«Kunst ist mein Sauerstoff»

Von Lea Moser ‒ 30. April 2026

Susanne Widmer lebt für und mit der Kunst, ohne selbst Kunst zu erschaffen. Sie liebt Menschen und die Begegnungen mit ihnen.

Susanne Widmer mit Schneeeule Bobby, einem ihrer Lieblinge: «Ich bin 62 Jahre jung und gefalle mir jetzt viel besser als mit 30.» (Bild: lmo)
Susanne Widmer mit Schneeeule Bobby, einem ihrer Lieblinge: «Ich bin 62 Jahre jung und gefalle mir jetzt viel besser als mit 30.» (Bild: lmo)

Eine Wohnung voller zeitgenössischer Kunst – sogar die Waschmaschine ist verziert, und auf der Toilette glitzern Wellen einer Videoprojektion an der Decke. «Kunst ist wie Sauerstoff», zitiert Susanne Widmer die bekannte Künstlerin Marina Abramović. «Ich ziehe so viel Energie und Lebensfreude aus der Kunst. Ich brauche Kunst und Kultur. Das ist für meinen Mann und mich sehr wichtig.» Als das Paar sich kennenlernte, sammelten beide bereits Kunst. «Sammeln heisst auch, geduldig sein und auf den richtigen Moment warten. Irgendwann kommt dann der Tag, an dem man Glück hat.» Immer wieder gebe es schöne Schicksalszufälle im Leben: Der Videoinstallation «Snowy Owl» (Schneeeule) des amerikanischen Künstlers Robert Wilson begegneten sie zum ersten Mal an der Art Basel. Das Werk gefiel beiden sofort, war jedoch sehr teuer. Später konnten sie bei einer Auktion eine Edition aus dieser Serie zu einem günstigeren Preis erstehen. «Es ist der Liebling unserer Kunstsammlung. Die Eule heisst Bobby und die Enkel und Gäste sind ebenso fasziniert wie wir.» Echt praktisch für die Vielreisende – ein Haustier, das man nicht füttern muss. Oft machen Gäste lustige Kommentare zu den Kunstwerken: Einer dachte etwa, der Maler habe seinen Farbkübel vergessen. Dabei verbirgt sich im Innern des schwarzen Eimers, der sich drehen lässt, ein aufgemaltes Karussell mit Pferden.

Das bewegte Bild

Das Paar kauft, was ihm gefällt, unabhängig von grossen Namen oder der Meinung anderer. Sie fokus­sieren sich auf das Sammeln von Videokunst. Diese werde unterschätzt und von den Leuten oft nicht verstanden. «Als Erstes nach dem Aufstehen schalte ich unsere ­Videokunstwerke sowie die Neonlichtarbeiten ein.» Auch das Ferienhaus in den Bergen gleicht bereits einem kleinen Museum. «Viele Menschen in unserem Alter wollen sich verkleinern. Wir möchten unseren Wohnraum vergrössern, um der Kunst mehr Platz zu bieten.»

