Wahlkampf, wahlsanft

Von Joachim Lienert ‒ 6. Februar 2026

Zum Wohlfühlen? Das Wahl­podium im Zollikerberg vermittelte eher den Anschein von Minne als von Wahlkampf. Die vier neu Kandidierenden für Gemeindepräsidium, Gemeinderat und Schulpflegepräsidium stellten sich vor. Die grossen Würfe spielten eine Nebenrolle.

Setzten auf mehr Podium denn Kampf: Moderatorin Claudia Eberle-Fröhlich, Rui Biagini, Patrick Dümmler, David Sarasin und Hermann J. Stern (v.l.n.r.). (Bild: jli)
Setzten auf mehr Podium denn Kampf: Moderatorin Claudia Eberle-Fröhlich, Rui Biagini, Patrick Dümmler, David Sarasin und Hermann J. Stern (v.l.n.r.). (Bild: jli)

Zum traditionellen Wahlpodium hatte der Quartier­verein Zollikerberg geladen. Mit gut 80 Teilnehmenden stiess der Gerensaal an seine Kapazitätsgrenzen. Ganz neu waren die Kandidierenden allerdings nur bedingt: Gemeinderat Patrick Dümmler (FDP), der nach dem Rückzug von Adrienne Suvada konkurrenzlos fürs Gemeindepräsidium kandidiert, ist den meisten schon als Gemeinderat und Ressortvorsteher Liegenschaften bekannt. Auch Rui Biagini (GLP) und David Sarasin (FDP), die beide fürs Schulpflegepräsidium kandidieren, sind heute schon Mitglieder dieses Gremiums. Somit bleibt als echter Neuling nur Hermann J. Stern (GLP), der für den Gemeinderat kandidiert.

Claudia Eberle-Fröhlich, die ehemalige Verlegerin des Zolliker Zumiker Boten, führte als Moderatorin durch den Abend. Sie setzte den Ton gleich zu Beginn: Drei positive Punkte zur Arbeit der Gemeinde sollten die Kandidaten nennen. Für Hermann J. Stern war dies insbesondere der partizipative Prozess bei der Ortskernentwicklung Zollikerberg: «Das wurde vorbildlich gemacht.» Auch die Sportgeräte beim Buechholz beurteilt er als «tolle, innovative Idee, sie machen extrem Spass». Patrick Dümmler konnte dank seiner bisherigen Tätigkeit Konkretes vorweisen. Sein Dank gelte dem partizipativen Prozess und der Nachhaltigkeit mit Hunderten von Fotovoltaik­anlagen und Wärmepumpen. «Da konnten wir etwas bewirken.» ­Zudem erinnerte er daran, dass Zollikon einen Bankkredit habe aufnehmen müssen, der in dieser Legislatur zurückbezahlt worden sei. «Jetzt stehen wir wieder solide da.»

Viel Lob für die Gemeinde

David Sarasin nannte die Zentrumsentwicklung von Dorf und Berg als positiv und wünschte sich, dass die Themen Oescher und Beugi-Areal angepackt würden. Auch Rui Biagini lobte: «Ein grosses Dankeschön für die Partizipation.» Zudem freue er sich, dass der Gemeinderat Themen wie Nachhaltigkeit und die Klimaschule unterstütze. Auf die Frage, was man anders machen würde, nannte Patrick Dümmler die Vertiefung der Zusammenarbeit mit der Schule. Schwieriger Punkt sei das Betreuungshaus Rüterwis, wo man zweimal Anlauf genommen und zweimal gescheitert sei. Als Gemeindepräsident würde er sich dafür einsetzen, die Verwaltung so weiter­zuentwickeln, dass Effizienz und Kundenorientierung steigen. Auch der Investitionsstau sei herausfordernd. «Es stehen viele Projekte an, Fohrbach, Schulprojekte, das wird einige Ressourcen beanspruchen – nicht nur finanziell, sondern auch personell.» David Sarasin meinte: «Wir sind auf dem Papier eine Einheitsgemeinde. Aber wir müssen noch viel enger zusammenrücken.» Dies sei ein zentrales Anliegen von ihm, ebenso wie die Sanierung des Buechholz und die Arealentwicklung Rüterwis.

