Von Lea Moser ‒ 6. Februar 2026

Silvia Meier ist in der «Bronx», wie Emmenbrücke auch genannt wird, aufgewachsen. Mitten im Dorfkern, in einem Mehrgenerationenhaus. Eine schicksalhafte Zugfahrt sorgte dafür, dass sie 1994 nach Zollikon zog. «Ich war auf der Heimreise einer 1.-August-Feier. Im Zug von Zürich nach Luzern sprach mich ein Inder an, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm etwas trinken zu gehen», erinnert sie sich. Die Chemie stimmte, und so verabredeten sich die beiden gleich nochmals für den nächsten Tag. «Es war eine schicksalhafte Fügung, denn er fuhr normalerweise geschäftlich in der 1. Klasse. Nur weil er sein Abonnement vergessen hatte, begegneten wir uns in der 2. Klasse», fügt sie mit einem Lächeln hinzu.
Die Hochzeit im Jahr 1991, im Waldschulhaus in Aathal, wurde im indischen und katholischen Stil mit Jodeleinlagen und einem aussergewöhnlichen Auftritt gefeiert. Ihr besonderer Hochzeitswunsch war: Freunde und Familie sollten das Fest gemeinsam als Chor mitgestalten. «Bei den jährlichen Meier-Treffen hat das gemeinsame Musizieren seit dem 90. Geburtstag der Grossmutter Tradition. Es wird ernsthaft geprobt, und an der Feier kommt es dann zum grossen Auftritt», berichtet sie stolz und zeigt ein Video. «Wir haben immer viel gesungen. Beim Abwasch, während den Autofahrten oder auf dem Skilift.» Das Singen und Musizieren wurde ihr in die Wiege gelegt. Bereits mit 16 Jahren gab sie Blockflötenunterricht, sie spielt Klavier, Handorgel und Gitarre.
Auf die Frage, wie sie zum Tourenclub gekommen sei, antwortet sie: «Mit vierzehn besuchte ich Jugend und Sport Kletter- und Gletschertrekkingkurse und gab mein Wissen meinen Eltern und den vier Geschwistern weiter. So habe ich auch sie damit angesteckt.» Gemeinsam unternahm die Familie zahlreiche Hüttentouren. Zum 50. Geburtstag ihrer Mutter buchten sie für die Familie eine Woche lang einen Bergführer und bestiegen mehrere Viertausender – als krönenden Abschluss den Dom, den höchsten Gipfel ganz auf Schweizer Boden. Als 1992 und 1996 ihre beiden Kinder zur Welt kamen, legte Sivia Meier eine Pause vom Bergsport ein. Nach etwa zehn Jahren in Zollikon meldete sie sich beim Tourenclub an. Heute ist sie seit bald 20 Jahren Mitglied, fünf Jahre im Vorstand und drei davon als Präsidentin.
Als sie dem Verein beitrat, wurde ihm eine Überlebensdauer von wenigen Jahren prophezeit. Viele Vereine kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Doch Silvia Meier war überzeugt, dass Sportclubs eine Zukunft haben, und führte ein Angebot für junge Aktive zwischen 22 und 40 Jahren ein. Auch Ausbildungen für Skitourenleiterinnen und -leiter hat sie initiiert. «Vor vier Jahren hatten wir noch 140 Mitglieder, heute sind es bereits über 190», erzählt sie erfreut. Mehrmals betont die Tourenclub-Präsidentin, dass sie natürlich nicht alles allein stemmen könne und sehr dankbar für die tatkräftige Unterstützung der anderen sechs Vorstandsmitglieder sei. «Es macht mir Spass, Menschen zusammenzubringen und für sie etwas zu organisieren, das ihnen gedanklich und körperlich guttut.» Es gebe in Zollikon viele Möglichkeiten sich zu engagieren. Silvia Meier ist nebst dem Engagement für den Tourenclub auch Mitglied des Chors «Singlust», im Frauenturnverein aktiv und hilft ehrenamtlich in der katholischen Kirche mit.
Auf Wunsch der Kinder, die sich in Zollikon heimisch fühlen, wurde der Bürgerort der Familie von der Stadt Zürich nach Zollikon verlegt. Für die Innerschweizerin waren gewisse Bräuche, wie zum Beispiel der Schulsilvester, zunächst unbekannt. Durch ihre Kinder fand sie jedoch schnell Anschluss und fühlt sich heute wohl in der Siedlung an der Dorfgrenze bei der Rehalp. «Uns gefällt es hier sehr gut. Wir sind gerne Gastgeber und geniessen es, Freunde zum Essen einzuladen. Wir versuchen, verschiedene Leute zusammenzuführen, damit interessante und gehaltvolle Gesprächsrunden entstehen», erzählt Silvia Meier und fügt an: «Das von meinem Mann gekochte indische Essen ist immer beliebt. Ich koche aber auch sehr gerne und freue mich auf Gäste.» Mit der Familie oder mit Freundinnen verbringt sie gerne ihre Freizeit auf Reisen in fremden Kulturen wie Australien, Indien, Kuba, Island oder Pakistan.
Das Wohnzimmer werde manchmal auch zum Schulzimmer, bemerkt sie mit einer Handbewegung in Richtung Flipchart. «Wir sind am Spanisch Lernen, weil die Frau unseres Sohnes aus Mexiko stammt.»
Auf die Frage, was ihr wichtig sei im Leben, antwortet sie: «Ehrlichkeit und Kommunikation. Dass man die Beziehung sucht und in Kontakt bleibt. Durch Kontakt und Kommunikation entsteht Beziehung und Vertrauen.» Ebenso wichtig sei es, mit sich selbst in Kontakt zu sein und sich zu vertrauen. Das gelingt ihr besonders gut in der Natur. Sie geniesst den Weitblick von der Allmend in die Alpen. «Die Berge machen mich demütig und geben mir Halt. Es sind Naturphänomene, die schon lange vor uns da waren.» Zu ihren schönsten Erfahrungen im Leben zählt die Besteigung des über 6000 Meter hohen Kang Yatse II im nordindischen Ladakh in Indien, gemeinsam mit ihrer Tochter. Sie mag aber auch kleinere Hügel mit milderen Temperaturen, die zum Verweilen und Picknicken bei atemberaubender Aussicht einladen. Die Tourenleiterin kennt aber auch die Schattenseite des Bergsports: «Einmal musste jemand vom Tourenclub mit einem Beinbruch von der Rega abtransportiert werden. Und einmal musste ich selbst den Helikopter rufen, weil jemand eine psychische Blockade hatte.»
Im «richtigen Leben» studierte Silvia Meier Heilpädagogik und arbeitete 20 Jahre lang als Sonderschullehrerin. Anschliessend dozierte sie während weiterer 20 Jahre an der Agogis Fachschule für Bildung im Sozialbereich. «Es bereitet mir grosse Freude, gemeinsam mit jüngeren Personen Prüfungsaufgaben zusammenzustellen. Deshalb bin ich trotz Pensionierung noch zu 20 Prozent als Prüfungsexpertin in der Arbeitsagogik tätig.» Es ist nicht schwer zu erkennen, welch hohen Stellenwert die Natur, die Musik und die Gemeinschaft im Leben von Silvia Meier haben. Vielleicht ist genau das ihr Schlüssel zum Glück.
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