Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 20. März 2026

Während die Dampfschiffe um 1851 auf dem Zürichsee eine Ära des Fortschritts einläuteten, kämpften viele Familien im Schatten erster Villen und alter Weinberge ums Überleben. Unsere Gemeinde, bekannt für ihre herrliche Lage am See und wohlhabenden Bewohner, war im 19. Jahrhundert auch ein Ort sozialer Gegensätze. Die Landbevölkerung litt unter sinkenden Löhnen, Teuerung und Arbeitslosigkeit. Viele Tagelöhner, Handwerker, Seidenweberinnen und verwitwete Frauen fanden sich plötzlich am Existenzminimum wieder. Die traditionelle Armenpflege der Kirche und Gemeinde reichte nicht mehr aus. Wohlhabende Bürger schlossen sich zusammen, um zu helfen. Ihr Vorbild waren die erfolgreichen Armenvereine in Zürich und anderen Städten. Nicht nur der von Frauen gegründete weibliche Armenverein Zollikon prägte die Grundlagen für die moderne Sozialfürsorge mit. In dieser Zeit verabschiedete die Schweiz 1850 auch ihr erstes nationales Armengesetz, das «Bundesgesetz betreffend die Unterstützungspflicht der Heimatgemeinden». Es regelte die Verantwortung der Gemeinden für die Armenfürsorge und legte fest, dass die Heimatgemeinde (nicht der Wohnort) für die Unterstützung ihrer bedürftigen Bürgerinnen und Bürger zuständig war. Ein wichtiger Schritt zur Vereinheitlichung der Armenpflege, der aber in der Praxis oft unzureichend umgesetzt und später durch modernere Sozialgesetze abgelöst wurde.
Die Armenvereine organisierten regelmässige Hausbesuche, um Bedürftige zu identifizieren und zu beraten. Sie stellten Strickwaren, Nahrungsmittel- und Brennholzlieferungen für Familien in akuter Not zur Verfügung oder halfen bei der Arbeitsvermittlung und unterstützten bei der Suche nach einer Anstellung. Auch das Bildungsangebot, etwa Nähkurse für Frauen, um ihnen ein eigenes Einkommen zu ermöglichen, fehlte nicht. Doch die Hilfe hatte ihren Preis: Wer Unterstützung erhielt, musste sich an strenge Regeln halten. «Wer bettelt, statt zu arbeiten, erhält nichts», hiess die Devise. Die Vereine trennten strikt zwischen «würdigen» und «unwürdigen» Armen, eine Haltung, die heute befremdet, damals aber als fortschrittlich galt.
Besonders engagiert waren die Frauen von Zollikon. Um 1851 brauchte es dafür mutige Frauen, denn die Gesellschaft war das «selbstständige Hervortun von Frauen» noch nicht gewohnt. Die erste Vorsteherin des Zolliker Armenvereins war Fräulein Hirzel aus dem Trubenberg. Die Vereinsadresse war das Pfarrhaus. In der Jahresrechnung figuriert ein Jahresbeitrag von vier bis fünf Franken für die neun aktiven und dreizehn passiven Mitglieder. Zudem sind Legate von 500 und 100 Franken sowie eine Schenkung eines Unbekannten über 20 Franken aufgeführt. Sie sammelten Spenden, strickten Kleidung aller Art, organisierten Suppenküchen und kümmerten sich um Waisen und Kranke. Die Frauen brachten nicht nur Geld, sondern auch Mitgefühl in ein System, das oft kalt und bürokratisch war. Der Verein war ein Spiegel seiner Zeit: Einerseits half er, die schlimmste Not zu lindern. Andererseits kontrollierten die Vorstände genau, wer Unterstützung erhielt und wer nicht. Armut galt als moralisches Versagen, und wer sich nicht «bessern» wollte, wurde ausgeschlossen. Dennoch war der Verein für viele Zolliker Familien überlebenswichtig.
Wie aus einem Protokoll zu erfahren ist, wurde der weibliche Armenverein ab 1907 im Tätigkeitsbericht als Frauenverein Zollikon bezeichnet. Während der beiden Weltkriege erwuchsen ihm neue Aufgaben. Im Ersten Weltkrieg gab es, im Gegensatz zum Zweiten, noch keine Verdienstersatzordnung, was zusätzlich Not und Armut mit sich brachte. Zurückbleibende Frauen wussten kaum, wie sie ihre Familien ernähren sollten. So sah sich der Gemeinderat in Zusammenarbeit mit dem Frauenverein genötigt, eine Suppenküche im Sekundarschulhaus einzurichten. Zwischen Ende November 1914 und dem 1. Mai 1915 kochten die Frauen täglich 120 Liter Suppe. Davon waren 40 Liter für Bedürftige vom Zollikerberg bestimmt. Ein Liter Suppe kostete zur damaligen Zeit zwischen 10 und 20 Rappen. Auch eine Tuberkulosekommission führte der Verein zu dieser Zeit, die zwischen 1924 und 1950 besonders gebraucht wurde; Protokollnotizen vermitteln ein erschütterndes Bild von der Not, die diese langwierige, ansteckende Krankheit in viele Familien brachte. Die Lage besserte sich erst allmählich ab 1944 mit der Entdeckung des Streptomycins. Ab 1945 wurde geimpft. Zur Stärkung der Kranken verteilte der Frauenverein Hunderte von Ovomaltine-Büchsen. Bis 1965 wurden noch 57 Büchsen jährlich verteilt, mit den Besuchen wurde der wichtige Kontakt zu den Betroffenen aufrechterhalten.

