Zollikon 2040:Ballenberg oder Singapur?

Von Joachim Lienert ‒ 17. April 2026

Der dritte Dialogabend des Gemeinderats widmete sich der kommunalen Richt- und Nutzungsplanung. Für die meisten ein abstrakter Begriff. Entsprechend weit gefächert waren die Themen, die die Teilnehmer einbrachten.

Freiflächen, Bevölkerung, Wachstum und Verkehr: Die Zollikerinnen und Zolliker waren eingeladen, ihre Gedanken zur Zukunft der Gemeinde einzubringen. (Bild: jli)
Freiflächen, Bevölkerung, Wachstum und Verkehr: Die Zollikerinnen und Zolliker waren eingeladen, ihre Gedanken zur Zukunft der Gemeinde einzubringen. (Bild: jli)

Gegen 50 Gäste waren der Einladung zum Dialogabend vom Mittwoch letzter Woche im Gemeindesaal gefolgt. Bauvorsteher Dorian Selz führte durch den Abend. Er betonte: «Als Gemeinderat kommen wir nicht mit einem vorgefertigten Plan. Es ist an uns allen zu entscheiden, wohin wir als Gemeinde gehen wollen.»
Die kommunale Richt- und Nutzungsplanung ist eine übergeordnete Sicht auf die Gemeinde. «Mit der Richt- und Nutzungsplanung steuern Gemeinden ihre räumliche Entwicklung. Etwa, wo gebaut werden darf und wo nicht. Oder wie attraktiv ihre Siedlungen sind», heisst es in einem Wegweiser der kantonalen Baudirektion. So bildet der kommunale Richtplan die Grundlage für die spätere Nutzungsplanung, in der festgelegt wird, wie der Boden genutzt werden darf und wie das Gemeindegebiet in verschiedene Zonen eingeteilt wird. Der aktuelle Richtplan der Gemeinde Zollikon ist bereits 40 Jahre alt. Jetzt lud sie dazu ein, erste Ideen zu sammeln, wie Zollikon im Jahr 2040 aussehen könnte. Dorian Selz zeigt ein künstlich generiertes Foto von Zollikon mit Hochhäusern: «Wollen wir es wie Dübendorf machen?» Dieses habe in zwanzig Jahren seine Bevölkerungszahl verdoppelt – ein bewusster Entscheid. «Wir bestimmen, wie unsere Kinder in 40 bis 50 Jahren leben. Das wollen wir heute abholen.» Er weist darauf hin, dass in den kommenden Jahren zum Beispiel im Gesundheitscluster Lengg rund 10 000 zusätzliche Angestellte arbeiten werden. Oft gutsituierte Menschen, die ein Zuhause brauchen. Wo wohnen sie? Wo gehen ihre Kinder zur Schule? «Der Bevölkerungsdruck wird zunehmen. Wollen wir ein Ballenberg oder ein ‹Singapur on Zurich› werden?» Er liefert ein Beispiel für die Auswirkungen solchen Drucks: In seiner Nachbarschaft an der Rütistrasse koste eine 4,5-Zimmer-Wohnung nach der Sanierung 5500 Franken Monatsmiete.

