«Champagne de Côte d’Or» – der Zolliker Cuvée

Von Joachim Lienert ‒ 8. Mai 2026

In Zollikon gibt es keinen Tag der offenen Weinkeller. Dabei darf die Gemeinde als einstiges Weinbauerndorf auf eine stolze Rebbaugeschichte zurückblicken. Geblieben ist der Lunggesüüder – und der Zolliker Cuvée. Auf einen Schluck.

Bereits die Römer nutzten das ideale Klima und die gute Topografie auch für den Rebbau im Dorf. Erstmals urkundlich erwähnt wurden die Reben in Zollikon 1145, im Mittelalter be­trieben die Kleinbauern im Dorf intensiven Rebbau. Einen Höhepunkt erreichte dieser vor einigen Jahrhunderten.

Aus dem Jahr 1626 ist überliefert, dass über 60 Hektaren Rebberge und mehr als 40 Trotten das ­Dorfbild prägten. Noch 1808 waren rund 42 Hektaren mit Reben bepflanzt, zerstückelt in 344 Parzellen und im Besitz von 107 Bauern. In guten Jahren war die Weinlese ein Fest, schreiben die damaligen Lehrer Albert Heer und Ernst Schlatter im Buch «Unser Zollikon» von 1956: «In das Jauchzen, Singen und Jubeln der Wümmer und Wümmerinnen mischte sich das Knallen von Pistolen und Büchsen.»

Entfremdung der Jugend vom Bauernberuf

Im Laufe des letzten Jahrhunderts verringerte sich die Bedeutung des Rebbaus; 1950 gab es in der Gemeinde noch 57 Aren. Heute ist der Bestand an Rebbergen auf drei zusammengeschrumpft: Die beiden gemeindeeigenen Rebberge Buechholz und Wybühl und der private Rebberg Goldhalden. «Unser Zollikon» stellte schon 1956 fest: «Heute ist es mit dem Winzerjubel vorbei. Schlechte Erntejahre, der Einbruch der Reblaus in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, die Entfremdung der Jugend vom Bauernberuf und nicht zuletzt die grosse Nachfrage nach schönem Bauland haben den Zolliker Weinbau vernichtet.»

Die letzte Trotte stand bis 1912 im Bubiker Gugger an der Seestrasse 119 bis 125, an der Grenze zu Goldbach. Auf dem Buechholzhügel stehen etwa 900 Reb­stöcke der Sorte Riesling-Silvaner, auch Müller-Thurgau genannt. Daraus wird der berühmte «Lunggesüüder» hergestellt, den es nicht zu kaufen gibt. Die Gemeinde verschenkt ihn ausschliesslich und kredenzt ihn zum Beispiel zum Apéro an Gemeinde- und anderen Versammlungen. Rund 500 Kilogramm dieser Trauben fliessen auch in den Zolliker Cuvée. Der Hauptteil der Trauben für diesen «Goldküstenchampagner» aber wird im Rebberg Wybühl angebaut: Cabernet Jura und Regent heissen die beiden Traubensorten, die hier wachsen. Der kleine Hügel ist 16 Aren gross, auf ihm wachsen etwa tausend Rebstöcke. Pro Jahr entstehen daraus etwa 2500 Flaschen. Zu kaufen gibt es ihn etwa im Delikatessengeschäft fein & fine im Dorf und im Zollikerberg in der Metzgerei Kratzer und bei Weber Comestibles. «Auch an der Zolliker Chilbi sind wir präsent», sagt ­Ennio Grasselli. Der 27-jährige Zolliker, im Hauptberuf Kapitän bei der Zürichsee-Fähre, hilft seit Jahren tatkräftig im Weinberg mit, den sein Grossvater Dölf Haldi seit 1999 gepachtet hat. «Das war in meinem Geburtsjahr, und da hat er auch die Reben neu gepflanzt. Ich selbst bin noch am Lernen. Es ist geplant, dass mein Cousin Janik Haldi, Gemeindeförster Marc Bodmer und ich den Pachtvertrag 2029 übernehmen.» Sein Cousin und er haben die Rebschule absolviert, Marc Bodmer befindet sich zurzeit noch in der Ausbildung.

Ein sehr guter, eher fruchtiger Jahrgang

Die Winzer haben vom kommenden Schaumwein verschiedene Proben degustiert, in den Handel gelangt er etwa in zwei Monaten. Was sagen Ennio Grassellis geschulte Nase und sein Gaumen über den Jahrgang 2025? «Er ist fein, etwas anders als erwartet, eher auf der fruchtigen Seite, ­weniger trocken, ein sehr guter ­Cuvée.» Man sei jedes Jahr aufs Neue gespannt, wie sich der Wein präsentiere. «Da wir mit der Natur arbeiten, fällt das Ergebnis jedes Jahr anders aus.» Süsser sei der Wein vor allem geworden, weil der letztjährige Hagel viele Trauben zerstört habe und wegen der Wärme: Weniger Trauben und weniger Wasser hätten den Boden für mehr Süsse und Geschmack bereitet.

Eigentlich würde Ennio Grasselli gerne am Tag der offenen Weinkeller teilnehmen. «Doch unser Bestand ist so klein, dass wir, wenn alle Leute den Zolliker Cuvée probierten, gar nicht mehr genügend Wein für den Verkauf hätten.» Man reisse ihnen die Flaschen quasi aus der Hand. Überhaupt: Es gibt gar keinen Weinkeller mehr in Zollikon. Die Trauben vom Wybühl verwandeln sich in der Weinkellerei Paul Gasser in Ellikon an der Thur in den perlenden Zolliker Cuvée. Der Grund für die lange Weinreise: Schweizer Schaumwein ist eine ­Nische, und es gibt nicht viele Produzenten in der Region. Und Ennio Grasselli ist überzeugt «Er macht schlicht den besten Schaumwein.» Im Jahr 2022 wurden hierzulande gerade mal 558 200 Liter Schweizer Schaumwein konsumiert. Knapp 2000 davon stammen aus Zollikon. Zum Vergleich: Beim Schweizer Wein insgesamt wurden rund 87,7 Millionen Liter konsumiert. Jetzt möchte man nur noch wissen, wo denn der Wein gelagert wird. Ennio Grasselli schmunzelt. «Irgendwo in einem Lager im Zollikerberg.» Mehr will er nicht ver­raten – schliesslich ist der flüssige Goldküsten-Cuvée vom Wybühl sozusagen Gold wert.

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