Es rumpelt in Katholikon

Von Joachim Lienert ‒ 15. Mai 2026

Am 1. Juni finden die Erneuerungswahlen der katholischen Kirchenpflege Zollikon-Zumikon statt. Aufmerksame Kirchgängerinnen und -gänger stellen fest, dass sich vierzehn Mitglieder zur Wahl stellen – für sieben Sitze. Was ist geschehen?

Die Kirche Heilige Dreifaltigkeit: Wen soll man in die Kirchenpflege wählen? Der Ball wird am 1. Juni den Mitgliedern der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon zugespielt. (Bild: jli)
Die Kirche Heilige Dreifaltigkeit: Wen soll man in die Kirchenpflege wählen? Der Ball wird am 1. Juni den Mitgliedern der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon zugespielt. (Bild: jli)

«Gemeinsam unsere Kirche stärken.» Unter diesem Motto erschien im letzten Zolliker Zumiker Boten ein Inserat für die Erneuerungswahlen der Kirchenpflege der katholischen Kirche. Sieben Kandidierende sind darin aufgeführt. Man reibt sich die Augen: Es sind alles Neue. Als Präsident stellt sich Raphael Widmer zur Wahl. Der Zumiker ist seit 16 Jahren Mitglied der Rechnungsprüfungskommission (RPK) der Kirchenpflege, seit 12 Jahren amtiert er als deren Präsident. Im Hauptberuf ist er Group CFO bei Stadler Rail, zudem ist er in der politischen Gemeinde Zumikon seit 12 Jahren in der Rechnungsprüfungskommission tätig – ein Amt, das er Ende Jahr abgibt. Ein Mann der Finanzen also.

Personelle Interessenskonflikte

Um den Umgang mit Finanzen geht es bei dieser Geschichte. Die sieben Neuen, die Raphael Widmer zusammengetrommelt hat, treten zu einer Kampfwahl gegen die sechs bisherigen und ein neues Mitglied der Kirchenpflege an. Der Grund: angebliche Unregelmässigkeiten und Befangenheit bei der Vergabe von Aufträgen durch die Kirchenpflege. Ein offener Brief von Raphael Widmer wird in dieser Ausgabe des Zolliker Zumiker Boten publiziert. Dieser tönt an, worum es geht: Die Rechnungsprüfungskommission sei auf Unregelmässigkeiten gestossen. Raphael Widmer sagt: «Ich betone, die Rechnung ist tadellos geführt, das muss man hervorheben, ihre Qualität ist sehr gut. Der jetzige Finanzvorsteher der Kirchenpflege Pius Baumann hat immer einen sehr guten Job gemacht. Er tritt nach 24 Jahren nicht mehr zur Wahl an. Aber die Kirchenpflege hat etwas anderes zugelassen. Es gab personelle Interessenskonflikte und Befangenheit bei der Vergabe von Aufträgen.» Er hält sich nicht zurück damit, wie diese Konflikte zu bewerten seien: «So etwas habe ich in meiner Karriere noch nie gesehen. Uns allen von der RPK hat es die Sprache verschlagen.»

Aufsichtsbeschwerde eingereicht

In ihrem Jahresbericht an die Kirchgemeinde fügte die RPK ­deshalb einen Passus ein. Dieser besagte, sie prüfe eine Aufsichtsbeschwerde bei der Aufsichtskommission der katholischen Kirche im Kanton Zürich, die für die Aufsicht über die Kirchgemeinden zuständig ist. Inzwischen hat die RPK diese Aufsichtsbeschwerde tatsächlich eingereicht. «Wir haben die Punkte, auf die wir bei unserer Prüfung gestossen sind, sehr transparent mit dem Präsidenten der Kirchenpflege besprochen – an zwei Sitzungen. Bei der ersten waren der Finanzvorsteher und die Mitglieder der RPK anwesend, bei der zweiten waren es die RPK-­Mitglieder und neben dem Präsidenten zwei weitere Mitglieder der Kirchenpflege.» Beim Präsidenten handelt es sich um Vedran Zrno. Raphael Widmer sagt: «Es gab keine Einsicht, anders kann ich es nicht sagen.» Deshalb habe man zum Instrument der Aufsichtsbeschwerde gegriffen. Weil über diese aber erst nach dem 1. Juni – dem Tag der Wahlen in die Kirchenpflege – entschieden wird, habe er beschlossen, zu reagieren und selbst zu kandidieren. In kurzer Zeit konnte er ein Team um Mitglieder der RPK und weitere Kandidierende gewinnen. Zu siebt also wollen sie am 1. Juni gegen die Mitglieder des amtierenden Gremiums sowie eine neue Kandidatin antreten.

Bemängelte Vergabe in fünf- bis sechsstelliger Höhe

Weiter ins Detail könne er aus juristischen Gründen nicht gehen, sagt Raphael Widmer. Aber: «Es gibt in der Rechnungsprüfung den Grundsatz der Wesentlichkeit. Die definierte Wesentlichkeit für eine Unregelmässigkeit wurde hier überschritten.» Man rede nicht von einer Auftragsvergabe von einigen hundert Franken. «Die Wesentlichkeitsgrenze liegt hier in einem fünf- und kumuliert sechsstelligen Bereich.»

