Von Martina Gradmann ‒ 10. April 2026

«Sie sehen gar nicht aus wie ein Fechtlehrer», sagt ein Teilnehmer des nachfolgenden «Turnen für alle» zu René Bührer. Der schmunzelt nur und fragt zurück, wie ein Fechtlehrer denn auszusehen habe. Mit seinem dichten, weissen Vollbart und den buschigen Augenbrauen assoziiert man ihn vielleicht tatsächlich eher mit einer anderen Sportart als dem Fechten. Dieses betreibt er allerdings seit seiner Jugend; er war Inhaber einer Fechtschule und unterrichtet Kinder und Jugendliche seit über 50 Jahren im Freizeitdienst Zollikon in dem eleganten Sport. Gewechselt haben während dieser Zeit nur die Lokalitäten. «Wir haben zuerst in der Turnhalle der Primarschule Zollikon, dann in der Turnhalle des Spitals Neumünster Zollikerberg, im Schwingkeller Zollikon und dann in der Turnhalle des Schwimmbads Fohrbach trainiert. Wegen des Umbaus sind wir jetzt hier in der Turnhalle im Zollikerberg und haben wegen des Platzmangels nur noch zwei Lektionen pro Woche, statt bisher vier», erzählt Bührer. Der Beliebtheit des Fechtens tut das keinen Abbruch. Vier Mädchen und vier Jungen stehen sich in Fechtkleidung gegenüber, begrüssen sich mit «En garde, êtes-vous prêts?» und machen bei «allez» Ausfallschritte aufeinander zu und versuchen, das Gegenüber mit den Floretten zu treffen. «Wir fechten mit dem Florett, dem Degen oder dem Säbel», erklärt der 14-jährige Paul Ammann, der seit sieben Jahren bei René Bührer Fechtunterricht nimmt. «Mir gefällt eigentlich der Säbel am besten, der hat so einen Mittelalter-Style», verrät der Jugendliche, bevor er professionell berichtet, wie das Fechten funktioniert. Er bedauert den Weggang seines Fechtlehrers sehr. Er habe mit seiner lockeren Art dazu beigetragen, aus Einzelkämpfern ein Team zu formen.
René Bührer wuchs in Zollikon auf und spielte als Jugendlicher zuerst Fussball. Fussballer wollte er aber nicht werden, und so begann er als 19-Jähriger mit dem Fechten. Er trat dem Fechtclub Zürich bei, assistierte schon bald dem damaligen Fechtlehrer und machte die Ausbildung zum Fechtlehrer. Die beiden lösten sich vom Verein und begannen, selbst Unterricht zu geben, René Bührer auch im Freizeitdienst Zollikon. Ein eigener Fechtclub in Baden kam dazu, ab dann konnten Zolliker Jugendliche, die weitermachen wollten, sich im Badener Fechtclub fortbilden. «Die Jugendlichen konnten von dort an Fechtturnieren und auch an der Schweizermeisterschaft teilnehmen», erzählt der bald 75-Jährige. Er selbst habe früher auch an Turnieren teilgenommen, sein Talent liege aber eher beim Unterrichten. «Der Kampfgeist gehört zum Fechten, ist aber nicht so mein Ding», lacht er. Bei den Zolliker Fechtkursen seien Turniere nicht das Hauptziel, obwohl Zolliker Jugendliche auch schon Medaillen an Schweizermeisterschaften gewonnen hätten. In seinen jetzigen Kursen zähle mehr die Freude am Sport und das Spielerische. Wie Paul bevorzugt auch René Bührer den Säbel zum Fechten. Mit diesem habe man vor den elektronischen Kämpfen das Duell mit schauspielerischen Fähigkeiten unterstützen können. Spannend sei damals auch das Unterrichten an der Schauspielakademie gewesen. Mit dem Säbel gehe es Schlag auf Schlag, auch das Hauen sei erlaubt. Heute sei alles viel technischer und strikter geregelt.
Man spürt René Bührers Feuer für den Fechtsport. Sein Engagement beim Freizeitdienst hat er nicht ganz freiwillig aufgegeben. «Zollikon hat ein neues Arbeitsreglement, in dem festgehalten ist, dass man ab 70 Jahren keinen Unterricht mehr geben darf», sagt er. Den bereits angestellten über 70-Jährigen wurden noch zwei zusätzliche Jahre gewährt, doch weil er Ende März 75 werde, sei das jetzt die Deadline. Wenig Verständnis für diesen Entscheid hatten seine Schülerinnen, Schüler und ihre Eltern, die sogar eine Eingabe bei der Gemeinde machten. René Bührer habe einen sehr guten Umgang mit den Jugendlichen gepflegt, sagt ein Vater. «Ja, vielleicht habe ich ein gewisses Talent, auch mit aufmüpfigen, pubertierenden Jugendlichen eine Beziehung aufzubauen.» Auch Kinder, die sich anfangs nichts zugetraut hätten, seien durch das Fechten selbstständiger geworden und hätten sich mehr Selbstbewusstsein angeeignet. Genützt hatte die Eingabe allerdings wenig; Ende März gingen seine Lektionen zu Ende, was für René Bührer jetzt in Ordnung ist.
Ursprünglich wollte der Zolliker Medizin studieren, machte zuerst aber eine Lehre als medizinischer Laborant und wollte auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nachholen. Nach zwei Semestern habe er allerdings aufgegeben. «Ich war jung, es waren die 1968er-Jahre, ich wollte auch leben», lacht er. Trotzdem absolvierte er die Panzergrenadier-Rekrutenschule, wollte General werden, bis er realisierte, dass das Militär wohl doch nichts für ihn sei. Künstler war sein nächstes Ziel, er absolvierte zwei Semester an der F+F Kunst- und Gestaltungsschule, doch fehlte ihm dort das innere Feuer. Das Fechten war die beste Alternative. Er arbeitete morgens in der Toxikologie des Unispitals, am Nachmittag gab er Fechtunterricht. Während dieser Zeit lernte er seine finnische Frau kennen, mit der er noch immer verheiratet ist, obwohl sie getrennt leben. «Unsere Tochter lebt heute mit ihren vier Kindern im Rheintal. Ich hoffe, dass ich sie jetzt vielleicht häufiger sehe.» Wie schnell das Leben zu Ende sein kann und wie wichtig familiäre Banden sind, sei ihm durch die Krebserkrankung seines Bruders bewusst geworden. Diese Banden will er vermehrt pflegen, aber auch mehr Zeit in seinem Blockhaus in Finnland verbringen, mit dem Boot rausfahren und die Angelrute auswerfen. Auch ins Tessin will er öfter fahren, wo er das Haus eines Bekannten mitbenutzt. «Ich hatte – auch durch das Fechten – eine sehr gute Zeit und bin froh, dass es jetzt für meine Schülerinnen und Schüler weitergeht.»
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