freiheit auf der Bühne – und machte aus einer Identitätskrise eine Berufung, die den Schauspieler bis heute trägt.

Der Zumiker Schauspieler Nils Habermacher hat schon bei einem Werbefilm in der Wüste in Abu Dhabi mitgespielt. (Bild: zvg)
Der Zumiker Schauspieler Nils Habermacher hat schon bei einem Werbefilm in der Wüste in Abu Dhabi mitgespielt. (Bild: zvg)

Als Sohn einer finnischen Mutter aus Oulu und eines Schweizer Vaters wuchs Nils ­Habermacher in Zumikon auf. Schon früh war sein Leben von zwei Kulturen geprägt: Die Sommer verbrachte er im hohen Norden Finnlands, wo die hellen Nächte und die endlose Weite der Landschaft seine Fantasie beflügelten. Diese Erfahrungen gaben ihm ein Gefühl von Freiheit und Offenheit, das ihn bis heute begleitet.

Ein Austauschjahr in den USA um die Jahrtausendwende brachte eine entscheidende Zäsur: Mit 18 Jahren ging er dort zur Schule und fand sich in den endlosen Wäldern Nordamerikas wieder, wo er eine Freiheit erlebte, die ihn prägte. Die Rückkehr in die Schweiz stürzte ihn in eine Identitätskrise: «Die Enge hier hat mich fast erdrückt», erinnert er sich. Das hiesige Lebensgefühl, die gewohnten Denkmuster und selbst die Stimmung in den Zürcher Trams passten nicht mehr zu dem jungen Mann, der gerade die Weite der Welt entdeckt hatte.

Die Rettung durch die Rolle

In dieser Phase wurde die Schauspielerei zum rettenden Anker. Ein Deutschlehrer am Liceo Artistico in Zürich erkannte sein Potenzial und gab den entscheidenden Impuls. Nils Habermacher besuchte dessen Schauspielschule und fand einen Weg zurück zu sich selbst. «In dieser Krise war die Schauspielerei meine letzte Option – sie hat mich im Grunde gerettet.» Es folgte eine fundierte Ausbildung an einer Zürcher Schauspielschule, die der heute 42-Jährige mit einem staatlichen ­Diplom abschloss. Damit war der Grundstein für seine künstlerische Laufbahn gelegt. Die Schauspielerei wurde zur Berufung.

Gleichzeitig begann ein Berufsleben, das Nils Habermacher bildhaft als das «Kapern von Inseln» beschreibt. «Jedes Engagement ist eine neue Insel, ein Ort, an dem man Beziehungen knüpft und für eine gewisse Zeit eine Existenz aufbaut.» Sein Weg führte ihn dabei auch auf deutsche Bühnen, etwa ans Studiotheater Frankfurter Katakombe oder zu den Klosterfestspielen Weingarten bei Ravensburg.

Dass der Beruf auch harte Knochenarbeit bedeutet, verschweigt er nicht. Zwischen 2012 und 2015 spielte er landauf, landab in zahlreichen «DinnerKrimis». «Das ist zwar eine gute Arbeit, aber nicht unbedingt das eigene Herzprojekt.» Doch seine Beharrlichkeit zahlte sich aus: Der Schauspieler vernetzte sich weiter und fand schliesslich den Weg zu einer Agentur in London, die ihm heute Türen zu internationalen Produktionen öffnet.

Wüstensand und spirituelle Drehtage

Ein besonderes Highlight war ein Dreh in Abu Dhabi im vergangenen November. Für den Werbespot eines grossen Freizeitunternehmens wurde Nils Habermacher für drei Tage eingeflogen. Bei 40 Grad Hitze spielte er einen Familienvater, der in der Warteschlange vor einem Riesenrad mit Frau und Sohn debattiert. «Man wird am einen Tag eingeflogen, hat am nächsten das Kostüm-Fitting, dreht am Vormittag von sieben bis zwölf Uhr und sitzt am Abend wieder im Flieger nach Hause – das war eine fast spirituelle Erfahrung», erzählt er lachend.

Solche Momente, in denen die ­Zusammenarbeit trotz Zeitdruck von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist, bilden für ihn die wahren Höhepunkte. «Das angenehm Kollegiale und der enthusiastische Umgang am Set sind Geschenke. Das ist in dieser oft durch Ellbogenmentalität geprägten Branche leider nicht selbstverständlich.»

Seit der Pandemie ist Zumikon wieder sein fester Lebensmittelpunkt. Er bewohnt eine Wohnung an der Hofstrasse, direkt an der Grenze zum Zollikerberg. Der Entscheid zurückzukehren war ein Zufall, den er heute schätzt. Er sei aber auch zweischneidig. «Als Künstler wünscht man sich manchmal ein Umfeld, das ein bisschen mehr ‹vibriert›. Aber die Ruhe hier oben ist genau das, was ich im Moment brauche, um bei mir zu bleiben.»

Um seine Leidenschaft zu finanzieren, arbeitet Nils Habermacher während engagementfreien Zeiten als Aufsicht und Kassierer im Zürcher Trammuseum. Dieser «Brotjob» gibt ihm die nötige Erdung und finanzielle Stabilität, die der oft undankbare Casting-Alltag vermissen lässt. Gleichzeitig pflegt er seine Stimme für kommende Rollen – sei es durch Gesangsübungen via YouTube oder die Vorbereitung auf ein neues Projekt: Das SRF engagierte ihn für eine Krimi-Komödie, die als Hörspiel in Basel aufgenommen wird. Und eine Intendantin aus ­Luzern hat ihn kürzlich für eine Oper angefragt.

Wenn die Energie fliesst

Wenn Nils Habermacher über die Essenz seines Berufs spricht, fällt das Wort «Channeling». Damit meint er jene magischen Momente, in denen auf der Bühne oder vor der Kamera alles im Fluss ist, die Energien zwischen den Akteuren stimmen und man als Darsteller nicht mehr nachdenken muss, sondern einfach ist. «Dann kapiert man plötzlich im Spiel: Die Kollegen reagieren auf mich, ich reagiere auf sie. Alles läuft flüssig. Das muss man als Geschenk annehmen.» Trotz der Herausforderungen und der existenziellen Unsicherheit zwischen den Engagements könnte er sich ein Leben ohne die Schauspielerei nicht vorstellen.

Nils Habermacher bleibt ein Wanderer zwischen den Welten, der in Zumikon wieder seine Zelte aufgeschlagen hat, aber jederzeit bereit ist, die nächste künstlerische Insel zu erobern – sei es in einem Studio in Basel, in einer Oper in Luzern oder bei einem neuen Projekt seiner Agentin in Texas. Man kann auch am Rande des Waldes ein äusserst bewegtes Leben führen.

Werbung

Neuste Artikel

ANMELDEN

Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.