Zollikon bleibt bürgerlich – oder teilbürgerlich?

Von Joachim Lienert ‒ 13. März 2026

Bei den Behördenwahlen von Zollikon hatte die grosse ­Überraschung im Vorfeld stattgefunden. Am effektiven Wahltag gab es Überraschungen nur in Nuancen. In deren Zentrum: die Schulpflege und die SVP.

Der neue Gemeinderat ist fast der alte: Hermann Stern (neu), André Müller, Sylvie Sieger, Patrick Dümmler, Sandra Fischer, Dorian Selz. (v. l., Bild: zvg)
Der neue Gemeinderat ist fast der alte: Hermann Stern (neu), André Müller, Sylvie Sieger, Patrick Dümmler, Sandra Fischer, Dorian Selz. (v. l., Bild: zvg)

Fünf Kandidierende hatte die SVP aufgestellt. Eine zog sich schon vor der Wahl für das Gemeindepräsidium zurück. Gewählt wurden: null. Erneut hat es die SVP nicht geschafft, in irgendeinem Exekutivamt in der Gemeinde Fuss zu fassen. Ortsparteipräsident Bernhard Ecklin lässt sich nicht aus dem Konzept bringen: «Zuallererst: Wir feiern ein Demokratiefest. Wir leben im einzigen direktdemokratischen Land der Welt. Das alleine ist Grund zum Feiern.» Der Wahlkampf sei für seine Partei lebendig und anspruchsvoll gewesen. «Wir haben als Partei profitiert, konnten den Vorstand verjüngen, ein Dutzend neue Mitglieder gewinnen, und unsere Kandidatinnen und Kandidaten konnten dazulernen, sich einen Lehrblätz fürs System holen.» Mittel- und langfristig werde die SVP von der Verjüngung ­profitieren. Alles in Butter also? «Wir wussten, dass es schwierig ist in Zollikon. Wir gewinnen immer noch wenig ausserhalb unserer Stammwählerschaft, das ist be­dauerlich.» Auf keinen Fall ziehe die SVP daraus den Schluss, dass ihr Programm falsch sei. «Gewählt zu werden ist in der SVP nicht Selbstzweck. Wir glauben, dass wir mit unseren Themen auch auf der lokalen Ebene im geschützten Raum Zollikon etwas bewirken werden.» Sein bemerkenswerter Befund: «In Zollikon haben wir mehr Schnittstellen mit der SP. Diese setzt sich wie wir in ihrem Programm als Einzige für den Mittelstand und die Schwachen ein. Das macht die FDP nicht.» Damit seien nicht alle FDP-Wähler und -Mitglieder gemeint, sondern das, wofür die Partei stehe. «Wir sind die einzige bürgerliche Partei. Die FDP ist eine teilbürgerliche Partei, alle anderen stehen links von der Mitte», formuliert er pointiert. In Zollikon gewinne man manchmal den Eindruck, der starke Freisinn verbinde sich mit dem Forum 5W und stimme für irgendjemanden, bevor er auch nur daran denke, für die SVP eine Stimme einzulegen. Seine Konsequenz: «Jetzt müssen wir unsere Aufgabe als stärkste Oppositionspartei von Zollikon wahrnehmen.» Seiner Ansicht nach bewegt sich etwas in der Gemeinde. Dass sogar Adrienne ­Suvada über 800 Stimmen erhielt, obwohl sie sich zurückgezogen hatte, sei ein Zeichen, dass nicht alle zufrieden sind mit der aktuellen Situation. «Dass Gemeindewahlen, wie immer wieder kolportiert wird, keine Partei-, sondern Persönlichkeitswahlen seien, hat sich nicht be­stätigt. Das aber ist legitim und motiviert uns zusätzlich. Wir freuen uns auf vier spannende Jahre.»

GLP lacht und weint

Besser verkauft hat sich die GLP. Der Neue Hermann Stern erzielte 2054 Stimmen und rückt für den abtretenden Sascha Ullmann in den Gemeinderat nach. Mit Dorian Selz (2328 Stimmen) ist die GLP somit weiterhin zu zweit im Gemeinderat vertreten. Dazu kommen die drei FDP-Mitglieder Patrick Dümmler, André Müller (2468 Stimmen) und Sylvie Sieger (2648 Stimmen). ­Patrick Dümmler erzielte dabei das beste Ergebnis überhaupt mit 2749 Stimmen und wird zugleich Gemeindepräsident – mit 2243 Stimmen gegen die nicht antretende ­Adrienne Suvada mit 294 Stimmen.

Von der GLP tritt zudem neu Sandra Strickler in die Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission (RGPK) mit 1751 Stimmen ein. Das Präsidium der RGPK wird der Neue Marc Raggenbass (FDP), mit 2410 Stimmen als Bester ins Gremium gewählt, übernehmen. Daniel Oettli (parteilos, 1986 Stimmen) tritt als weiterer Neuer in die Behörde ein, ebenso wie Felix Huber von der FDP (2307 Stimmen).

Enttäuschung herrscht bei der GLP darüber, dass ihre Kandidatin und Ortsparteipräsidentin Nicole Waechter den Einzug in die Schulpflege mit 1510 Stimmen nicht geschafft hat. Ebenfalls nicht gewählt wurden Philippe Klemenz vom Forum 5W mit 1556 Stimmen und Andrea Linter von der SVP mit 1183 Stimmen. Bis auf Philippe Klemenz verzeichnete das Forum 5W einen grossen Wahlerfolg und brachte mit Sandra Fischer als Gemeinderätin (2265 Stimmen), den Bisherigen Sonja Lier (1675 Stimmen) und ­Sabine Knüsli-Suter (1950 Stimmen) in der Schulpflege sowie Iris Heeg (2228 Stimmen) und Thomas Winkler (2105 Stimmen) in der RGPK und Regula Harder (2025 Stimmen) in der Baubehörde alle ihre Kandidierenden durch.

