Von Dörte Welti ‒ 30. Januar 2026

Die Frau ist toxisch. Im absolut positiven Sinne. Wer immer sie kennenlernt, ist von der ersten Sekunde an von ihrer Leidenschaft für Mode fasziniert und angesteckt. Rosmarie Amacher ist eine der ganz wenigen in der Schweiz, die jemals die 40 Gewerke, die zur Haute Couture gehören, von der Pike auf gelernt hat. Sie modelliert jeder Kundin (und jedem Kunden) Stoffliches perfekt auf den Leib. Darüber hinaus ist sie Sammlerin von Haute-Couture-Kleidern aus Schweizer Stoffen. Dafür gründete sie vor Jahren den Verein Swiss Textile Collection. Grundstock der Sammlung ist eine Wardrobe Collection, also der fast komplette Kleiderschrank einer Dame der gehobenen Zürcher Gesellschaft, die sich zeit ihres Lebens die jeweils aktuellsten Pariser Modelle aus Schweizer Stoffen von ihrer persönlichen Schneiderin – nicht Rosmarie Amacher – hatte anfertigen lassen.
Rosmarie Amacher ist eine ständig Suchende. Sie durchforstet High-End-Auktionen genauso wie Brockis nach textilen Schätzen, die in ihr Sammlungskonzept passen. Donationen von Kundinnen und anderen Gutbetuchten kamen hinzu, die Sammlung wuchs über die Jahre auf über 2000 Teile plus Accessoires, Bücher, ganze Jahrgänge von Modemagazinen, Schnitte und Nähutensilien. Ein Umfang, der Haus und Atelier sprengte. Nach mehreren Umzügen ist die Sammlung seit Kurzem fast vollständig in einem Depot in Zürich gelagert. Was doppelt ist, weil es den einen oder anderen Schnitt oder Stoff bereits im Archiv gibt, verkauft Rosmarie Amacher wieder. Sie ist eine agile Geschäftsfrau, weiss, wie man feinen Zwirn an die Menschen bringt. Der Gewinn fliesst in den Verein zur Erhaltung der Sammlung. Diese ist zugänglich: Sie ist «Prêt-à-toucher», man kann mit Rosmarie Amacher daran lernen, staunen, sich inspirieren lassen. «Mein Ziel ist es, dass der Ursprung bei den zukünftigen Generationen nicht in Vergessenheit gerät», erklärt Rosmarie Amacher ihre Motivation und meint damit auch die textile Geschichte der Schweiz. «‹Who made my clothes› ist bei uns nicht leeres Greenwashing. Wir wissen, wo jedes Teil herkommt, wer es getragen hat, wo der Stoff gewoben wurde und woher die Knöpfe stammen», erklärt sie.
In Zollikon lebt die Mutter zweier Töchter und zweifache Grossmutter in einem gemütlichen Reihenhaus nahe dem Friedhof. Hierher kam sie, als sie vor 17 Jahren ihr Domizil in einem alten Gärtnereigebäude in Küsnacht räumen musste. Ihr Bruder führte einst das «Rössli» im Dorf, doch das war kein Hauptgrund für den Umzug nach Zollikon. Das Haus wählte sie, weil es nahe genug am Kindergarten ihrer jüngsten Tochter lag. Rosmarie Amacher pflegt Kontakt zum Ortsarchiv in Küsnacht, denn auch hier schlummern textile Zeitzeugen, die gepflegt und gehegt werden müssten. Für praktische Handreichungen sei sie bislang jedoch nicht angefragt worden, was sie bedauert. Sie würde gerne mit ihrer Expertise helfen, besonders jetzt, nachdem das Archiv einen Wassereinbruch erlitten hatte. Zeit, sich mit dem Ortsmuseum Zollikon zu beschäftigen, fand sie noch nicht: «Vielleicht wenn ich pensioniert bin! Es wäre superspannend, hier die Zürcher Seidengeschichte zu recherchieren.». Es habe in der Region in der textilen Blütezeit viele Seidenwebereien gegeben, da müsse es noch Archivmaterial geben, vermutet sie – und würde sich übrigens freuen, wenn Leserinnen und Leser, die etwas über die Seidenstory von Zollikon wissen, sich bei ihr melden würden.
Das Dorf nutzt sie spärlich, einer so gefragten Handwerkerin bleibt nicht viel Zeit. Ihre Kundinnen und Kunden besucht sie mitunter zu Hause, in der gesamten Schweiz, oder auch mal in Südfrankreich, wenn Ursula Andress ruft. Rosmarie Amacher geht gerne spazieren, eigentlich mit einem Hund. Ihr letzter ist jedoch vor zwei Jahren gestorben, jetzt wartet sie auf den neuen Begleiter. Samstags trifft man sie auf dem Zolliker Wochenmarkt, wenn sie nicht gerade in ihrer ländlichen Residenz in der Toskana nach den Olivenbäumen schaut. «Der Markt ist toll, zum Schwatzen und einkaufen. Ich liebe auch die Hauptsammelstelle. Die Lady, die dort arbeitet, ist der Hammer!» Viel Energie steckt Rosmarie Amacher in ihren Garten. Sie hat dort zwei Maulbeerbäume angepflanzt, die wachsen und gedeihen. Nicht etwa, weil sie – was man vermuten könnte bei ihrer Passion – Seidenraupen damit füttern möchte, sondern um die Früchte zu ernten und zu verarbeiten. Die beiden Töchter sind längst ausgezogen, weshalb sie die nachbarschaftlichen Freundschaften schätzt und pflegt. Und eigentlich sei alles tiptop in der Gemeinde, die Steuern sowieso, nur das Internet bereitet ihr Kopfzerbrechen, es steige andauernd aus. Die Fachpersonen der lokalen Anbieter gäben sich die Klinke in die Hand, aber schaffen keine Lösung. Sie liest haptisch, neben Fach- und Modemagazinen gerne den Zolliker Zumiker Boten, um im Bilde zu sein, was hier läuft. Das World Wide Web braucht sie dennoch, um zu wissen, wann in London ein Kleid von Dior unter den Hammer kommt und welche Ausstellungen in Europa geplant sind, zu denen sie mit ihrer Sammlung beitragen könnte. 600 Teile fanden vor Jahren schon einmal den Weg nach Rotterdam, für eine Ausstellung über nachhaltige Mode. Derzeit kann man Auszüge aus Rosmarie Amachers Archiv in einer Sonderausstellung im Textilmuseum St. Gallen bestaunen. Die textile Geschichte der Schweiz für die kommenden Generationen lebendig zu erhalten – nicht mehr und nicht weniger – ist ihr Schwungrad.
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