Von Dominique Pierre Lüthi ‒ 2. April 2026

Es ist kalt, windig, es regnet in Strömen. Umso schöner, als sich die Türen des Feuerwehrgebäudes in Zumikon öffnen. Kaum eingetreten, verändert sich die Stimmung: draussen das raue Wetter, drinnen eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Es ist die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Im grosszügigen Besprechungsraum im ersten Stock warten bereits die Vertreter der Forchbahn AG, von Schutz und Rettung Zürich sowie der Kantonspolizei Zürich. Gleich werden sie in das Szenario einführen. Dieses hat es in sich.
Starke Rauchentwicklung im Tunnel. Züge müssen anhalten. Passagiere sind gestürzt, verletzt oder klagen über Atemprobleme. Gleichzeitig befinden sich wegen Bauarbeiten Arbeiter im Tunnel. Es ist unklar, wie viele Menschen sich insgesamt darin aufhalten. Das ist die Ausgangslage. Schnell wird klar: Diese Übung wird komplex. Was die Situation zusätzlich besonders macht: Die Einsatzkräfte wissen nur wenig. Keine Details, keine vorbereiteten Abläufe. Genau das ist gewollt. Es soll eine möglichst realistische Situation entstehen, erklären die Verantwortlichen. Niemand weiss, wohin die Menschen gehen werden – zu welchem Ausgang, zu welchem Ende des Tunnels, wer verletzt ist und wer nicht. Genau darin liegt die Herausforderung. Darum sei es wichtig, dass eng mit den Partnerorganisationen zusammengearbeitet wird. Oberste Priorität haben die Evakuierung, die Sicherung im Tunnel sowie die Lokalisierung und Versorgung der Menschen. Zwischen der Station Waltikon und Maiacher ist das besonders anspruchsvoll: Der Tunnel ist sehr lang und die Station Zumikon liegt dazwischen. Bei jedem Ausgang muss ein Rettungsfahrzeug bereitstehen, da überall Menschen austreten könnten. Zum Schluss der Besprechung wird nochmals betont, wie wichtig es ist, solche Übungen ernsthaft durchzuführen.
Noch immer im Feuerwehrgebäude Zumikon, auf der gleichen Etage, in einem Raum nebenan: Dort befindet sich die sogenannte K-Stelle, die Koordinationszentrale. Personal der Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und der Forchbahn sitzen an einem Tisch und koordinieren den Einsatz, an dem rund 180 Einsatzkräfte teilnehmen werden. Auf dem Tisch liegen Notizen, Funkgeräte und Einsatzpläne. «Ich bin nicht nervös», sagt Ueli Hell von der Kantonspolizei mit einem Lächeln. «Ich habe es besser als die anderen. Ich darf hier im Trockenen sitzen und kenne das Drehbuch.» Das sagt viel darüber aus, was draussen noch folgen wird. Auf die Frage, wie der Einsatz ablaufen soll, antwortet er knapp: «Stellen Sie sich ein Zahnrad vor, alles muss ineinandergreifen.»
Am Depot Kaltenstein direkt bei der Forchbahnstation entsteht eine fast absurde Szenerie: Zwischen Grillstand und Bratwurstduft stehen rund 40 Figurantinnen und Figuranten, einige mit geschminkten Verletzungen. Trotzdem ist die Stimmung gelöst. Ein Figurant erklärt vor der Übung seine Rolle: «Ich muss in den Zug sitzen und mich über Kopfschmerzen beklagen.» Eine knappe halbe Stunde später verlagert sich das Geschehen an die Gleise. In wenigen Minuten fährt der letzte reguläre Zug. Die Strecke zwischen Forch und Waltikon wird für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Für die Fahrgäste stehen Ersatzbusse bereit. Nun gehört die Bahnlinie der Übung. Die Figurantinnen und Figuranten werden in die Züge begleitet und steigen ein. Der Zug fährt los in Richtung Zumikon und verschwindet im Tunnel.