Für die nächsten vier Jahre in­existent bleiben in sämtlichen Behörden linke Parteien: Weder die Grünen noch die SP stellten überhaupt Kandidierende für irgendeine Behörde. Eine Zolliker Leerstelle, die sie sich mit der Mitte teilen.

Kampf um Schulpflegepräsidium geht in zweite Runde

Am meisten zu diskutieren gibt die Schulpflege. Hier stand eine Kampfwahl zwischen den beiden Bisherigen Rui Biagini (GLP, 1889 Stimmen) und David Sarasin (FDP, 2153 Stimmen) an. Bei der Wahl ins Präsidium verfehlten beide das absolute Mehr, Biagini mit 1239 Stimmen, Sarasin mit 1430 Stimmen. Am 14. Juni kommt es zum zweiten Wahlgang. Rui Biagini gibt sich kämpferisch: «Es ist ein Riesenerfolg im Kernland der Hellblauen, ein Vertrauensbeweis der Bevölkerung. Es ist noch nichts entschieden.» Jetzt brauche es einen langen Schnauf, er werde mit allem Elan und aller Zuversicht in den zweiten Wahlgang gehen. «Man muss der Realität ins Auge sehen: Zollikon ist eine FDP-Hochburg, ich wusste von Anfang an, dass es nicht einfach wird, und so finde ich es super, dass ich eine zweite Chance erhalte.»

Naturgemäss anders betrachtet es David Sarasin. Er wirkt im Gespräch nachdenklich, hebt aber das für ihn Positive hervor: «Auf der einen Seite habe ich grosse Freude über die sehr überzeugende Wahl in die Behörde mit vielen Stimmen. Auf der anderen Seite bin ich natürlich enttäuscht, dass ich das absolute Mehr fürs Präsidium nicht geschafft habe.» Das beste Resultat bei der Wahl in die Schulpflege erzielte die Bisherige Brigitte Eigenmann-Gossauer von der FDP mit 2243 Stimmen.

David Sarasin sagt, er habe Rui ­Biagini von Anfang an als ernsthaften Mitbewerber wahrgenommen, der einen starken Support in der Gemeinde geniesse und einen professionellen Wahlkampf geführt habe. Jetzt will er erst einmal das Wahlergebnis analysieren. Vom GLP-Mitbewerber unterscheide er sich nicht primär in den Sachthemen, da habe man eine ähnliche Sicht, etwa bei Liegenschaften, Infrastruktur, Tagesstruktur und Digitalisierung. «Rui und ich unterscheiden uns in der Art, wie man führt. Während er einfach sagt ‹Kommunikation›, sage ich, das ist nur ein Teil.» Selbstverständlich sei Kommunikation wichtig. «Aber noch wichtiger ist die echte Führungsarbeit. Man muss Ziele zusammen vereinbaren, Projekte aufgleisen, die Schulpflege, den Leiter Bildung und den Leiter Schulverwaltung führen, coachen, weiterentwickeln. Das ist weit mehr als nur Kommunikation.» Für diese Aufgabe bringe er mit seiner lebenslangen Führungserfahrung viel mit, findet David Sarasin.

«Ein Gemeindepräsident für alle»

Unschwer zu erraten, dass Patrick Dümmler am liebsten seinen Partei­kollegen als siebtes Mitglied im Gemeinderat als Vertreter der Schulpflege sähe. Die gute Laune des neuen Gemeindepräsidenten über sein eigenes Wahlresultat ist hörbar. Er spüre grosses Vertrauen der Wählerinnen und Wähler mit dem Erzielen der meisten Stimmen aller Gewählten. «Ich danke allen, die mich gewählt haben. Ich will versuchen, ein Gemeindepräsident für alle zu sein – auch für die, die mich nicht gewählt haben.» Es sei ihm wichtig, in den nächsten vier Jahren seinen Stil weiterzuführen, den man etwa vom partizipativen Prozess im Zollikerberg kenne.

Vier grosse Schwerpunkte macht er persönlich für die neue Legislatur aus. Erstens die grossen Entwicklungsprojekte im Berg und Dorf, zweitens zahlbaren Wohnraum für die Bevölkerung und altersgerechte Wohnungen, drittens die übergeordnete Verkehrspolitik mit dem Kanton, zu dem er auch den Fluglärm zählt, und viertens die Nachhaltigkeit mit dem Ziel Netto-Null bei gemeindeeigenen Liegenschaften. Sein Fazit der Wahl, die nur eine Veränderung im Gemeinderat mit sich brachte: «Ich denke, der bisherige Gemeinderat war grundsätzlich auf einem guten Weg.» Er kündet an, dass der Gemeinderat voraussichtlich im Herbst neue Schwerpunkte für die Legislatur 2026 bis 2030 beschliessen werde. «Dabei ist es nicht an mir, zu bestimmen – es wird das Ergebnis intensiver Diskussionen im Gemeinderat sein. Ich verstehe meine Rolle klar als Primus inter Pares.»

Der Zolliker Zumiker Bote wird demnächst über mögliche Schwerpunkte der neuen Legislatur berichten.

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