Heimatschutz verhindert Neubau von Seniorenwohnungen

Von Joachim Lienert ‒ 13. Februar 2026

«Sehr hässig.» So beschreiben Gemeinderat und Bauvorstand Dorian Selz und Markus Himmler vom Bürgerverband Alt-Zollikon ihren Gemüts­zustand. Am Mittwoch erfuhren sie vom Rekurs des Zürcher Heimatschutzes gegen die Entlassung des Hauses an der Alten Landstrasse 93 und 95 aus dem Inventar kommunaler Schutzobjekte.

Schutzwürdig oder nicht? Beim Gebäude an der Alten Landstrasse 93 und 95 klaffen die Ansichten der Gemeinde und des Heimatschutzes diametral auseinander. (Bild: jli)
Schutzwürdig oder nicht? Beim Gebäude an der Alten Landstrasse 93 und 95 klaffen die Ansichten der Gemeinde und des Heimatschutzes diametral auseinander. (Bild: jli)

Das Grundstück am alten östlichen Dorfeingang gehört dem Bürgerverband Alt-Zollikon, einem Zusammenschluss von Zolliker Familien, die seit dem 16. Jahrhundert hier ansässig sind. Ihr Präsident ist Markus Himmler. Seit vier Jahren verfolgt der Verband den Plan, das bestehende Gebäude abzureissen und rund acht bis zehn altersgerechte Seniorenwohnungen zu erstellen – «kleine Senioren­wohnungen, ausdrücklich keine Luxuswohnungen, mitten im Dorf», erklärt Markus Himmler. Jetzt werden die Pläne vom Baurekursgericht jäh durchkreuzt. Es verfügt, dass einem Rekurs des Zürcher ­Heimatschutzes aufschiebende Wirkung zukommt und keine Veränderungen am Objekt vorgenommen werden dürfen, bis ein rechtskräftiger Entscheid vorliegt.

«Nichts, was schutzwürdig ist»

Der Bürgerverband hatte bereits ­einen Studienauftrag mit Architekturbüros begonnen, mit dem Ziel, einen passenden Gebäudetyp für diesen Dorfeingang zu finden. Diesen Prozess stoppte er letztes Jahr, um abzuwarten, ob die Gemeinde das Gebäude aus dem Inventar entlassen würde. Alle bis dahin an­gefallenen Architekturleistungen wurden beglichen. Tatsächlich beschloss der Gemeinderat am 17. Dezember, das Gebäude aus dem ­«Inventar der Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung der Gemeinde Zollikon» zu entlassen, in dem es sich seit 1985 befindet.

Dorian Selz hält seinen Ärger über den Heimatschutz nicht zurück. «Der Bürgerverband will Wohnungen für ältere Menschen errichten, ein Kernziel der Gemeinde und ein Anliegen, das wir aus ganzem Herzen unterstützen.» Es gebe vier alte Balken im Keller und sonst gar nichts, was schutzwürdig sei. Auch das Inventarblatt spreche einzig davon, dass bei einem allfälligen Neubau auf die Torwirkung der Lage zu achten sei. «Das Objekt selbst hat keinen Eigenwert. Es wurde x-fach umgebaut, vieles passt nicht zusammen, es ist eine Matroschka-Puppe.»
Markus Himmler pflichtet ihm bei: «Wir wollen bezahlbaren Wohnraum für Senioren mit Ein- bis Dreizimmerwohnungen mit kleineren Grundrissen schaffen.» Das käme Seniorinnen und Senioren zugute, die hier zentral mit guten Einkaufsmöglichkeiten leben könnten. Kleine Wohnungen für ältere Leute fehlten in Zollikon; wenn sie dort einzögen, könne dadurch auch Wohnraum für Familien frei werden. Bei den aktuellen Grundrissen mit nur vier Wohnungen, unterschiedlichen Niveaus, geringen ­Deckenhöhen und dem Mangel ­eines Lifts seien Alterswohnungen niemals möglich.

«Logisch, hat die Gemeinde keine Freude»

Auf Anfrage nimmt auch Martin Killias, Präsident des Zürcher Heimatschutzes, Stellung. «Logisch, hat die Gemeinde keine Freude. Aber es stimmt einfach nicht, dass das Gebäude nicht schutzwürdig ist.» Man finde Ersatzbauten für alte Häuser im ganzen Kanton Zürich, die sähen scheusslich aus, «genau das wollen wir dort in Zollikon nicht». Dorian Selz wählt markige Worte: «Anlässlich einer Vorortbegehung hat Martin Killias die Schutzwürdigkeit selbst 50 zu 50 eingeschätzt. Nichtsdestotrotz haben wir in gut schweizerischer Manier die letzten zwei Jahre mit dem Heimatschutz versucht, einen Kompromiss zu finden. Alle Vorschläge wurden abgelehnt. Im ­Vergleich dazu ist das Politbüro in der alten UdSSR ein dynamischer Haufen.» Die Gemeinde sei demokratisch legitimiert und habe ­gemeinsam mit dem tief im Ort ­verwurzelten Bürgerverband ein vernünftiges Projekt mit Wohnungen für Ältere ausgearbeitet. «Jetzt kommt ein Club von Privatleuten, in keiner Art und Weise demokratisch legitimiert, über die Ecke des Verbandsbeschwerderechts daher und legt das Projekt lahm.» In­direkt begehe der Heimatschutz damit ­einen Verfassungsbruch, denn «hier findet de facto eine Teilenteignung statt. Das sind wir als Gemeinde nicht bereit zu akzeptieren.» Er will den Bürgerverband Alt-Zollikon unterstützen: «Die ­Gemeinde wird den Fall mit allen Konsequenzen durchziehen, wenn es sein muss bis vor Bundesgericht.»

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