Von Joachim Lienert ‒ 23. Januar 2026

Es war nicht einfach für Mira Meier eine Wohnung in der Region zu finden. «Nirgends ging uns das Herz auf.» Verheiratet und mit ihren zwei Katzen, die mittlerweile gestorben sind, und einem Hund wohnte sie sechs Jahre lang in Zollikon Dorf. Es gefiel ihnen sehr. Doch in der Coronazeit war das Paar auf ein Homeoffice angewiesen, sie brauchten eine grössere Wohnung. «Endlich fanden wir im Internet eine helle Mietwohnung mit riesigem Garten, die uns gefiel.» Wegen eines technischen Fehlers war das Inserat nach Kurzem gelöscht. Sie konnte die Vermieter dennoch kontaktieren. Vor vier Jahren zog das Paar mit Hund und Katzen im Zollikerberg ein. «Die Wälder und die Natur hier sind wunderschön, etwas vom Schönsten in der ganzen Region. Die Spaziergänge mit dem Hund tun so gut.»
In die Hündin Melon hat sie sich auf einer mehrmonatigen Balkanreise inklusive Griechenland und Italien verliebt, für die das Paar den Job gekündigt hatte. Sie erschraken über die prekären Bedingungen, unter denen in Griechenland Strassenhunde umherstreunten. Nach Klärung aller tierärztlichen und behördlichen Formalitäten konnten sie Melon ein halbes Jahr später in die Schweiz mitnehmen. Mira Meier ist zierlich, quirlig – und arbeitet in einem technischen, männerdominierten Geschäft. In einem internationalen Grosskonzern arbeitet sie für Schweizer Grossprojekte im Energiebereich. Sie lacht: «In meinem Bereich arbeiten fast nur Männer, es ist so technisch. Klar, bei einer Waschmaschine könnte ich technisch besser mitreden. Aber bei mir geht es um den finanziellen Teil von Projekten rund um Schutz- und Steuergeräte im Hochspannungsbereich in der Energieversorgung.» Die 44-Jährige, die an der HWZ Zürich berufsbegleitend Wirtschaft studiert hat, überprüft Verträge und begleitet Grossprojekte aus finanzieller Perspektive. Beruflich hat sie an einigen Stationen haltgemacht, bei einem grossen Wirtschaftsprüfungsunternehmen, bei einer Bank und bei einer Pharmafirma. Ist sie also eine reine Zahlenfrau? Alles andere als das. Vor zehn Jahren wurde bei ihr eine chronische neurologische Erkrankung diagnostiziert. Mit dieser kann sie gut leben, sie hält die Krankheit in Schach. Diese brachte sie aber auch dazu, sich Gedanken über das Leben zu machen, darüber, was ihr wichtig ist. «Die Zeit ist immer knapp, und ich hinterfrage immer den Mehrwert, das ist sehr ausgeprägt bei mir. Ich will etwas Gutes tun. Das Leben ist zu kurz, um sich über kleine Dinge aufzuregen.» So leistet sie Freiwilligenarbeit beim Diakoniewerk der Gesundheitswelt Zollikerberg und begleitet dort eine ältere Bewohnerin. Die zwei gehen ein paarmal im Monat zusammen spazieren. «Es ist eine Bereicherung, einem so alten Menschen zuzuhören, der Geschichten von früher erzählt. Man tut etwas Gutes, und es gibt einem Gutes zurück.»
Auch an ihrer Arbeitsstelle wurde sie aktiv. Sie bemerkte, dass es im Unternehmen keine Menschen mit sichtbaren Beeinträchtigungen gab, die einfache Arbeiten verrichteten. «Ich stellte die Frage: Wer kümmert sich um diese Leute? Und wer kümmert sich um die Anliegen von LGBTQ-Menschen?» Sie suchte mit zwei anderen das Gespräch mit dem Chef Human Resources und wurde Mitbegründerin einer Diversity-Community. In dieser Community leitet sie eine Arbeitsgruppe für Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie moderierte zum Beispiel Talkrunden für Mitarbeitende, die Angehörige pflegen, oder fördert Impulsvorträge mit renommierten Hochschulen wie der HSG oder der ETH.
«Die Work-Life-Balance ist mir auch aus gesundheitlichen Gründen extrem wichtig, trotzdem habe ich immer sehr viele Projektideen und lasse nichts anbrennen», sagt Mira Meier. Auch in ihrer Freizeit packt sie Dinge an. Im Zollikerberg vermisste sie den nachbarschaftlichen Umgang, wie sie ihn in Zollikon genossen hatte. «Mir fehlte etwas.» Das brachte sie letzten Sommer auf die Idee, ein Quartierfest zu organisieren. «Wir haben Flyer verteilt und Mundpropaganda betrieben, einen Chat eingerichtet. Dreissig Leute kamen ans Fest zwischen den Garagenboxen, das war sauglatt.»
Dann ist da ihr Herzensprojekt: die Musik. Im aargauischen Meisterschwanden, wo sie aufwuchs, besass sie schon als zweijähriges Mädchen ein kleines rosa Kinderpiano. «Sobald ich in der Schule war, wollte ich unbedingt Klavierunterricht nehmen.» Mit 13 begann sie zu komponieren, nahm Stücke mit dem Walkman auf, damit sie sie nicht vergass. Vor drei Jahren fasste sie den Mut und wandte sich an einen ehemaligen Schulkollegen, der sich international einen Namen in der Musik geschaffen hatte. Sie durfte in seinem Studio in Zürich einige Songs vorspielen; er war begeistert und motivierte sie dazu, die Stücke aufzunehmen. Neoklassik nennt sich der Stil, dem sie sich verschrieben hat. Es folgten Aufnahmen in einem Tonstudio, mal mit Cello und Geige, mal Solostücke. «Es ist viel mehr als ein Hobby. Es ist meine riesengrosse Leidenschaft.» Auf ihrer Website mirameier.com oder auf Spotify kann man sich ein Ohr voll nehmen. «Ich komponiere, um Herzen zu berühren. Gerade in der heutigen Zeit mit schwierigen politischen Verhältnissen ist es mir wichtig, den Menschen etwas Licht zu schenken.» Sie hat Lampenfieber und sagte sich einmal: «Ich will nie ein Konzert geben.» Das habe sich geändert, auch wegen Leuten, die ihr Mut zusprachen. Es geht ihr nicht darum, mit Musik Geld zu verdienen, sondern ihre Leidenschaft zu leben. Mehrmals pro Woche setzt sie sich an ihren edlen schwarzen Bechstein. Der Journalist fragt: «Ist das ein elektronisches Klavier, weil Lämpchen leuchten?» Der Laie hat weit gefehlt. Es ist ein Instrument von Klasse, mit integriertem Wassersystem, das die Luftfeuchte im Klavier reguliert.
Mira Meier sagt: «Es wäre schön, einmal ein Konzert zu geben.» Endlos viele Ideen hat sie, Material für über 100 Stunden Musik. «Das meiste ist Mist», lacht sie. Doch jede gute Idee kriegt einen Ordner im Handy, damit sie sie nicht vergisst. Vielleicht wäre mal ein Konzert in Zollikon möglich, in der Aula Buechholz zum Beispiel oder im Café am Puls. «ich lasse auf mich zukommen, was mich erwartet.» Sie strahlt, hinterfragt für einmal nicht, sondern freut sich auf das, was sie in ihrem Leben noch überraschen mag.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.