Von Martina Gradmann ‒ 15. Mai 2026

Hans Glarner hält nicht viel von Small Talk und kommt gleich zur Sache. «Worüber wollen wir reden?», fragt er und fixiert die Schreibende mit seinen blauen Augen. 1982 wurde der Zolliker in den Gemeinderat gewählt, zuerst als Werkvorstand und 1986 als Präsident. Während 20 Jahren leitete er die Geschicke der Gemeinde, legte Wert auf eine kompetente, bürgerfreundliche Verwaltung und klar geregelte Stellvertretungen. «Wichtig war mir immer der Zusammenhalt in der Gemeinde, weshalb ich auch den Wochenmarkt auf dem Dorfplatz ins Leben rief», sagt Hans Glarner. Er staune und freue sich darüber, dass dieser Markt auch zwanzig Jahre nach seinem Rücktritt noch so gut funktioniere. Als Gemeindepräsident veranstaltete er aber auch Konzerte, Wettbewerbe und engagierte die Vereine für die 1.-August-Feier und Jungbürgerinnen und Jungbürger für das Pflanzen von Bäumen im Zolliker Wald. «Das Gefühl der Zusammengehörigkeit in einer Gemeinde entsteht nicht von selbst. Die Feuerwehr, der Seerettungsdienst sowie die zahlreichen Vereine sind ein Kitt in Zollikon, den die Behörden sorgfältig pflegen müssen», ist der heute 89-Jährige überzeugt. Hans Glarner, der auch als Vorsitzender im Verband der Gemeindepräsidenten des Kantons Zürich amtete, ist heute nicht mehr überzeugt, dass in der Politik immer die richtigen Leute am richtigen Platz sind. «Auch in der Gemeinde sind viele Ämter Führungsaufgaben und dazu braucht es Persönlichkeiten, die Aufträge klar formulieren, deren Ausführung sorgfältig überwachen und Fehlleistungen hart und zielführend richtigstellen können.» Solche Persönlichkeiten fördern seiner Meinung nach den Zusammenhalt in der Gemeinde und stärken das Vertrauen in die Politik. Es gehe dabei nicht um Parteipolitik, denn gewählt heisse noch lange nicht geeignet.
Hans Glarner stammt aus einer musischen Familie. Sein Vater war Berufsdirigent und Musiklehrer, seine Mutter Fotolaborantin und Fotografin. Als Junge sang er bei den Zürcher Sängerknaben und spielte später in der Dixieland-Band «The Moonstruckers» als Trompeter mit. Er wuchs mit drei Geschwistern in Höngg auf, beschäftigte sich zuhause am liebsten mit Zeichnen, Malen und Modellieren und lernte später den Beruf des Werbefachmanns. «Mit meinem Bruder und den Schulkameraden verbrachte ich viel Zeit im Wald auf dem Hönggerberg und im Dorf beteiligte ich mich in der ‹Gässli-Armee› an den Bubenkämpfen gegen die ‹Zweifel-Armee› und die ‹Wasser-Armee›», erzählt er. Sein Interesse für die Armee führte ihn von der Rekrutenschule über die Unteroffiziers- und Offiziersschule bis hin zum Dienst als Instruktor für Propaganda der geheimen Kaderorganisation P-26 (Das Projekt 26 war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung, die 1990 aufgelöst wurde). Als Oberst für psychologische Abwehr im Nachrichtendienst des Feldarmeekorps 4 beschloss Hans Glarner 1994 seine militärische Laufbahn.
Als Gründer der Werbeagentur Glarner & Blumer hatte der Zolliker nicht nur als Gemeindepräsident, sondern auch beruflich immer wieder mit den Medien zu tun. Er arbeitete selbst als Redaktor in der neu gegründeten Presseagentur Glarner AG, die vor allem durch die Führung von Kampagnen bekannt wurde. Er bedauert, dass negative Medienberichte viele Interessierte davon abhalten, sich für ein Amt zur Verfügung zu stellen. «Wenn man befürchten muss, dass man ständig angeprangert wird, wird man kaum ein Amt übernehmen.» Die herkömmlichen Informationsmedien hätten viel Einfluss an die Sozialen Medien verloren. Doch auch wenn die Digitalisierung enorme Fortschritte gemacht habe, sei es doch schade, dass viele Leute lieber mit ihrem Handy hantieren, als mit ihren Nachbarn zu sprechen.
Auch wenn sich Hans Glarner heute nicht mehr politisch engagiert, ärgert er sich über teils gewaltige Kostenüberschreitungen bei Bauprojekten, durch die Parteien und Behörden an Glaubwürdigkeit verlören. «Eine grosse Herausforderung für Zollikon bleibt ein solides Finanzgebaren. Ein chronisch zu hoher Steuerfuss kann auf Dauer den Zuzug guter Steuerzahler verhindern.» Zollikon sei unglaublich gewachsen, viele Grünflächen seien überbaut worden. Man höre viel mehr Englisch und Hochdeutsch, doch leider würden sich Neuzuzüger im Gegensatz zu den Einheimischen bei Begegnungen kaum noch grüssen. Begegnungen sind Hans Glarner wichtig, sei es beim Einkaufen oder mit Freunden.
Neben der Arbeit im Haushalt schreibt er seit zwölf Jahren an einem Manuskript über seinen Alterungsprozess, den er schonungslos beschreibe, schmunzelt er. Trotz einer gewissen Verschmitztheit spürt man bei Hans Glarner auch eine tiefe Traurigkeit. «Ich habe mich auch schon gefragt, wann ich in meinem Leben richtig glücklich war», sagt er. Diese Traurigkeit habe mit einem der tiefsten Punkte in seinem Leben zu tun. 1975 nahm sich seine gemütskranke Frau Regula nach einem Klinikaufenthalt zuhause das Leben.
«Ich zog mit meinen vier Buben an die Rotfluhstrasse in Zollikon und sah es als meine erste Pflicht, mit Hilfe meiner betagten Mutter für meine heranwachsenden Söhne zu sorgen». Hier sei er manchmal an seine Leistungsgrenzen gestossen. Ebenso erschütternd war für ihn der Tod seines jüngsten Sohnes Pascal im Juli 2025. Dieser hatte sechs Jahre zuvor einen Herzstillstand überlebt, wollte sich danach aber nicht weiter behandeln lassen. «Er hat während der Schul- und Lehrzeit von allen vier Söhnen am längsten bei mir gewohnt. Wir standen einander sehr nahe, haben viel Zeit miteinander verbracht und verstanden uns auch ohne Worte. Ich denke jeden Tag an ihn. Er fehlt mir. Mit ihm ist ein Stück von mir gegangen und ich bin auf einen Schlag alt geworden.»
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