Draussen wird der Schnee immer stärker. Es stehen Einsatzleitungsfahrzeuge der Polizei sowie von Schutz und Rettung an der Dorfstrasse. Durch die Fenster sind Einsatzkräfte zu sehen, die sich bewegen, koordinieren und miteinander sprechen. Kurz darauf: Rauchentwicklung bei der Forchbahnstation Zumikon. Aus dem Treppenaufgang quillt dichter Rauch. Zwei Feuerwehrleute sichern den Zugang. Auf dem Dorfplatz steht ein Löschfahrzeug, mehrere Feuerwehrleute sind im Einsatz. Zwei verletzte Figuranten beobachten die Szene. Bei der Station Waltikon sollen die übrigen Personen aus dem dunklen Tunnel kommen. Die Notbeleuchtung im Tunnel ist inzwischen eingeschaltet und sorgt für etwas Orientierung. Dann kommt die Meldung über Funk, auf die an diesem Abend alle gewartet haben: Rauch im Forchbahntunnel zwischen Zumikon und Maiacher. Plötzlich geht alles schnell. Innerhalb weniger Minuten treffen die ersten Einsatzkräfte ein. Mehrere Fahrzeuge erscheinen am Kreisel Waltikon und fahren vor. Da bei einer Übung bewusst auf Blaulicht und Sirene verzichtet wird, um die Verkehrsteilnehmer und Anwohner nicht zu verunsichern, wirkt die Situation merkwürdig ruhig. Denn trotz der vielen Einsatzkräfte, des Verkehrs und des stürmischen Wetters liegt eine Stille über allem, die man von so einem Einsatz nicht erwarten würde. Kaum sind die ersten Kräfte vor Ort, wird ihnen klar gemacht: Im Tunnel brennt es, und es befinden sich Menschen darin. Der Strom wird abgeschaltet, die Feuerwehrleute machen sich bereit und verschwinden kurz darauf im Tunnel. Zuerst muss dieser gesichert werden, bevor die Verletzten in Sicherheit gebracht werden können. Draussen richten sich die Sanitäter ein. Fahrzeugtüren öffnen sich, provisorische Einsatzzentralen entstehen. Die Polizei beginnt, das Gebiet mit Absperrbändern zu sichern. Für Aussenstehende wirkt das Geschehen zunehmend unübersichtlich. Die Blicke richten sich immer wieder in den Tunnel: Was passiert dort?
Irgendwann erscheinen sie endlich – die Passagiere. Sie treten aus dem Tunnel ins Freie. Die Sanitäter empfangen sie und stellen Fragen. Mit jeder Minute werden es mehr. Die meisten können gehen, aber nicht alle. Kurz darauf verschwindet ein kleines Schienenfahrzeug im Tunnel, das von einem Feuerwehrmann angeschoben wird. «Darauf können die Verletzten transportiert werden», erklärt einer der Einsatzkräfte. Wenig später werden die ersten Verletzten herausgebracht. Sie werden auf Tragen gelegt und in Decken gehüllt. Die Einsatzleiter stehen zusammen, diskutieren, geben Befehle. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Immer wieder wird der Regen stärker und geht sogar in Hagel über. «Kälte, Nässe und Wind sind eine zusätzliche Belastung, körperlich wie mental», sind sich die Einsatzkräfte einig. Im Tunnel selbst wäre die Situation in einem Ernstfall noch drastischer: dichter Rauch, kaum Sicht. Die Einsatzkräfte müssten sich mit Stöcken vorantasten und am Boden nach Verletzten suchen. Da unklar ist, wie viele Menschen sich im Tunnel befinden, kann sich ein solcher Einsatz über Stunden hinziehen.
Gegen 21 Uhr ist die Übung beendet. Alle Verletzten sind versorgt und die Strecke wieder frei. Ganz reibungslos verlief der Einsatz nicht. Vor allem bei der Kommunikation zeigten sich Schwierigkeiten. Zeitweise war unklar, wo die Patienten genau versorgt werden sollten. Ein Figurant erzählt nach der Übung: «Es war kalt im Tunnel. Ich bin über 40 Minuten drinnen gesessen.» Trotzdem fällt das Fazit vor den Medien positiv aus. Die Übung sei gelungen, die Verantwortlichen zeigen sich zufrieden mit dem Einsatz und der Zusammenarbeit. Im Anschluss folgen eine detaillierte Übungsanalyse und ein Schlussbericht. Ziel ist es, Verbesserungspotenzial zu erkennen und Abläufe sowie Absprachen weiter zu optimieren. Langsam kehrt Ruhe ein. Die Absperrbänderstehen noch, doch die Anspannung weicht aus den Gesichtern. Erleichterung macht sich breit. Die Übung zeigte, wie komplex ein solcher Einsatz ist und wie entscheidend das Zusammenspiel aller Beteiligten. Denn im Ernstfall gibt es kein Drehbuch. Nur Menschen, die sich aufeinander verlassen müssen. Und genau dafür wird geübt.































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