Kunst für jedes Budget

In ihrer Kindheit standen das Vereinsleben und der Sport im Vordergrund, Kunst wurde wenig gefördert. Der international renommierte Kunsthändler Thomas Ammann führte sie in die Kunstwelt ein und weckte ihre Leidenschaft. Als seine Assistentin und rechte Hand stellte er sie Ende der 80er-Jahre in der «Galerie Thomas Ammann Fine Art» ein. Das New Yorker Büro befand sich im ehemaligen Haus von Andy Warhol. Obwohl dieser bereits verstorben war, lagen noch Perücken und andere persönliche Gegenstände von ihm herum. Sie erinnert sich gerne an diese Zeit: «Ich durfte immer wieder spannenden Menschen begegnen, wie Liz Taylor oder ­Audrey Hepburn an einer Aids ­Benefiz Gala in Basel. Oder wenn ich Thomas Ammann jeweils in New York an die grossen Kunstauktionen begleiten durfte.» Spontan mit dem Chef mit einem Privatflugzeug zu einem Sammler oder Galeristen ins Ausland zu fliegen gehörte auch dazu. Sie habe keine Kunst­geschichte studiert, gestand die ­Absolventin der Handelsmittelschule beim Vorstellungsgespräch. Er entgegnete, dass er das auch nicht habe. Wer in diesem Geschäft erfolgreich sein will, braucht das Gespür für Menschen – man muss sie lieben. «Er hat mein Auge für die Qualität von guter Kunst geschult. Ihm verdanke ich sehr viel.» Mehr als zwölf Jahre arbeitete sie für ihn, und nach seinem viel zu frühen Tod für seine Schwester Doris Ammann. «Im Frühling 2001 fasste ich den Mut zur Selbstständigkeit.» Sie organisierte zahlreiche Kunstausstellungen und hatte anfangs noch eigene Räumlichkeiten. Mittlerweile kann sie dank guter Referenzen und Weiterempfehlungen auf ihre Galerie verzichten. Sie darf Kunstsammlungen namhafter Sammlerinnen und Sammler betreuen – inventarisiert, organisiert Leihgaben und Transporte für Ausstellungen, schreibt unter anderem Zustandsberichte der Werke. Die Kunsthändlerin ist überzeugt, dass es bezahlbare, zeitgenössische Kunst für jedes Budget gibt. Sie berät ihre Kundschaft, sucht das passende Kunstobjekt in ihrem Netzwerk und stellt den persönlichen Kontakt zu den Künstlerinnen und Künstlern her. Diesen Mai feiert sie ihr 25-jähriges Firmenjubiläum und denkt noch lange nicht ans Aufhören. «Solange ich Aufträge erhalte, mache ich weiter. Die Arbeit bereitet mir Freude. Ich habe immer neue Ideen und Projekte, die ich noch umsetzen möchte.»

Internationale Familie

Besonders freut sie, dass sich auch ihre Kinder und Enkel für Kunst interessieren. Die drei Enkelkinder bekommen von ihrer «Momo», wie sie ihre Grossmutter nennen, zu Weihnachten und zum Geburtstag jeweils ein Kunstwerk geschenkt. Sie haben bereits ihre kleine Sammlung. Alle sechs Wochen besucht sie die beiden Enkel in Amsterdam. Der Jüngste wohnt zum Glück in Zürich, sodass sie ihn öfter sieht. Der regelmässige Kontakt zu Familie und Freunden ist ihr wichtig. Sie ist offen, interessiert und schätzt die Begegnung mit Menschen. Seit vier Jahren besucht sie wöchentlich einen Sprachkurs in Hebräisch, um sich besser mit ihrem Schwiegersohn und dessen Familie unterhalten zu können.

Glücklich in Zollikon

In Küsnacht aufgewachsen, reiste sie als junge Frau in die USA, wo sie für eine Schweizer Firma arbeitete. Mit ihrem ersten Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, lebte sie in Taiwan. Nun wohnt sie seit vier Jahren glücklich mit ihrem zweiten Mann in Zollikon. «Ich mag die Allmend, wo ich morgens oft laufen gehe. Im Bad Juch schwimme ich drei Mal pro Woche meine Bahnen.» Seit bald 30 Jahren ist sie Mitglied des Golfclubs Zumikon. Ein grosses Privileg, das sie dem Vater ihrer Kinder zu verdanken habe. «Im Zollikerberg liebe ich den Chramschopf. Mir gefällt die Idee, dass man Dinge wiederverwertet und nicht gleich alles neu kauft.» Oft leiht sie auch Bücher in der Bibliothek aus. So gerne sie in den Bergen ist, schätzt sie die Nähe zur Stadt mit ihren Ausstellungen und Kulturevents. Sie und ihr Mann sind sehr positiv überrascht von der ­hohen Qualität des kulturellen Angebots in Zollikon und Zumikon.

Ein Stellenvermittlungsbüro verhalf Susanne Widmer damals zu ihrem beruflichen Glück, das sich als ihre Berufung entpuppte. Durch diese Leidenschaft fand sie auch ihr privates Glück. Gemeinsame Freunde verkuppelten die beiden Kunstliebhaber vor 16 Jahren. «Jeder Tag mit meinem Mann ist pures Glück. Abends vor dem Einschlafen bedanke ich mich für all das Schöne, das ich erleben durfte, und davon gibt es täglich vieles.»

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