Von Martina Gradmann ‒ 13. März 2026

Robert Custer ist ein Gentleman alter Schule. Er öffnet die Tür mit einem strahlenden Lächeln, nimmt einem die Jacke ab und hängt sie in den Garderobenschrank. Der 90-Jährige hat eine beeindruckende Körperspannung, was wohl auch mit seinem langjährigen Engagement als Präsident der Männerturner zusammenhängt. «Ja, ich turne auch heute noch», lächelt er und bittet an den Tisch.
Er fühle sich zum Glück immer noch gesund, vor sechs Jahren habe das allerdings anders ausgesehen. «Ich war plötzlich sehr kurzatmig, und meine Frau brachte mich in den Notfall, wo man einen Pleuraerguss feststellte – eine Lungenhälfte war voll Wasser.» Bei einer Brusthöhlenspiegelung habe man zudem eine bösartige Erkrankung des Brustfells durch Asbestfasern, vermischt mit Krebszellen festgestellt. Robert Custer war also ein Asbest-Opfer? «Ich musste während meiner Lehre zum Elektromonteur von Zeit zu Zeit Eternit-Tafeln für Sicherungselemente zuschneiden und habe da wohl Asbestfasern eingeatmet. Damals wusste man allerdings noch nichts von deren Gefährlichkeit», sagt der Pensionär. Das Wasser konnte abgesaugt werden, doch die Prognose der Ärzte war niederschmetternd. «Sie glaubten, ich hätte wohl noch drei Monate mit palliativer Pflege zu leben, und das ist jetzt sechs Jahre her», schmunzelt Robert Custer.
Robert Custer ist in Zollikon aufgewachsen und im Zollikerberg und in Zollikon zur Schule gegangen. Er trat 1944 der Pfadfinderabteilung Zollikon bei und schaffte es als begeisterter Pfadi bis zum Oberpfadikursleiter und Jungfeldmeister. Seinen Lehrabschluss als Elektromonteur absolvierte er noch während der Rekrutenschule, worauf eine längere Militärzeit bei der Infanterie folgte. Er wurde Korporal, absolvierte die Offiziersschule und wurde schliesslich Leutnant und Zugführer. Während dieser ganzen Zeit habe er nie etwas von der Belastung durch die Asbestfasern gemerkt. Auch nicht, als er von der Feldinfanterie in die Hochgebirgstruppe umgeteilt wurde und es dort bis zum Hauptmann und Einheitskommandanten brachte. Treu blieb er auch der Pfadi, er ist langjähriges Mitglied des Altpfadfinderverbandes Zollikon. «Um etwas Sinnvolles zu machen, haben wir damals nach der Pfadfinderei bei der SLRG einen Lebensrettungskurs gemacht, der uns so gut gefallen hat, dass wir weitere Kurse als Kursleiter und Experten absolvierten.» Dieses Engagement verfolgte er auch während seines Studiums am Zentralschweizerischen Technikum in Luzern weiter. Er organisierte Kurse für Studenten und absolvierte Lebensrettungskurse im eisigen Vierwaldstättersee. «Wir rieben uns damals mit Olivenöl ein, kalt war es aber immer noch», lacht Robert Custer. Nach Abschluss seines Studiums als Heizungs-, Lüftungs- und Klimaingenieur begann er sein Arbeitsleben als Inbetriebsetzungsingenieur bei der Firma Elex AG. «Als ich mich bei dieser Firma vorstellte, sah ich im Hintergrund eine Weltkarte mit Stecknadeln, die markierte, wo die Ingenieure überall arbeiteten. Die Idee, durch Arbeit die Welt zu sehen, gefiel mir ausnehmend gut», lacht der Senior.
Es folgte eine intensive Reisezeit mit Inbetriebsetzungen und Abnahmen von Elektrofiltern auf der ganzen Welt. Es habe sich dabei um elektrostatische Abgasreinigungsanlagen in Industrien wie Zementfabriken, Eisenhütten, Stahlwerken, Papierfabriken, Kohlekraftwerken, Düngerfabriken oder Kehrichtverbrennungsanlagen mit sehr hohem Wirkungsgrad gehandelt, erklärt Robert Custer. «Ich war also schon ein Grüner, bevor es die Partei überhaupt gab.»
Tätig war er auf fast allen Kontinenten und in fast allen Ländern Europas. Er war in Sibirien, Jordanien, Iran, Irak, Saudi-Arabien, Indien, Nepal, Thailand, auf den Philippinen, in Südkorea, Marokko, Sambia, Südafrika, Venezuela, Brasilien und Chile. Der einzige Nachteil seiner intensiven Reisetätigkeit sei gewesen, dass er wenig Gelegenheit hatte eine künftige Ehefrau kennenzulernen und bis 57 ledig blieb. Erst in Brasilien lernte er während eines beruflichen Aufenthalts am Karneval in Rio seine spätere Ehefrau Maria José da Conceiçao kennen und heiratete sie 1991. «Gleich nach der Trauungszeremonie wurde Maria José der Schweizer Pass ausgehändigt und sie wurde schweizerisch-brasilianische Doppelbürgerin», erzählt Robert Custer. Nach Möglichkeit habe ihn seine Frau auf seinen Reisen begleitet, bis sie beide Ende 1994 in ihr eigenes Heim im Zollikerberg zogen.
1997 ging Robert Custer in den vorzeitigen Ruhestand; die beiden verbrachten danach jedes Jahr gemeinsame Ferien in ihrer Zweitwohnung an der Copacabana in Rio de Janeiro und machten auch Reisen ins weitere Brasilien. Mit Schalk in den Augen erzählt der 90-Jährige, wie damals der Kauf der Wohnung mit Bargeld in einem Migros-Sack über die Bühne ging. Traurig wird er allerdings, wenn er an den Tod seiner Frau denkt, die 2005 an Metastasen von Lungenkrebs starb. «Dass Maria José mit nur 55 Jahren sterben musste, nach 14 Jahren Ehe, war ein enormer Schicksalsschlag für mich.» Drei Jahre später lernte der Pensionär seine zweite Frau Monika Bassi kennen, 2014 wurde geheiratet. Die ausgebildete Atemtherapeutin hatte viele Jahre im Tessin gelebt, wo ihre beiden Töchter heute noch wohnen. «Ich verkaufte meine Wohnung an der Copacabana und erwarb eine Ferienwohnung in Viganello bei Lugano. Wir sind jetzt immer wieder im Tessin, und Monika nutzt jeweils die Gelegenheit, ihre Kinder und Enkelkinder zu besuchen.» Robert Custer hat sich viele Jahre in der Gemeinde ehrenamtlich engagiert, war Mitglied der reformierten Kirchenpflege und als Verwalter für deren Liegenschaften zuständig. Auch das Präsidium der Männerturner konnte er vor Kurzem abgeben. Und der Asbest? «Ich mache in Halbjahresintervallen Tests, doch bis jetzt haben sich keinerlei Veränderungen gezeigt. Ich kann mich weiterhin meines Lebens erfreuen», lacht Robert Custer.
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