Wahl in die Sozialbehörde – um sie aufzulösen?

Von Joachim Lienert ‒ 20. Februar 2026

FDP-Politikerin Corinne Hoss-Blatter macht im Wahl­bulletin der Gemeinde Zollikon (Ausgabe 6/2026) eine interessante Aussage: Sie will sich wieder in die Sozialbehörde wählen lassen – und diese dann abschaffen. Was steckt dahinter?

Corinne Hoss-Blatter und Sandra Fischer: Sozialbehörde beibehalten oder abschaffen? (v.l., Bilder: Thomas Entzeroth/zvg)
Corinne Hoss-Blatter und Sandra Fischer: Sozialbehörde beibehalten oder abschaffen? (v.l., Bilder: Thomas Entzeroth/zvg)

Eine Stimme nur fehlte. Mit 88 zu 87 Stimmen lehnte der Kantonsrat am 26. Mai letzten Jahres die «Aufteilung der Aufgaben zwischen Sozialbehörde und Sozialdienst im Sozialhilfegesetz» ab. Die Motion hatte zum Ziel, die Sozialhilfe im Kanton zu profes­sionalisieren und Gemeinden die Kompetenz zu übertragen, ihren Sozialdienst mit anderen Gemeinden zusammen zu betreiben. Man wollte unterscheiden zwischen einer politischen Sozialbehörde, die für die strategischen und politischen Aufgaben zuständig ist, und einem fachspezifischen Sozialdienst für die operative Fallführung. Die Sozialbehörde nähme nur die Aufsicht über den Sozialdienst wahr. «Die FDP war dagegen, aber ich bin dafür», sagt die FDP-Frau Corinne Hoss-Blatter. «Denn wir haben sehr wenig Einfluss in der Sozialbehörde der Gemeinde.» Seit vier Jahren ist die Zollikerin in der Sozialbehörde, von 2006 bis 2022 war sie in der Schulpflege, ab 2014 fungierte sie als deren Präsidentin, 2020 wurde sie Kantonsrätin.

Der Staat bestimmt Ausgaben

Sie erklärt: «Praktisch alles ist von Bund und Kanton vorgegeben. Doch als Sozialbehörde müssen wir jede einzelne Ausgabe absegnen, über die wir gar nicht frei entscheiden können.» Die Beträge, über die man in eigener Kompetenz entscheiden könne, bewegten sich «im tiefen Hundert-Franken-Bereich». Zum Beispiel, ob ein Sozialhilfebezüger 200 oder 300 Franken Feriengeld erhalte oder in einer Wohnung leben dürfe, die 50 Franken mehr Miete koste als vorgeschrieben. «Wir können gar keine effektiven Ziele als Sozialbehörde haben, etwa die Sozialhilfequote zu senken.» Sie wehrt sich vehement gegen den Gedanken, unsozial zu sein. «Ich bin zu hundert Prozent sozial. Wer Sozialhilfe braucht, soll sie bekommen.» Eine Abschaffung der Sozialbehörde würde dazu führen, dass die zuständige Gemeinderätin oder der zuständige Gemeinderat etwas mehr Arbeit hätte – aktuell ist dies in Zollikon Sandra Fischer vom Forum 5W. Doch den grössten Teil der Aufgaben könne die Verwaltung einfach weiterführen. «Wir haben in Zollikon eine ausgezeichnete Abteilung Gesellschaft mit supertollen Leuten, die sehr gute Arbeit leisten.»