Kein Vorort von Zürich

Vier Themen hatte der Gemeinderat herausgegriffen, über die man reden wollte: Freiflächen, Bevölkerung, Wachstum und Verkehr. Das pointierte Bild von Dorian Selz: «Zollikon befindet sich am Ende des Trichters, der nach Zürich führt.» Die Gemeinde hatte es vor fast hundert Jahren abgelehnt, ein Stadtquartier von Zürich zu werden. «Aber de facto stehen wir stark unter dem Einfluss von Zürich.» Jetzt müsse man sich gut überlegen, wohin die Reise der Gemeinde gehen soll. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, übers Handy abzustimmen, wie sie sich Zollikon 2040 vorstellen. Die grossen Linien: Man will kein Ort für die Elite sein. Man wünscht sich eine Gemeinde mit Ruhe, Grünflächen und einer gewissen Beschaulichkeit. Einige wünschen sich weniger Zweiteilung von Berg und Dorf. Mit dem öffentlichen Verkehr will man weiterhin gut erschlossen sein. In der Diskussion findet ein Teilnehmer: «Auch der Zugang zum See muss ein Thema sein.» Schliesslich habe die Gemeinde zwei wichtige öffentlich zugängliche Stellen am See mit dem ehemaligen Altersheim und der Schifflände. Die Neophyten sind ebenfalls Thema. Die Gemeinde müsse mehr tun, um die invasiven Pflanzen zu bekämpfen. Und natürlich sind da die leidigen Baustellen. «Das sind gerade viele, das ist uns bewusst», sagt Dorian Selz. «Aber sie sind nicht ewig da.» Gegen die Deponie müsse man weiter kämpfen, verlangt ein Mann. Auf dem Dorfplatz laufe viel zu wenig, lautet ein anderes Votum. Eine Teilnehmerin fordert eine gezielte Umzonung, um Alterswohnungen und sozialen Wohnungsbau zu ermöglichen. Jemand entgegnet, zehn Prozent aller Wohnungen in der Gemeinde seien bereits Genossenschaftswohnungen, da sei man als Gemeinde gut aufgestellt. Er erinnert daran, dass die Zollikerinnen und Zolliker mit der Ablehnung des Beugi-Areals selbst ein Schlamassel verursacht hätten.

Die Zolliker Cremeschnitte

«Eine Schicht Beton, eine Schicht Glas, eine Schicht Beton, eine Schicht Glas»: Dorian Selz fasst in ein prägnantes Bild, wie in den letzten Jahren viele Einfamilienhäuser, gerade im Berg, durch die «Zolliker Cremeschnitte» ersetzt wurden: durch Mehrfamilienhäuser. Nicht die Gemeinde steuere, ob Einfamilienhäuser durch solche ersetzt werden, es seien vielmehr die Eigentümer, die das bestimmten. Ein Mann ist dennoch glücklich: «Ich möchte eine Hymne auf Zollikon singen. Wir haben eine schöne Gemeinde, das muss man erhalten. Verdichtung ja, aber nicht alle älteren Gebäude ersetzen.» Eine Dorfbewohnerin hat mehr zu kritisieren: «Fast alle Kurse und kulturellen Anlässe finden im Zollikerberg statt. Das Dorf ist ein erweitertes Blumenrain.» Lachen und Raunen im Saal. Beim Verkehr werden die fehlenden Sharing-Angebote bemängelt, ebenso die Forchbahn-Züge, die bumsvoll sind, sogar der Seetunnel aus längst vergangenen Projektzeiten wird in die Runde geworfen.

Ziel: bis zum Ende der Legislatur

Die Diskussionen und Voten zeigen: Die Ansprüche an und die Ideen zu Zollikon sind so vielfältig wie die Menschen, die hier wohnen. Der dritte Dialogabend war der erste Schritt hin zu einem neuen kommunalen Richtplan nach 40 Jahren: ein erstes Einholen der Gedanken aus der Bevölkerung. Auf den Sommer hin möchte der Gemeinderat eine Ausschreibung erarbeiten, um dann zusammen mit einem externen Planungsbüro die Details zur kommunalen Richt- und Nutzungsplanung auszuarbeiten. Der Dialog mit der Bevölkerung soll fortgeführt werden. Man will gemeinsam klären, auf welche Art die Gemeinde in die Zukunft geht und diese gestaltet. Und Dorian Selz hofft, dass Zollikon spätestens am Ende der kommenden Legislatur, also 2030, über einen neuen kommunalen Richtplan sowie eine neue kommunale Nutzungsplanung mit angepasster Bau- und Zonenordnung verfügt.

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