Von Brigitte Selden ‒ 2. April 2026

Wer Jasmine Vollmer begegnet, trifft auf eine Frau, die Musik nicht nur spielt, sondern lebt. Ihre Welt besteht aus Saiten und Pfeifen, aus Sprachen und Geschichten, aus Humor und einer ansteckenden Offenheit. Dass sie eines Tages als Kirchenmusikerin in Zollikon Wurzeln schlagen würde, war zwar nicht geplant – doch rückblickend wirkt ihr Weg dorthin wie die logische Konsequenz ihrer vielfältigen Leidenschaften. «Ich bin eine Schwäbele», sagt sie lachend, und sofort klingt der weiche süddeutsche Tonfall durch. Geboren in Ulm und aufgewachsen in einer Pfarrer- und Kirchenmusikerfamilie, war Musik für Jasmine Vollmer nie bloss ein Unterrichtsfach, sondern Lebensraum. Blockflöte, Geige, Klavier – der klassische Dreiklang. Doch ihr Herz schlug früh für ein Instrument, das in der Familie zunächst als unpraktisch galt: die Harfe. «Zu gross, zu teuer», hiess es. Doch Jasmine Vollmer liess sich nicht beirren. Bereits mit zwölf Jahren sass sie im Krankenhaus ihrer Heimatstadt an der Orgel und begleitete jeden Sonntag zwei Gottesdienste. Das Honorar floss direkt in ihren Traum. «Ich habe mir die Harfe indirekt selbst finanziert», erinnert sie sich schmunzelnd an ihre frühe Hartnäckigkeit.
Mit 16 Jahren kam sie erstmals in die Westschweiz, angetrieben vom Wunsch, Harfe zu studieren. Zunächst siegte jedoch die Vernunft: Sie absolvierte das Abitur in Deutschland, um kurz darauf endgültig in die Romandie zu ziehen. In Lausanne absolvierte sie ihr Studium und fand in der französischen Schweiz für zehn Jahre eine zweite Heimat. Zu jener Zeit spielte Jasmine Vollmer in nahezu allen professionellen Orchestern des Landes. «Nur bei der Svizzera Italiana nicht – da war irgendwie ein Graben, über den ich nie gekommen bin», lacht sie. Die passionierte Kirchenmusikerin unterrichtete, spielte freiberuflich und blieb trotz der Orchesterkarriere der Orgel stets verbunden. Der Rat einer Freundin – «hier gibt es mehr Arbeit» – führte sie schliesslich in die Deutschschweiz. In Zürich öffneten sich neue Türen. Zwanzig Jahre lang spielte die Musikerin regelmässig im Orchestergraben des Opernhauses Zürich, übernahm Zeitverträge als Solo-Harfenistin in Biel, Basel und anderen Städten. Mit der Zeit verspürte sie jedoch einen Mangel: «Im Orchester oder auf der Bühne hatte ich keinen direkten Kontakt zum Publikum. Mir fehlte das unmittelbare kreative Miteinander mit den Menschen.»
Die Rückkehr zur Kirchenmusik war somit ein konsequenter Schritt. An der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte Jasmine Vollmer den Master in Kirchenmusik und Orgel beim Organisten des Grossmünsters. Die Harfe blieb dabei ihre treue Begleiterin: «Ich sage im Scherz oft, ich sei die einzige Kirchenharfenistin.» Tatsächlich entdeckte sie später historische Vorbilder: Im barocken Spanien gab es Organisten, die von Amtes wegen auch Harfe spielen mussten. Bereits während des Studiums war Jasmine Vollmer in der reformierten Kirche in Saatlen-Schwamendingen fest angestellt. Seit gut zehn Jahren wirkt sie nun in Zollikon und wusste vom ersten Tag an: «Das ist meine Stelle. Hier bin ich zu Hause.» Obwohl sie nicht im Dorf wohnt, sind Zollikon, Zumikon und der Zollikerberg für sie zu einem wesentlichen Lebensraum geworden. Wer nun glaubt, Kirchenmusik sei ein enges Feld, wird eines Besseren belehrt. «Wir spielen alles», sagt die Musikerin, deren Repertoire vom ältesten Lied des Gesangbuchs aus dem 9. Jahrhundert bis zu Pop, Jazz und Volksmusik reicht. Besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit den Menschen: Alljährlich leitet sie mit Begeisterung das Chorprojekt mit rund 70 Projektsängerinnen und Sängern, Solisten und Orchester. Sie singt mit den Kleinsten im «Singe mit de Chliine», mit Kindern im Tageslager und Weihnachtsspiel und mit Senioren im Format «Sing-Café». «Da muss man nicht singen können», lacht sie, «man muss Kaffee trinken können.» Ob in den Altersheimen Blumenrain, Rebwies und Tertianum oder in Zumikon – Jasmine Vollmer ist dort, wo das Leben spielt. Mit ihrer Ankunft begann auch eine neue kulturelle Entwicklung, die heute das Dorfleben prägt. Neben Chilbi- und Palmsonntagskonzerten etablierte Jasmine Vollmer die «Feierabend-Musik» in Zumikon. Was während der Pandemie als kleines Angebot begann, ist heute eine Institution: Alle zwei Wochen, donnerstags um 18 Uhr, lockt sie durchschnittlich 72 Personen in die Kirche. Dabei bringt die Kirchenmusikerin ehemalige Orchesterkollegen, Jazzer oder sogar Tänzerinnen auf die Bühne. «Ich kann hier wunderbar kreativ sein», sagt sie.
Auch ihr Privatleben ist von Musik durchdrungen. Ihr Sohn (22), heute Student der Biochemie, spielt Posaune im ETH-Orchester. Dass er kein Profimusiker wurde, begründete er als Teenager trocken: «Papa und Mama üben einfach immer.» Für seine Mutter ist das völlig in Ordnung: «Es ist wichtig, dass er seinen eigenen Weg findet.»
Neben der Musik pflegt sie eine zweite grosse Leidenschaft: Sprachen. Am Opernhaus, wo 80 Nationen vertreten sind, war sie in ihrem Element. «Ich wollte mich mit meinen Kollegen in deren Sprache unterhalten können», erzählt sie. Das Ergebnis: Jasmine Vollmer spricht heute 20 Sprachen fliessend, weitere beherrscht sie in Ansätzen. «Mein Sohn sagt immer, das entwickle sich exponentiell.» Für sie ist Sprache Musik: «Man muss die Melodie aufnehmen, um die Mentalität der Menschen wirklich zu verstehen.» So lernte sie etwa Russisch, um Tolstoi im Original zu lesen: «Übersetzungen sind für mich immer ein Kompromiss.» Ihr zweites Steckenpferd ist der Humor, den sie als philosophische Hochform bezeichnet. Ein Alltag ohne Witze wäre für sie undenkbar: «Was da an Lebensweisheit drinsteckt, finde ich faszinierend.» So bleibt am Ende der Eindruck einer Frau, die als Musikerin, Sprachliebhaberin und Humoristin Brücken schlägt – zwischen Generationen, Kulturen und Klangwelten. In der reformierten Kirche Zollikon-Zumikon hat Jasmine Vollmer einen Ort gefunden, an dem all ihre Talente zusammenfliessen.
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