Über den Schatten springen

Von Lea Moser ‒ 13. Februar 2026

Lilly Fejes, die mutige Kioskfrau, die sich immer wieder neu erfand und gerne mitanpackte. Ihr Credo: Sei ehrlich und ­arbeitsam. Damit ist sie stets gut gefahren.

Lilly Fejes war lange das freundliche Gesicht des Kiosks mitten im Dorf. (Bild: lmo)
Lilly Fejes war lange das freundliche Gesicht des Kiosks mitten im Dorf. (Bild: lmo)

Wenn die Zeitung nachmittags noch vor der Türe liegt, dann ist etwas passiert», sagt Lilly Fejes mit einer Prise Humor. Das habe sie zu ihrer Nachbarin gesagt, die ihr jeden Morgen den Tages-Anzeiger auf die Fussmatte legt. Just in diesem Moment klingelt es, Lilly Fejes steht vom Tisch auf und geht zur Tür. Die Nachbarin erkundigt sich, ob sie ihr etwas vom Einkaufen mitbringen könne. «Ich schätze die Nachbarschaftshilfe hier im Haus sehr», sagt sie, als sie sich wieder an den Tisch setzt. Seit 1974 wohnt Lilly Fejes an der Breitackerstrasse und seit 2005 in diesem Wohnblock mit Balkon.

Es «Bärnermeitschi» in Züri

Ursprünglich kommt die Zolliker Bürgerin aus dem Kanton Bern, wo sie als Älteste von vier Schwestern in Köniz aufwuchs. Nach der Handelsschule ging sie ins Welschland, um Französisch zu lernen. «Ich hatte dort eine wunderbare Zeit. Die Gastmutter behandelte mich wie die Tochter, die sie nie hatte», schwärmt die 84-Jährige. Sie habe für die ganze Belegschaft der ­Bäckersfamilie gekocht. «Extra immer etwas mehr, damit keiner der Mitarbeiter hungrig zur Arbeit musste. Ich freute mich schon darauf, nach einem halben Jahr im Laden der Bäckerei mitzuhelfen», schwelgt Lilly Fejes in lebendiger Erinnerung.

Dazu sollte es jedoch nicht kommen, denn der Vater fand keine Büroangestellte für den Familienbetrieb. So musste sie das Jahr in der Romandie abbrechen und in der Feilenfabrik aushelfen, wo sie schon während ihrer Schulzeit regelmässig mitarbeitete. Nach der Scheidung der Eltern verliess sie die Fabrik und fand eine Anstellung als Buchhalterin bei der Oscar Weber AG in Bern. Sie liebt Zahlen, und mit dem Computer kam sie gut zurecht. Nach einigen Jahren erkundigte sich Lilly Fejes nach einer freien Stelle in der Dependance in Zürich. Nebst den Büroarbeiten entdeckte sie dort ihr Verkaufstalent. «Sie suchten jemanden als Blumenverkäuferin für einen halben Tag am Wochenende. Die Beratung der Kundschaft bereitete mir grosse Freude», erinnert sich die Pensionärin. Diese Freude spürten auch die Kunden; die Einnahmen des Blumenverkaufs verdoppelten sich.

Der Vorläufer des Onlinehandels

1972 heiratete die damalige Lilly Reinhard ihren aus Ungarn geflüchteten Lebenspartner, den sie in Zürich kennengelernt hatte. Die zivile Trauung mit dem Chorsänger des Zürcher Opernhauses fand in Zollikon statt, einen Tag später folgte die Hochzeitsfeier in Zollikerberg. 1974 und 1976 kamen die beiden Söhne zur Welt und sie widmete sich mit viel Herzblut der Erziehung und dem Haushalt. Um körperlich fit zu bleiben, war sie Mitglied des Frauenturnvereins Zollikon. «Ich würde gerne wieder in diese Zeit zurück, jedoch nur mit den Vorteilen der heutigen Emanzipation.» Als Lilly Fejes einen Versandhandel für Schuhe gründete und ein eigenes Bankkonto eröffnen wollte, wurde die Unterschrift des Ehemanns verlangt. «Ich fand das eine Frechheit. Es war schliesslich mein Geschäft», findet sie klare Worte.

Mutig sein lohnt sich

«Im Radio gab es eine Sendung, in der man seine Geschäftsidee teilen durfte – vorausgesetzt, sie war ­speziell», erzählt die gut gelaunte Rentnerin verschmitzt, während sie alte Kataloge von 1988 auf dem Tisch ausbreitet. «Mein Mann und ich hatten aufgrund unserer breiten Füsse Mühe, passende Schuhe zu finden. Deshalb lancierte ich den ‹Breitschuhversand›.» Nach der Erwähnung im Radio war die geschäftliche Telefonleitung dermassen überlastet, dass die Interessenten bei der Post Zollikon anriefen. Sie verlangten die Privatnummer, damit sie einen der begehrten Kataloge bestellen konnten. «Und alles nur, weil ich den Mut hatte dort anzurufen.» Lachend fügt sie hinzu: «Ein Kunde schickte mir sogar einen Abdruck seines Fusses auf einer Lehmplatte per Post.» Die Fotos der Schuhmodelle liess sie von einem Fotografen machen, und die Druckerei erstellte die professionellen Prospekte. Die Schuhkartons wurden beim Grosshändler abgeholt und stapelten sich in der Wohnung. «Bis um Mitternacht schrieb ich Rechnungen, und danach fing ich an einzupacken. Es machte mich glücklich», berichtet sie euphorisch. Gerne hätte sie mit Unterstützung eines Schuh­machers selbst Spezialmodelle anfertigen lassen und im eigenen ­Laden verkauft. Doch leider liess sich kein geeigneter Geschäftspartner finden. Als es 1992 keinen Nachschub des Schuhgrosshandels ihres Vertrauens mehr gab, arbeitete sie wieder als Angestellte im Büro einer Firma, die wenige Jahre später Konkurs ging. Wieder musste sie sich neu erfinden. Vielleicht als Kioskverkäuferin? Sie hörte sich nach freien Stellen um.

Traumjob Kiosk

«Frau Fejes, springen Sie über Ihren Schatten», habe die Kioskchefin sie zu überzeugen versucht. Eigentlich wollte Lilly Fejes nicht in Zollikon arbeiten, weil sie dort zu viele Leute kannte. Und vor allem nicht als Kioskleiterin, das traute sie sich nicht zu. Doch es hat sich gelohnt, diesen Schritt zu wagen und Verantwortung zu übernehmen. «Ich hatte ein absolut hervorragendes Team, deshalb kam die Kundschaft auch gerne vorbei.» Gegenseitiges Vertrauen und ein respektvoller Umgang waren ihr wichtig. Sie stand immer hinter ihren Mitarbeitenden. Sonntags in ihrer Freizeit habe sie zu Hause die «Zehn-Rappen-Säckli» mit Süssigkeiten gefüllt. Später sei dies dann aus Hygienegründen nicht mehr erlaubt gewesen. «Berühmte Persönlichkeiten wie die Schauspielerin Maria Becker oder Sepp Blatter kamen am Kiosk vorbei», erzählt die ehemalige Kioskleiterin, die gerne mitanpackte. Im Februar 2007 wurde sie pensioniert. Auf die Frage, was sie glücklich mache, antwortet sie: «Ich höre gerne Opern. Und das Orchester des Dirigenten und Violinisten André Rieu.» Dass sie selbst auch gerne und gut singt, traut sie sich fast nicht zu erwähnen. Doch sie springt auch da wieder über ihren Schatten, wie schon bei der Anfrage für dieses Interview.

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