Von Lea Moser ‒ 8. Mai 2026

Isa Pedano lief Ende Juli 2013 zusammen mit vier Freunden 180 km auf dem Franziskusweg über die Toskana und Umbrien nach Assisi. Es war sehr heiss. Sie kam an ihre Grenzen, doch die offenen Arme und warmherzigen Begegnungen mit Gleichgesinnten und Gastgebern verliehen ihr Kraft. «Eine Frau lud uns ein und verwöhnte uns mit einem Acht-Gänge-Menu. Als Gegenleistung wünschte sie nur, dass wir, an der Pilgerstätte angekommen, ihres bettlägerigen Mannes gedenken. Diese Begegnung berührte mich sehr.»
Nach zahlreichen angeregten Gesprächen mit ihrem WG-Mitbewohner während dieser zehn Tage auf dem Pilgerweg wurde den beiden im Ziel klar, dass da mehr war als Freundschaft. Als Paar kehrten sie nach Zürich zurück und heirateten zwei Jahre später. Im April 2016 kam Pietro zur Welt. Er war ein Schreibaby und litt mit fünf Monaten unter epileptischen Anfällen. Die Diagnose: schwerwiegende Cerebralparese (Gehirnfehlbildung). «Das zog uns den Boden unter den Füssen weg. Es war wie eine grosse Überraschungsbox. Wir wussten lange nicht, was uns erwartet, ob Pietro je sprechen oder laufen kann.» Er ist geistig wach und nimmt alle Stimmungen intensiv wahr. Ausser seinem Kopf kann er nichts bewegen. Ein augengesteuerter Sprachcomputer hilft ihm, sich zu verständigen. «Sein Gesundheitszustand ist ein stetes Auf und Ab; wir sind Stammgäste im Kinderspital.»
Trotzdem hat Isa Pedano Mühe mit Mitleid. Sagt jemand: «Oh, der Arme, das tut mir aber leid», antworte sie: «Er ist so ein zufriedenes Kind, wie kann er arm sein, wenn er die Zufriedenheit in sich trägt?» Pietro ist eine Frohnatur und kann Gefühle auf seine Art ausdrücken. Er freut sich über die drei Jahre jüngere Schwester Sara. Im Kindergarten erzählte sie oft von ihrem grossen Bruder. Jetzt sagt die Erstklässlerin, sie habe das Glück, einen Bruder zu haben, der nicht nervt. Übt sie zu Hause Klavier, ist er ihr grösster Fan.
«Wir erhalten Unterstützung durch eine Assistenz, den Elternverein hiki, ‹Hilfe für hirnverletzte Kinder›, und das Entlastungsheim in Bäretswil.» Dort verbringt Pietro regelmässig Wochenenden und jeweils eine Woche während der Schulferien. Er besucht täglich eine Schule für Kinder mit Beeinträchtigung. «Man darf mit einem solchen Kind nicht meinen, man könne das allein stemmen und sollte unbedingt Hilfe holen. Ich musste schnell lernen loszulassen. Es ist wichtig, dass wir genug Energie für ihn haben und uns auch Zeit nehmen können für unsere Tochter und unsere Partnerschaft.» Die Familie wohnt seit bald sechs Jahren in Zollikon.
Wenn möglich verbringt die heute 40-Jährige einmal im Jahr eine Woche in der Stille. Mit 25 besuchte sie zum ersten Mal einen zweitägigen Einführungskurs in die christliche Kontemplation – eine Einladung, die innere Stimme wahrzunehmen, seinen Körper zu spüren und bei sich zu sein. «Die innere Freiheit, die man während einer stillen Woche empfangen kann, ist gewaltig – ein Riesengeschenk.»
2020 absolvierte sie einen dreijährigen Lehrgang in christlicher Spiritualität an der Uni Fribourg. Seit bald einem Jahr arbeitet sie im «jenseits im Viadukt» in Zürich, aktuell zu 60 Prozent als Betriebsleiterin. Ein Ort für junge Erwachsene mit Angeboten für Kultur, Spiritualität und Nachhaltigkeit, der alle Interessensgebiete von Isa Pedano abdeckt. «Wir wollen einen Raum schaffen, in dem sich junge Leute zu Hause fühlen und einbringen können.» Sie schätzt die inspirierenden Begegnungen mit den jungen Erwachsenen.
Nach Saras Geburt war sie wieder für das Familienunternehmen in Italien tätig, konnte diesen Spagat aber nicht länger meistern. «Mir wurde klar, dass ich in Zollikon Wurzeln schlagen möchte.» Sie las das «Persönlich» über John-Phillip Gerull (ZoZuBo 11/2022), der sich bei Pura Verdura für biologischen Gemüseanbau engagierte. «Seit gut zwei Jahren bin ich ehrenamtlich im Vorstand der Genossenschaft für Kommunikation und Spenden zuständig.» Die Arbeit auf dem Feld entschleunige, die Verbundenheit mit der Erde tue auch ihrer Tochter gut. Als Lohn für jährlich acht Einsätze gebe es 40 Taschen voller Bio-Gemüse und wertvolle neue Bekanntschaften. «Die Mitglieder zahlen einen Genossenschaftsanteil sowie Jahresbeiträge – wir sind nicht gewinnorientiert. Seit dem 1. April gibt es eine Gemüse-Abholstation vor dem Chramschopf. Dank der Caritas können sich auch Menschen mit geringem Einkommen ein Abo für frisches Gemüse leisten.»
Ihre Grosseltern in Sizilien lebten von Zitronen- und Orangenbäumen. Isa Pedano wuchs mit zwei Brüdern in Mailand auf und verbrachte ihre Kindheit mehrheitlich in der Schreinerei und im Naturholz-Designmöbelgeschäft ihres Vaters. Pino Pedano, ein international bekannter Holz-Künstler, feierte vor allem in den 80er- und 90er-Jahren mit seinen abstrakten Skulpturen aus Altholz Erfolge. Ihre Mutter ist Deutsche, verliebte sich an einer Ausstellung zuerst in die Kunst und dann in den Künstler. Die Galeristen, die Alberto Giacometti lancierten, luden Pino Pedano damals für eine Ausstellung nach Zürich ein. Er hat die Stadt scheinbar in bester Erinnerung; Isa Pedano war überrascht, wie locker er ihren Entscheid, nach Zürich zu ziehen, hinnahm. Ihr BWL-Studium mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik an der Uni Mailand finanzierte sie sich als Einrichtungsberaterin im elterlichen Geschäft. Sie hat auch viele Ausstellungen ihres Vaters mitorganisiert. Nach dem Studium wollte sie eine Auszeit vom Familienunternehmen, absolvierte ein Praktikum bei einer Naturholzmöbel-Firma in Österreich und zog 2012 nach Zürich als Kundenberaterin im Designbereich. Um Anschluss zu finden, besuchte sie einen Abendgottesdienst der Hochschulgemeinde. Ihr zukünftiger Mann hielt dort eine Predigt. Er ist Richter am Obergericht in Zürich mit theologischem Hintergrund. Bei ihm wurde ein WG-Zimmer frei, und sie zog ein. «Der gemeinsame, spirituelle Weg hat uns bis heute durch alle schwierigen Zeiten getragen.»
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