Von Joachim Lienert ‒ 24. April 2026

Der Burenkrieg tobte von 1899 bis 1902 im heutigen Südafrika. Die Buren kämpften gegen die Gleichstellung von Zugewanderten, die sich um Diamant- und Goldvorkommen stritten. Die Engländer annektierten Gebiete militärisch, in ihren Konzentrationslagern starben über 25 000 Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder. In der Schweiz und in vielen anderen Ländern fanden Sympathiekundgebungen für die Buren statt. Mit dabei: ein Jugendlicher aus Arbon. Max Daetwyler wurde in Arbon am 7. September 1886 als zweitjüngstes von 13 Kindern geboren. Er half im elterlichen Hotelbetrieb mit und absolvierte nach der Sekundarschule eine kaufmännische Lehre bei einem Tuchhändler. Danach wandte er sich wieder dem Gastgewerbe zu und arbeitete als Kellner und Gastgeber. Von der Schädlichkeit des Alkohols überzeugt, blieb er ab 1914 für den Rest seines Lebens Abstinenzler und Vegetarier. Er riet seinen Gästen gar davon ab, Alkohol zu konsumieren, und verärgerte dadurch den Bierlieferanten.
Im Juli 1914 braute sich der Erste Weltkrieg über Europa zusammen. Füsilier Max Daetwyler galt als dienstfreudiger Soldat, er selbst betrachtete sich als Angehöriger bürgerlicher Parteien. Doch als er am fünften Tag der Schweizer Mobilmachung – am 7. August 1914 – in die Kaserne Frauenfeld einrückte, verweigerte er den Fahneneid. Er wurde damit zu einem der ersten Kriegsdienstverweigerer der Schweiz. Bei der Einvernahme sagte er, er sei sich der Konsequenzen seiner Handlung voll bewusst – auch einer möglichen Todesstrafe. Die Behörden untersuchten seinen Geisteszustand in der Irrenanstalt Münsterlingen, wollten ihn für geisteskrank erklären und unter Vormundschaft stellen. Insgesamt siebenmal wurde Max Daetwyler im Verlaufe seines Lebens in die Psychiatrie eingewiesen – in Münsterlingen, Zürich, Paris, Wien und Bern. Er wurde als geisteskrank und dienstuntauglich erklärt. «Gebessert» aus Münsterlingen entlassen, packte er bei seinem Bruder Alfred im Ratskeller in Bern in der Küchenbrigade an. Man wollte ihn in ein bürgerliches Leben drängen. Doch der junge Mann verfolgte seine pazifistischen Ziele immer entschlossener. Er organisierte Versammlungen, trat als Redner auf, publizierte Artikel und Broschüren, suchte das Gespräch mit dem Bundesrat und sogar dem General und machte sich im Nationalrat lautstark von der Zuschauertribüne aus bemerkbar. Anfang 1916 verhöhnte ihn der «Nebelspalter» als Friedensapostel. Der Name blieb ein Leben lang an ihm haften.
Als Dreissigjähriger kehrte er Bern den Rücken und suchte sein Heil im «roten» Zürich. Die Aktionen der etablierten Friedensbewegungen hielt er für Alibiübungen, um das Gewissen bürgerlicher Gutmenschen zu beruhigen. Die Friedensbewegungen wiederum nahmen Max Daetwyler als Eigenbrötler wahr. Nach der Oktoberrevolution vom 7. November 1917 in Russland organisierte Max Daetwyler zusammen mit den Pazifisten Max Rotter und Otto Volkart am 15. November im Volkshaus Zürich eine Friedenskundgebung unter dem Motto: «Waffenstillstand sofort! Ohne Soldaten, ohne Munition kein Krieg!» In einer Brandrede auf dem Helvetiaplatz rief er dazu auf, zwei nahe Munitionsfabriken lahmzulegen, was einem Zug von rund tausend Demonstranten gelang. Max Daetwyler entzog sich zunächst der Verhaftung, wurde aber bei einer Kundgebung am nächsten Tag auf dem Helvetiaplatz von einem Polizeiaufgebot unter Tumult abgeführt. Am Wochenende vom 17. und 18. November kam es zu schweren Ausschreitungen. Demonstranten forderten die Freilassung Daetwylers, das ausgerückte Militär feuerte mit Maschinengewehren über den Helvetiaplatz. Die Unruhen forderten vier Todesopfer. Max Daetwyler kam für drei Wochen in Untersuchungshaft und anschliessend für drei Wochen in die kantonale Irrenanstalt Burghölzli. Das psychiatrische Gutachten vom Chefarzt besagte: «zurechnungsfähig, aber geistig anormal.»
