Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 10. April 2026

Hamida Aman gründete ein halbes Jahr vor der Machtübernahme der Taliban 2021 Radio Begum. In Kabul geboren und aufgewachsen in Lausanne, lebt sie heute zwischen Paris und Kabul. Mittlerweile betreibt sie für die Begum Organization for Women (BOW) mit 120 Journalistinnen in beiden Städten nicht nur das Radio, sondern auch Begum TV und die Begum Academy. Zusammen mit ihrem Team fand sie Wege, die drastischen Einschränkungen für Frauen zu umgehen. Im Interview spricht sie über deren aktuelle Situation in Afghanistan.
Hamida Aman, Sie haben die Begum Organization for Women (BOW), Radio Begum, Begum TV und die Begum Academy gegründet. Was hat Sie zu diesem Projekt bewegt?
Der entscheidende Moment waren die Doha-Gespräche 2020 zwischen der Trump-Regierung und den Taliban. Schnell wurde deutlich, dass dieses Abkommen das Gleichgewicht des Landes grundlegend verändern würde. Die Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre, insbesondere der Zugang von Mädchen zur Bildung, waren unmittelbar bedroht. Also habe ich die Begum Organization for Women mit einem konkreten Ziel gegründet: Werkzeuge zu schaffen, um sich auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. 2021 begannen wir mit Radio Begum, einem Radio von Frauen für Frauen, das Afghaninnen begleitet, informiert und ihnen vor allem eine Stimme gibt – einen Raum des Widerstands, noch bevor das Schlimmste eintrat. Anschliessend entwickelten wir die Begum Academy und Begum TV, um ein Ökosystem zu schaffen, das Mädchen und Frauen Bildungsressourcen bietet.
Was bedeutet der Name «Begum»?
Er ist sowohl kulturell als auch zutiefst persönlich. Es ist der Vorname meiner Grossmutter – eine starke, mutige Frau, die es schaffte, ihren Platz in einer Gesellschaft zu behaupten, in der Frauen oft zum Schweigen gebracht wurden. Gleichzeitig ist «Begum» in Zentralasien ein Ehrentitel, vergleichbar mit dem englischen «Lady»: Er steht für die Würde einer Frau und den Respekt, der ihr in der Gesellschaft zusteht. Jede Initiative, die wir starten, soll afghanischen Frauen diese Würde, diese Stimme und diesen Platz zurückgeben, der ihnen zusteht.
Sie sagten einmal: «Jeder Morgen ist ein kleines Wunder, dass wir noch da sind.» Wie schaffen Sie es, Ihre Projekte trotz ständiger Bedrohungen am Leben zu halten?
In Afghanistan zu arbeiten ist eine tägliche Herausforderung. Jede Entscheidung muss nicht nur die Wirkung unserer Projekte berücksichtigen, sondern auch die Sicherheit jedes Teammitglieds. Wir haben einen mehrgleisigen Ansatz. Zunächst diversifizieren wir unsere Verbreitungskanäle und Plattformen, damit Bildung und Information auch dann zugänglich bleiben, wenn einzelne Kanäle blockiert werden. So ermöglichen wir Zugang über Radio, online und via Satellit und sind gleichzeitig vor Ort präsent.
Die Begum Academy bietet mehr als 8000 Lehrvideos und erreicht damit Frauen ohne Zugang zu Bildung. Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Bildungsinitiativen?
Bei der Begum Academy sind mehr als 20 000 Mädchen eingeschrieben, und über 8000 weitere greifen über informelle Schulen auf unsere Inhalte zu. Täglich senden wir sechs Stunden Programme. 54 Prozent der afghanischen Haushalte haben Zugang zu Satellitenfernsehen – potenziell können uns also etwa 21 Millionen Menschen sehen, darunter 2,7 Millionen Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren. Die Wirkung ist also enorm. Doch über Zahlen hinaus sind es die Geschichten der Mädchen, die zählen. Farahat, 12 Jahre alt, schrieb uns: «Die Begum Academy ist ein Ort, den ich jeden Tag mit Hoffnung betrete. Hier baue ich meinen Traum von einer besseren Zukunft. Es ist mein zweites Zuhause, wo Träume Wirklichkeit werden und Hoffnungen fliegen.» Muqadasa, 14 Jahre alt, träumt davon, Ärztin zu werden. Sie kämpft dafür, besonders seit sie erlebt hat, wie ein Kind wegen Armut keine Behandlung erhielt. Jeden Tag folgt sie den Kursen der Begum Academy, um eines Tages ihrem Land helfen zu können.
Wie reagieren die Taliban auf Ihre Arbeit, insbesondere seit Ihre Programme aus dem Ausland ausgestrahlt werden?
Wir behandeln keine politischen Themen. Unser Radio ist in Afghanistan registriert und genehmigt, sodass wir legal senden können. Das Fernsehen wird hingegen aus Paris ausgestrahlt, worauf die afghanischen Behörden keinen Einfluss haben.
Sie haben gesagt: «Kein Regime in Afghanistan hält ewig.» Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft des Landes aus?
Ich habe immer die Hoffnung behalten, dass es eine Zukunft geben wird, in der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit existieren können. Für mich müssen Frauen im Zentrum dieses Wiederaufbaus stehen. Sie sind Trägerinnen von Wissen, Innovation und Widerstandskraft. Afghanische Frauen zeigen, dass sie bereit sind, aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen – in Bildung, Gesundheit, Wirtschaft und Politik. Meine Hoffnung ist, dass jedes Mädchen grenzenlos träumen kann, jede Frau über ihr Leben selbst entscheiden darf und unsere Generation ein Afghanistan aufbauen kann, in dem Gleichberechtigung Realität ist.
Welche Art Unterstützung benötigen Afghaninnen am dringendsten?
Internationale Solidarität ist für unsere Arbeit absolut entscheidend. Die Unterstützung von Organisationen wie Fondation Next ermöglicht es uns, unsere Bildungsprogramme fortzuführen, die Sicherheit unserer Teams zu stärken und unsere Wirkung auszuweiten. Ohne diese Unterstützung wäre es nahezu unmöglich, unsere Initiativen aufrechtzuerhalten.
Wenn Sie eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft richten könnten: Was sollten die Menschen über die Situation afghanischer Frauen wissen?
Die Situation afghanischer Frauen ist fragil. Sie sind von Bildung, Bewegungsfreiheit und Meinungsäusserung ausgeschlossen. Doch sie sind nicht passiv: Sie leisten Widerstand, finden Lösungen, lernen, unterstützen sich gegenseitig und träumen von einer besseren Zukunft. Die internationale Gemeinschaft kann sie konkret unterstützen, indem sie lokale Initiativen stärkt und den Zugang zu Bildung und Möglichkeiten sichert. Es geht nicht nur um materielle Hilfe – sondern auch darum zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind.
Weitere Informationen: www.begum.ngo
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.