Kreative Ideen – und professionelle Führung

Hermann J. Stern erklärte: «Ich bin begeistert. Aus meiner Sicht läuft es wirklich gut. Aber ich bin ein kreativer Denker und habe ein paar Ideen.» Ihm schwebt etwa eine Kaffeebar im Dorf vor, ähnlich dem Café am Puls: «das ist sensationell». Unkonventionell ist auch seine Idee eines Bürgerrats, der ein «Bürger-Budget» – zum Beispiel 100 000 Franken – eigenständig verwaltet und einsetzt. Claudia Eberle-­Fröhlich erinnerte ihn daran, dass Politik oft langsam vorangehe. ­Hermann J. Stern betonte, er habe in seinem selbst aufgebauten Unternehmen gute Mitarbeitende und könne viel Zeit in die Arbeit als Gemeinderat investieren. Etwas provokativ richtete sich die Moderatorin an Rui Biagini, er propagiere doch eine offene Kommunikation, eine Kultur des offenen Gesprächs: «Wie merkt man, dass es so gelebt wird, und wo sind die Grenzen – Stichwort Kollegialprinzip?» Er bekräftigte die Wichtigkeit offener Kommunikation und seinen Respekt vor Mehrheitsentscheiden der Schulpflege. «Es gibt viele Ansprüche unterschiedlicher Gruppen. Da muss man vermitteln, offen kommunizieren und in Verhandlungen Lösungen finden.» Ex-Banken-CEO David Sarasin unterstrich die wirtschaftliche Dimension der Schule: Als Schulpflege arbeite man strategisch, bei einem Budget von 40 Millionen Franken und gegen 1300 Schülerinnen und Schülern. «Es braucht eine professionelle Führungsorganisation mit sauberen Abläufen.» Seine Folgerung: «Dafür bringe ich viel Erfahrung mit.»

Kritischeres Publikum

Bei den Wortmeldungen aus dem Publikum wurde es etwas weniger bedächtig. Was unternehmen die Kandidaten, um Zollikon kinderfreundlicher zu machen? Rui Biagini sprach von «Korridoren, in denen sich Kinder bewegen können» und coolen Konzepten. Patrick Dümmler nannte Verbesserungen bei Spielplätzen als wichtig und kündigte an: «Im Fohrbach wird ein ganzjährig zugänglicher Spielplatz entstehen.» David Sarasin betonte die Dringlichkeit des neuen Betreuungshauses. Andreas Tschopp, selbst parteiloser Kandidat für die Schulpflege, sprach von einer «absolut desaströsen Situation» an der Schule, mit hoher Fluktuation im Buechholz von 30 Prozent, zudem hätten im Rüterwis letztes Jahr sämtliche 3.-Klasse-Lehrpersonen gekündigt (es sind drei Personen, die am Ende eines Klassenzugs die Schule aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben, die Red.). David Sarasin konterte: «Es ist nicht so desaströs wie kommuniziert. Wir haben ein hochmotiviertes Team von Mitarbeitenden – das verdient es nicht, schlechtgeredet zu werden.» Rui Biagini ergänzte: «Man muss das Vertrauen wieder herstellen und die Kritikpunkte angehen.» Und dann wurde Rui Biagini von Martin Byland, Ex-Gemeinderat der FDP und Bezirksrat, direkt angegangen: «Mir wurde gesagt, du sagst nie etwas an den Sitzungen der Schulpflege.» Rui Biagini konterte: «Spannend, woher du diese Informationen wohl hast?» Er sei ein gebranntes Kind, habe seine Stimme im Gremium erhoben, aber wenig Gehör gefunden und sich danach eher in Zurückhaltung geübt.

Die grossen Visionen fehlen

Gemeinderätin Sandra Fischer (Forum 5W) wiederum stichelte gegen ihren Kollegen Patrick Dümmler: «Du hast deine Projekte schön in den Vordergrund gerückt. Wir haben aber noch ganz andere Themen im Gemeinderat. Welche würdest du denn als Gemeindepräsident in den nächsten vier Jahren fördern?» ­Patrick Dümmler räumte ein, vor ­allem über ihm vertraute Projekte gesprochen zu haben. «Selbstverständlich gibt es viele weitere.» Als Gemeindepräsident würde er zu ­Beginn der neuen Legislatur erneut eine Retraite durchführen. «Das Einzige, was ich anders machen würde: Wir müssen uns fragen, was ist wirklich machbar in vier Jahren?» Rückblickend sei man bei gewissen ­Legislaturzielen zu wenig realistisch gewesen. Über diese vergangenen Ziele wird der Zolliker Zumiker Bote noch berichten, hat doch der Gemeinderat just am Dienstag seinen ­Tätigkeitsbericht über die Legislaturschwerpunkte 2022 bis 2026 vorgelegt.

Die «Wahl» war an diesem Abend eher mit «Podium» als mit «Kampf» gekoppelt. Im geschliffenen Polit­sprech von Kommunikation, Offenheit, Transparenz und Partizipation waren konkrete Ideen und Zukunftsbilder nicht immer leicht auszu­machen. Beim Apéro im Anschluss war die eine oder andere kritische Stimme zu vernehmen. Manchen fehlten die grossen Visionen für die Entwicklung von Zollikon: Was geschieht am Seeufer? Welche Ideen gibt es für den Dorfplatz, für die Schule? Warum gibt es keine grössere Vision für die Ortskernentwicklung Zollikerberg, etwa bei Verbindungen zwischen den Ortsteilen – trotz Zuständigkeit von Kanton und Forchbahn? Kann die Gemeinde nicht stärkeren Druck ausüben? Die Fragen werden den neu gewählten Behördenmitgliedern nicht ausgehen, wenn sie im Frühsommer erstmals zusammenkommen und ihre Arbeit aufnehmen.

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