Von Björn Reinfried ‒ 6. Februar 2026

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat Ende Januar das Gesuch des Flughafens für Änderungen des aktuellen Betriebsreglements aufgelegt. Das Betriebsreglement legt fest, wann und wie am Flughafen Zürich geflogen werden darf – und welche An- und Abflugsrouten gewählt werden müssen. Bei Bise sind Südstarts rechts und geradeaus vorgesehen. Letzteres würde die Goldküste besonders stark betreffen, da bei diesem Szenario die Flugzeuge bis auf Höhe Küsnacht geradeaus steigen und dann wenden.
Das Fluglärmforum Süd, das die Gemeinden und Städte südlich des Flughafens berät und als Behördenorganisation vertritt, prüft die Unterlagen und will dagegen vorgehen – mit Einsprachen.
Eines der Hauptargumente der Südstart-Gegner ist die Lärmbelastung. Diese würde unweigerlich zunehmen, wenn Flugzeuge in Richtung Goldküste starten würden. Der Fluglärm hängt allerdings stark von der Flughöhe und dem Flugzeugtyp ab. Küsnacht erstreckt sich auf einer Höhe von 405 bis 781 m ü. M. Die Entfernung vom Flughafen Zürich beträgt rund 15 Kilometer Luftlinie. Um die Frage nach der Flughöhe zu beantworten, schlägt die Kommunikationsabteilung des Flughafens einen Blick auf Flightradar24 vor. Hier ist zu beobachten, dass vor allem grosse Langstreckenflugzeuge 15 Kilometer nach dem Start im Schnitt erst auf etwa 2100 Höhenmetern sind. Kleinere Flugzeuge sind bei derselben Distanz im Schnitt bereits auf 3000 Metern Höhe.
Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, stelle sich am frühen Nachmittag südlich von Winterthur an die Töss oder schaue in der Region Spreitenbach in den Himmel. Die niedrigste Flughöhe wies bei dieser nicht repräsentativen Beobachtung ein Airbus A330 nach Tokyo auf, die südlich der Eulachstadt auf 1700 m ü. M. flog – vom Boden aus kann man bei dieser Flughöhe die Schriftzüge der Airline lesen.
Moderne Flugzeuge haben deutlich leisere Triebwerke als Maschinen früherer Generationen. Auch hier ein Selbstversuch in Winterthur: Obschon die Flugzeuge tief über den Süden der Stadt fliegen, ist die Lautstärke der Triebwerke moderat und bei geschlossenem Fenster gar nicht zu hören.
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Lärmbelastung ist die Windrichtung: Startet ein Flugzeug bei Südwind in den Süden und man befindet sich im Norden, sind die Triebwerke gut zu hören. Bei Bisenlage würde der Wind aus Osten kommen und die Flugzeuge auch gen Osten fliegen – an der Goldküste wäre dann nicht der gesamte Abflug, sondern nur der Überflug zu hören.
Obwohl Südstarts geradeaus im Betriebsreglement nur bei Bise beantragt werden, befürchtet Stephan Oehen vom Fluglärmforum Süd, dass bei Einführung dieses Konzepts mehr als nötig in Richtung Süden gestartet würde: «In den Unterlagen finden sich keine Hinweise darauf, wie die Bise definiert wird und unter welchen Umständen auf dieses Konzept umgestellt wird.» Er vermutet, dass der Flughafen, einmal auf das Bisenkonzept umgestellt, nicht mehr auf ein anderes Konzept wechselt, zumal bei Südstarts die höchste Kapazität geflogen werden kann: «Wir sind sehr skeptisch, da der Flughafen selbst definieren kann, wann Bise ist und welches Konzept er fliegen will. Theoretisch könnte er den ganzen Tag Südstarts durchführen. Einen Konzeptwechsel wird der Flughafen nicht machen, wenn er nicht muss – denn dies kostet Zeit, Kapazität und Geld.»
Die Medienstelle des Flughafens schreibt dazu, dass die Umstellung des Flugkonzepts wetterabhängig sei und das Wetter sowohl am Boden als auch in den An- und Abflugsektoren berücksichtigt werden müsse. Basis für die meteorologischen Umstellungen bildeten dabei die Vorgaben der International Civil Aviation Organization (ICAO) betreffend Rücken- und Seitenwind. Weiter schreibt die Medienstelle, dass der Bundesrat im Sachplan Infrastruktur Luftfahrt festgesetzt habe, dass das Bisenkonzept nur bei Bise umgesetzt werde. Das betreffe ungefähr fünf Prozent aller Abflüge.
Der Flughafen sieht den Vorteil des Bisenkonzepts unter anderem darin, dass bei An- und Abflugrouten keine Kreuzungen entstehen und damit sowohl Sicherheit als auch Kapazität des Flugbetriebs erhöht werden können. Stephan Oehen vom Fluglärmforum Süd anerkennt die Komplexität des Flugbetriebs, fordert allerdings klar definierte Regeln: «Es ist uns wichtig, dass bei den Umstellungsmechanismen Rechtsverbindlichkeit gegeben ist. Vertrauen dahingehend, dass der Flughafen eigenständig vom Südkonzept auf ein anderes Konzept umstellt, haben wir im Moment nicht.» Auf die Frage, wie oft am Tag das Konzept umgestellt wird, kann der Flughafen keine Antwort geben. Das Betriebskonzept hänge stark von den Wetterbedingungen ab.
Ein weiteres Argument der Südstart-Gegner ist das Absturzrisiko: «Der Süden des Flughafens ist die am dichtesten besiedelte Region der Schweiz. Wenn dort ein Flugzeug abstürzt, wären die Opferzahlen riesig.» Der Flughafen Zürich verweist dazu auf die 2014 vom niederländischen National Aerospace Laboratory NLR erstellte Studie «Assessment of third party risk around Zurich Airport». Darin kommen mehrere Wissenschaftler zum Schluss, dass das externe Risiko am Flughafen Zürich im Mittelfeld vergleichbarer europäischer Flughäfen liegt. Südstarts geradeaus würden das Absturzrisiko insgesamt nicht oder nur minimal erhöhen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Der letzte Flugzeugabsturz bei einem Landeanflug auf Zürich ereignete sich 2001, als eine Maschine der Crossair die Mindestflughöhe unterschritt, Bäume touchierte und bei Bassersdorf in einem Wald abstürzte. Der letzte Absturz beim Start geschah im Jahr davor, als der Pilot eines Kleinflugzeugs die Orientierung verlor und bei Nassenwil abstürzte. Das letzte grosse Flugunglück ab Zürich war der Absturz bei Dürrenäsch 1963.
Die Debatte und der Streit um die Südstarts dauern seit über 25 Jahren an. Das Fluglärmforum Süd prüft weiterhin jedes Dokument und koordiniert die Einsprachen der Städte und Gemeinden in der betroffenen Region. Der Flughafen seinerseits hält weiterhin an Südstarts bei Bise fest. In Zumikon organisiert der Verein Flugschneise Süd – Nein gemeinsam mit dem Fluglärmforum Süd am kommenden Mittwoch eine Informationsveranstaltung zum neuen Betriebsreglement des Flughafens. Gemeindepräsident Stefan Bührer wird ebenfalls anwesend sein.
Infoveranstaltung «Nein zu Südstarts»: Mittwoch, 11. Februar, 19.30 Uhr, Gemeindesaal Zumikon
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