Wenn die amtierende Präsidentin des Frauenvereins, Marie-Madeleine Matter, über die Geschichte und Gegenwart ihres Vereins spricht, strahlt sie und hat auch eine klare Vision: «Ich bin stolz, Präsidentin dieses Vereins zu sein, und nein, der Verein ist kein alter Zopf!» 175 Jahre nach der Gründung des Armenvereins, der einst Frauen und Familien in Not unterstützte, ist diese Haltung Programm. «Was meine Vorgängerinnen über all die Jahrzehnte für diese Gemeinde geleistet haben, verdient grössten Respekt», betont sie. «Ehrenamtlich, mit Herzblut und oft unter schwierigen Bedingungen haben sie denen geholfen, die am Rande der Gesellschaft standen. Das beeindruckt mich tief.» Besonders am Herzen liegt ihr die einzigartige Dynamik des reinen Frauenvereins: «Es ist etwas ganz Besonderes, wenn Frauen unter sich sind», sagt sie lächelnd. «Hier gibt es keine Konkurrenz, wir tauschen uns aus, erzählen, lachen und vor allem, wir hören einander zu.»
Noch vor über zehn Jahren brachten Marie-Madeleine Matter und ihre Vorstandskolleginnen den Batzen den Bedürftigen der Gemeinde persönlich nach Hause. Ein schöner Moment des Austauschs, oft bei einer Tasse Kaffee, die stets gerne erwartet wurde. Heute ist so etwas aus Datenschutzgründen nicht mehr möglich. Der Frauenverein pflegt eine gute Beziehung zum Sozialdienst Zollikon. Deshalb überweist er nun anonym Beträge für eine Zahnarztrechnung, den Mittagstisch, eine Weiterbildung oder anderes. Die Not ist unsichtbar geworden. «Wir vom Vorstand schenken dem Frauenverein viel Zeit, durchschnittlich rund 800 Stunden pro Jahr. Und diese Zeit ist uns jede Mühe wert.» Doch die Präsidentin Marie-Madeleine Matter denkt nicht nur an die Vergangenheit. Ihr Anliegen ist es, den Verein fit für die nächsten Generationen zu machen: «Mit dem Respekt vor dem, was war, möchte ich, dass dieser Verein auch in Zukunft aktiv bleibt.» Dafür setzt sie weiterhin auf soziale Kontakte, ohne die bewährten Werte zu vergessen. «Wir sind kein Relikt aus vergangenen Zeiten, sondern eine Gemeinschaft, die sich weiterentwickelt.» Ob durch regelmässige Treffen, Besichtigungen und Ausstellungen, der Frauenverein soll auch in den kommenden Jahren ein Ort der Begegnung und des Engagements bleiben.

Alle bisherigen Präsidentinnen des Armen- und des Frauenvereins Zollikon:
Fräulein Hirzel aus dem Trubenberg
Frau Hauser war Präsidentin des weiblichen Armenvereins bis zu ihrem Todesjahr 1917
Umbenennung in Frauenverein 1907
Emma Spinner-Borsari (1917–1934)
Fräulein Hauser (Tochter von Frau Hauser) (1934–1947)
Hanna Bremi-Sennhauser; 44 Jahre im Vorstand (1947–1965)
Anni Schäppi-Wysling (1965–1973)
Ursi Hildbrand (1973–1978)
Theres Daenzer (1978–1983)
Ursi Luder (1983–1991)
Madeleine Brunner (1991–2000)
Regula Fuchs (2000–2008)
Helen Wietlisbach (2008–2016)
Jenny Bretschger (2016–2019)
Marie-Madeleine Matter-Bund (2016 bis heute)
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