Warum das ganze Gremium ersetzen, wenn die Vorwürfe sich in erster Linie gegen den Präsidenten richten? Raphael Widmer sagt: «Mitgegangen, mitgehangen. Wir haben die Kirchenpflege transparent über die Vorgänge informiert, und niemand wollte etwas dagegen tun. Ich gehe auch davon aus, dass diese Themen in den Sitzungen der Kirchenpflege thematisiert wurden.» Hätten die Vertreter der Kirchenpflege bei den Besprechungen anders reagiert und die Empfehlungen der RPK aufgenommen, hätte man sich den Verzicht auf eine Aufsichtsbeschwerde überlegen können. So aber sei ihm keine Wahl geblieben. «Mir ist die Kirchgemeinde sehr wichtig. Sie leistet eine hervorragende Arbeit unter Pfarrer Pascal Marquard.»

In der Seelsorge ist die Stimmung gut

Anruf bei Pascal Marquard mit der Frage, ob er Stellung zu den Vorgängen beziehen möchte. Er äussert sich diplomatisch. «Ich muss mich zurückhalten, bin als Pfarrer für alle zugänglich und darf mich nicht in die Politik einmischen. Zu den einzelnen Vorwürfen will ich nicht Stellung nehmen. Aber es ist mir ein Anliegen, dass die Kirchenpflege gute Arbeit leistet und verantwortungsvoll gegenüber unseren Mitgliedern handelt.» Er hoffe, dass die Kirchgemeinde durch die Bekanntgabe der Vorgänge wieder Klarheit und Sicherheit gewinne. «Die Stimmung in der Pfarrei und in der Seelsorge ist sehr gut.» Am letzten Wochenende hätten rund 300 Personen an den drei Gottesdiensten in Zumikon, im Zollikerberg mit dem Familiengottesdienst und in Zollikon teilgenommen. «Natürlich gab es nach dem Inserat im Zolliker Zumiker Boten viele Rückfragen. Die Leute sind verunsichert und erwarten mehr Information.» Er hält fest, dass der Weg der RPK an die Öffentlichkeit die einzige Möglichkeit gewesen sei, um die Stimmberechtigten zu erreichen. Einen innerkirchlichen Weg der Ansprache der Kirchenmitglieder gebe es nicht. «Wer nicht selbst Mitglied der Kirchenbehörden ist, hat keinen Zugriff auf die Adressen.»

Kirchenpflege bezieht Stellung

Der Zolliker Zumiker Bote gab Kirchenpflegepräsident Vedran Zrno Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äussern. Er schickte eine schriftliche Stellungnahme der Kirchenpflege: «Die RPK hat anlässlich der ordentlichen Sachbereichsprüfungen in ihren Berichten Aspekte zur Unvoreingenommenheit der Kirchenpflege sowie zur Abwicklung von Beschaffungen aufgeführt. Die Berichte der Sachbereichsprüfungen wurden am 28. April mit einer Aufsichtsbeschwerde durch die RPK an die Aufsichtskommission über Kirchgemeinden und Zweckverbände eingereicht. Gleichzeitig wurde eine Kopie der Kirchenpflege offiziell zugestellt.

Die Kirchenpflege wird nach detailliertem Studium der Berichte der RPK entscheiden, ob und allenfalls welche Schritte zur Behebung der beanstandeten Punkte zu treffen sind. Die Aufsichtskommission wird die Kirchenpflege zur Stellungnahme einladen, der Entscheid der Aufsichtskommission ist somit noch ausstehend. Da die Aufsichtsbeschwerde noch pendent ist, ist es der Kirchenpflege und der RPK aktuell nicht möglich, über den Inhalt und die Details zu informieren oder zu den gemachten Vorhalten Stellung zu nehmen. Die Kirchenpflege versichert jedoch, dass sie die vorgebrachten Anliegen ernst nimmt, mit gebotener Sorgfalt prüft und zu gegebener Zeit angemessen darauf reagieren und informieren wird.

Die Kirchenpflege hofft auf zahlreiches Erscheinen der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an der Kirchgemeindeversammlung am Montag, 1. Juni 2026, um 19.45 Uhr im Pfarreizentrum Zollikon und auf deren Willen zur aktiven Mitbestimmung im Namen und Sinne unserer Kirchgemeinde und ihrer beiden Pfarreien St. Michael, Zollikerberg/Zumikon und Heilige Dreifaltigkeit, Zollikon.»

Pfarrer Pascal Marquard wünscht sich, dass aus dem Vorgang auch Gutes erwächst: Auch er hofft, «dass viele Leute an die Kirchgemeindeversammlung vom 1. Juni kommen und an den Wahlen teilnehmen. Das ist ein wichtiges Prinzip der katholischen Kirche im Kanton Zürich, dass sich alle Mitglieder an der Kirchgemeindeversammlung ihre eigene Meinung bilden können.» Den Kirchgängern der Gottesdienste vom letzten Wochenende hatten sich einige der sieben neu Kandidierenden bereits mit den Gründen für ihre Kandidatur persönlich vorgestellt.

Darf man das Ganze als Putsch bezeichnen? Raphael Widmer lacht: «Ich rechne mir intakte Chancen im Sinne der Sache aus. Wenn die Bevölkerung realisiert, dass da etwas überhaupt nicht stimmt, wird das mobilisieren.»

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