Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 17. April 2026

Anhand von Beispielen aus Zollikon zeigte Jacqueline Reber auf, wie Flurnamen als «Sprache der Landschaft» historische Zusammenhänge, die kulturelle Identität einer Region und sogar ökologische Hinweise bewahren. Die Expertin auf dem Gebiet der Orts- und Flurnamenforschung leitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement Sprach- und Literaturwissenschaft bis letzten Monat die Forschungsstelle für das Solothurner Namenbuch und war massgeblich an der Dokumentation und Deutung von Flurnamen in der Nordwestschweiz beteiligt. Ihre Arbeit umfasste sowohl die Sammlung und historische Einordnung als auch die etymologische Deutung von Orts- und Flurnamen.
«Die Erforschung der Örtlichkeits- und Flurnamen hat in der Schweiz eine lange Tradition», sagt die Expertin. Damit verbunden sind die Mehrsprachigkeit, die reiche Geschichte der letzten Jahrtausende sowie die vielfältige Geografie und Topografie. Diese Faktoren haben zu interessanten Namensbildungen in allen Regionen der Schweiz geführt. Die wissenschaftliche Flurnamenforschung wird kantonsweise betrieben. Flurnamen sind Bestandteil des immateriellen Kulturerbes und bewahren historisches Wissen. Sie stärken die lokale Identität, da sie von den Einheimischen zur örtlichen Orientierung genutzt werden. Zudem geben sie Hinweise auf die Beschaffenheit des Geländes: Namen mit Bezug zu Wasser deuten oft auf feuchte oder sumpfige Gebiete hin, andere auf instabile Böden oder Hangrutschungen. Flurnamen erzählen somit nicht nur von geografischen Gegebenheiten, sondern auch von Geschichten. Jacqueline Reber betont, dass das Verständnis dieser Namen nicht nur für die Linguistik, sondern auch für die Raumplanung und den Umweltschutz von grosser Bedeutung ist. «Flurnamen können als eine Art ‹Lesetext› der Landschaft verstanden werden, welche wiederum durch die Sprache codiert wird. Wer die Flurnamen versteht, kann die Landschaft gewissermassen lesen», folgert sie. Das Ziel der gesamtschweizerischen Forschung ist es, alle Flurnamendaten zu sammeln, auf der Website ortsnamen.ch zu speichern und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
In Zollikon existieren laut der Website 286 Flurnamen, in Zumikon 184. Zu sehen sind nicht nur die Orte, sondern, wenn erforscht, auch die Bedeutungen der Namen. Einen vertieften Einblick in die Geschichte bietet das digitale Portal pro Ortschaft: Es zeigt, wie lange das Dorf schon existiert, welche Bedeutung die Namen haben und welche Belege dazu gefunden wurden. Für Zollikon reichen diese zurück bis ins Jahr 837 mit Zollinchouun, gebildet aus dem althochdeutschen Personennamen «Zollo» und dem Suffix «-inghofun»: «Die Siedlung der Zollo-Höfe». Auch der Ortsname Zumikon geht vermutlich auf einen germanischen Personennamen zurück, erstmals 946 als «de Zumminga» belegt: «Siedlung der Leute des Ummo». Viele Strassennamen und Ortsteile sind aus Flurnamen entstanden und weisen auf ihre ursprüngliche Beschaffenheit hin. Auch die Kindergärten und Schulhäuser der Gemeinde, wie Breitacher, Hinter Zünen, Oescher, Buchholz oder Rüterwis, sind nach Flurnamen benannt. Die Arbeit von Jacqueline Reber ist geprägt von einer detektivischen Herangehensweise. Sie analysiert die Bedeutung der Flurnamen durch die Auswertung alter Landkarten, Kirchenchroniken, Urkunden, Sprachlexika und in Gesprächen mit Einheimischen. Trotzdem lassen sich nicht alle Flurnamen eindeutig zuordnen, und manchmal bleiben Fragen offen. Durch ihre Forschung trägt sie dazu bei, dieses immaterielle kulturelle Erbe der Schweiz zu bewahren und das Verständnis für die Verbindung zwischen Sprache, Landschaft und Geschichte zu vertiefen. Ihr Schlusswort ist deshalb passend: «Wer Flurnamen versteht, braucht keinen Reiseführer mehr, die Landschaft erklärt sich von selbst.»
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