Von Joachim Lienert ‒ 15. Mai 2026

Nicht allzu überraschend war das Publikum mehrheitlich älteren Semesters. Gegen 120 Menschen waren am Donnerstag letzter Woche in den Gemeindesaal gekommen, um der Präsentation zu folgen, die Brigitte Graf mit dem Spital Zollikerberg und Senioren für Senioren Küsnacht-Erlenbach-Zumikon organisiert hatte. Gemeindepräsident Stefan Bührer begrüsste die Anwesenden «zu einem schwierigen Thema, mit dem die meisten lieber nichts zu tun haben möchten».
Dabei richtet sich Palliative Care längst nicht nur an ältere Menschen. Katja Albrecht, die Leitende Ärztin Innere Medizin und Palliativmedizin des Spitals Zollikerberg, war eine der drei Referentinnen. Sie erklärt: «Wir haben Patientinnen und Patienten, die Anfang dreissig sind, andere über hundert.» Ausgehend von den zwei Begriffen «Palliative» für umhüllen und «Care» für umsorgen zeigte sie mit ihren zwei Spitalkolleginnen Rebecca Fent, Pflegeexpertin Palliative Care, und Nicole Larson, Leiterin der Spezialisierten Palliativstation, wozu Palliative Care dient: Menschen zu unterstützen, die an einer unheilbaren chronischen Erkrankung leiden. Das sind oft ältere Menschen. Aber eben nicht nur. Die ganzheitliche Palliative Care betrachtet den Patienten, bezieht aber auch seine Zu- und Angehörigen ein, um ihn zu unterstützen und gemeinsam die besten Möglichkeiten zu finden, um Leiden zu lindern, Ängste zu nehmen und die Lebensqualität gegen Ende dieses Lebens zu verbessern.
Lebensqualität ist denn auch der Begriff, der für die Fachfrauen im Zentrum ihrer Arbeit steht. Palliative Care will Menschen bei der Selbstbestimmung, bei letzten Wünschen und beim Erhalt ihrer Würde unterstützen. Nicole Larson erklärt: «Ernährungsberatung kann zu dieser Arbeit ebenso dazu gehören wie Seelsorge, Physiotherapie, Komplementärmedizin, Musiktherapie oder ein Therapiehund, aber auch die Mitarbeit von Freiwilligen, die zum Beispiel mit einer Patientin spazieren gehen oder ihr einfach zuhören.» Es gehe nicht darum, ins Spital einzutreten, um zu sterben, ergänzt Katja Albrecht: «Das Ziel ist nicht eine Heilung der Krankheit, das kriegen wir in diesem Stadium nicht mehr hin, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität.» Anhand des Fallbeispiels eines 55-jährigen Mannes, der wegen fortgeschrittenem Lungenkrebs unter schwerer Atemnot litt – was enorme Panik auslöste –, zeigt sie das Zusammenspiel medizinischer und anderer Fachpersonen auf. In der Folge lösten sich die Ängste, der Mann konnte wieder freier atmen und nach einigen Tagen auf der Station in sein geliebtes Zuhause zurückkehren. Einige Wochen später konnte er dort, wie er es sich gewünscht hatte, in Frieden sterben.
Ein Aufenthalt in einem der elf Zimmer der spezialisierten Palliativstation des Spitals Zollikerberg ist keine Dauerlösung. Rund 44 Prozent der unheilbar Erkrankten versterben hier, doch über die Hälfte der Patientinnen und Patienten findet eine Anschlusslösung, kann zum Beispiel dank Spitex-Betreuung nach Hause zurückkehren oder in ein Pflegezentrum ziehen. Angehörige dürfen sie in ihrem Zimmer rund um die Uhr besuchen und auch bei ihnen übernachten. Der Aufenthalt ist auf drei Wochen beschränkt. «Das ist sehr viel Zeit», erklärt Katja Albrecht. Zeit, die das Team nutzt, um für die Patientinnen und Patienten die beste Lösung zu finden, zum Beispiel zusammen mit der Spitex und anderen Betreuungsorganisationen, oder um ein Pflegebett zu Hause zu organisieren. Palliative Care will, wenn immer möglich, den Weg freimachen für die Rückkehr in ein vertrautes Umfeld.
Rebecca Fent zeigte auf, wie Palliative Care sich dem Menschen als Ganzes annimmt und als Schnittstelle zwischen allen Fachleuten fungiert. Man kümmert sich um körperliche ebenso wie um psychische Symptome, organisiert religiöse Hilfe oder prüft Patientenverfügungen. Die Pflegeexpertin fasste die Aufgaben in einem Bild zusammen: «Palliative Care ist der Regenschirm und nicht der Regen.» Nun erfuhren die Anwesenden auch, weshalb auf ihren Stühlen ein Regenschirm des Spitals als Bhaltis lag. «Der Regenschirm ist die gesundheitliche Vorausplanung: Was wäre, wenn …? Es ist wichtig, über die letzten Dinge zu reden, die letzten Wünsche zu formulieren und zu schauen, wie sie sich erfüllen lassen.» Sie erwähnte etwa das Angebot «Herzensbilder», bei dem Fotografinnen und Fotografen einfühlsame Bilder von einer erkrankten Person machen – das kann auch ein Kind sein – oder die Hilfe beim Aufschreiben der eigenen Biografie. Eine weitere Botschaft von Rebecca Fent prägt sich ein: «Über den Tod zu reden, bringt nicht den Tod.»
Die Anwesenden beherzigen es. Die Stimmung beim Apéro war ausgesprochen lebhaft. Ein 92-jähriger Mann sagte: «Ich habe vor allem gelernt, dass ich gut aufgehoben wäre, wenn es mal so weit ist.» Ein Frau meinte: «Es ist gut zu wissen, dass es diese Angebote gibt und dass Palliative Care nicht gleich Sterben bedeutet. Es gibt mir ein Gefühl von Aufgehobensein.» Das ist genau das, was Brigitte Graf meint, wenn sie sagt: «Den Leuten Angst nehmen.» Ihre Fachstelle Alter und Gesundheit, die die Gemeinde letztes Jahr ins Leben gerufen hatte, will Hemmschwellen gegenüber Hilfe und Angeboten senken, Ängste nehmen und für die Menschen da sein – bis zu den letzten Dingen des Lebens überhaupt.
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