Als zuständige Gemeinderätin steht Sandra Fischer auch der Sozialbehörde vor. Sie stimmt Corinne Hoss-Blatter teilweise zu: «Ich gebe ihr recht, wir haben nicht viel Spielraum. Trotzdem sind wir im Sinne einer Aufsichtsbehörde zuständig, die Rechtmässigkeit sicherzustellen.» Neben allen gesetzlichen Vorgaben bei Sozialhilfe, Asylwesen und familienergänzender Betreuung komme vor allem dem Persönlichkeits- und dem Datenschutz in so sensiblen Gebieten hohe Wichtigkeit zu. Dies könne ein Argument für eine eigenständige Behörde mit eigenen Abläufen sein. Sie betont: «Das Anliegen ist kein neues Thema. Wir besprechen im Gemeinderat immer wieder, welche Behörden und wie viele Behördenmitglieder wir brauchen.» Sie findet es legitim, die Aufgaben der Behörden regelmässig zu analysieren. «Nach meiner Erfahrung hat sich das Konstrukt Sozialbehörde bewährt. Das Zusammenspiel mit der Verwaltung läuft sehr gut. Wir müssten gut prüfen, wie sich das auch ohne Sozialbehörde angesichts der hohen Beschlusszahlen – 2025 waren es über 500 – gewährleisten lässt.»

Polarisierung nimmt sie in Kauf

Corinne Hoss-Blatter weiss, dass ihre Meinung polarisiert. «Vielleicht werde ich nicht gewählt, weil alle finden, ja spinnt die denn?» Das nimmt sie in Kauf. Die Entschädigung für die vierköpfige Behörde beträgt aktuell gesamthaft 33 225 Franken pro Jahr. Geld, das bei deren Auflösung frei würde, «damit könnte man Sozialhilfeempfängern ein paar Feriengelder mehr ausrichten, oder es bleibt in der Gemeindekasse». Die Idee zur Auflösung der Sozialbehörde sei vorläufig allein ihre Idee. Würde sie gewählt, würde sie das Thema für eine Konsensfindung mit der Sozialbehörde und dem Gemeinderat angehen, Der Gemeinderat schlüge dann eine Änderung der Gemeindeordnung vor, die vor die Urne kommt.

Corinne Hoss-Blatter nahm das Thema aus dem Kantonsrat mit und brachte es auch schon in der aktuellen Sozialbehörde ein – «ich hörte kein entsetztes ‹Nein!› auf meinen Vorschlag». Die Mitglieder der Behörde treffen sich einmal pro Monat. Jede Person, die Sozialhilfe in Zollikon bezieht, kommt zur Sprache, und jährlich oder bei sich ändernden Parametern verfügt sie den Unterstützungsbeitrag gemäss den gesetzlichen Vorgaben.

Fischer ist offen für Austausch

Sandra Fischer erklärt: «Der Gemeinderat und die Sozialbehörde können in den Austausch miteinander treten. Aber anstossen kann den Prozess nur der Gemeinderat.» Falls sie wieder Ressortvorständin werden sollte – «was natürlich schön wäre» –, könne sie das Thema in den Gemeinderat einbringen. «Und dann können wir schauen, ob wir die Gemeindeordnung diesbezüglich überprüfen möchten.»

Corinne Hoss-Blatter ist auch Co-Präsidentin der Sozialkonferenz des Kantons Zürich (SoKo), der Dachorganisation für das Sozialwesen zuständiger Behörden der Gemeinden und Städte. Die SoKo spricht Empfehlungen aus. Empfiehlt sie zum Beispiel für einmalige Integrationsbemühungen 15 000 Franken, richtet sich Zollikon danach. «Auch dort, wo die Gemeinde noch Spielraum hätte, übernimmt sie meist die Empfehlung der SoKo.» Die gestandene Politikerin weiss, dass die Abschaffung der Sozialbehörde eine grosse Aufgabe ist. «Es wäre ein längerer Weg, der eine Änderung der Gemeindeordnung erfordert.» Doch sie ist überzeugt, dass es die Bürokratie verringert und Geld für echte Sozialhilfe frei wird. Die Stimmberechtigten stehen somit am 8. März vor dem seltenen Fall, eine Person in eine Behörde wählen zu können, die zum Ziel hat, diese bei ihrer Wahl ab­zuschaffen. Corinne Hoss-Blatter fasst ihr Anliegen mit einem Lachen zusammen: «Ich mag es, ‹out of the box› zu denken.»

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