Im Juli 1918 heirateten Max Daetwyler und die Bernerin Clara Brechbühl. Sie hatten sich zuvor nur einige Male gesehen. Wenige Wochen später fanden die Jungvermählten eine günstige Bleibe in Gössikon: Für 220 Franken – im Jahr – mieteten sie ein Häuschen ohne Elektrizität, Gas und funktionierenden Ofen. Später konnten sie es kaufen. Kaum eingezogen, gab Max Daetwyler in einer Auflage von 10 000 Exemplaren die Schrift «Daetwyler als Dienstverweigerer» und das Traktat «Erlebnisse in der Irrenanstalt» heraus. Von nun an betrachteten ihn die Zumiker Behörden als Schriftsteller. 1920 kam Tochter Klara, 1928 Sohn Max zur Welt. Neben dem Vertrieb seiner Broschüren und dem Handel mit Büchern widmete sich das Ehepaar auf dem Grundstück im Rebrain dem biologischen Gemüseanbau, der Imkerei und unterhielt einen stattlichen Hühnerhof. Max Daetwyler setzte seine Friedensarbeit fort. 1932 inszenierte er, vom «Volksrecht» bespöttelt, den vermutlich ersten Friedensmarsch. Nachdem er 1933 im Fresko der Antoniuskirche beim Kreuzplatz einen bewaffneten Soldaten mit weisser Farbe übermalt hatte, wurde er im Burghölzli interniert. Er sei nicht vom Wahn besessen, wehrte er sich. Seine Wahnideen deckten sich mit denjenigen von Jesus, Tolstoi und Gandhi. Die Zürcher Justizdirektion forderte die Gemeinde Zumikon auf, ein Entmündigungsverfahren wegen Geisteskrankheit gegen den Mann einzuleiten. Die Zumiker erwiderten, sie könnten nichts Nachteiliges über ihn aussagen, er verhalte sich ruhig im Dorf und falle niemandem zur Last.
Max Daetwyler liess sich nie von seinem Weg abbringen. Während des Zweiten Weltkriegs folgten weitere Friedensmärsche. Er forderte Volk und Regierungen auf, sich für den Frieden einzusetzen, und wandte sich gegen Atomwaffen; als 73-Jähriger führte ihn ein Friedensmarsch nach Moskau, wo er auf dem Roten Platz seine weisse Friedensfahne schwenkte. Und noch mit über 80 Jahren erhob er seine Stimme in Washington gegen den Vietnamkrieg. Max Daetwyler und seine weisse Fahne: Dieses Bild sah man praktisch jeden Sonntag am Zürcher Utoquai. Er beschloss den Sechseläuten- und den 1.-Mai-Umzug, war bei Bundesfeiern in den Stadthausanlagen dabei – und wurde immer wieder von den Schweizer Behörden zurückgewiesen. Doch zunehmend berichtete die Presse auch wohlwollend über ihn. Anfang dieses Jahres jährte sich sein Todestag zum 50. Mal: Am 26. Januar 1976 erlag er mit 90 Jahren einer Lungenentzündung. Sein Grab befindet sich auf dem alten Friedhof Zumikon schräg gegenüber dem von Markus Feldmann gestalteten Daetwyler-Brunnen. Angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen rund um den Erdball bleibt die Botschaft des Zumikers mit der weissen Fahne aktueller denn je: «Und ginge ich bis ans Ende der Welt, das Gewissen begleitet mich überallhin. Und ist die ganze Welt gegen mich, ich will sie besiegen, wenn mein Gewissen mir Recht gibt.»

Verwendete Quellen: Festschrift Band 2 «150 Jahre Landwirtschaftlicher Verein Zumikon / Konsumgenossenschaft Zumikon» des Zumikers Eric Coebergh; Zumiker Bote Herbst 1986
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